21.11.2019 - 20:23 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Immer mehr psychisch Kranke: "Die Oberpfalz ist klar unterversorgt"

Es gibt immer mehr psychisch Kranke - auch in der Region und unabhängig vom Alter. Die psychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen soll in der Oberpfalz aber sehr gut sein. "Eine Farce", sagt Chefarzt Dr. Christian Rexroth.

Chefarzt Dr. Christian Rexroth, Leiter des kinder- und jugendpsychiatrischen Zentrums Amberg, Weiden und Cham der Medbo.
von Julian Trager Kontakt Profil

Der Experte kann darüber nur den Kopf schütteln: Vor sechs Jahren war die nördliche Oberpfalz in der Kinder- und Jugendpsychiatrie offiziell unterversorgt. So war es auf einer Grafik der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), die dem Gesundheitsministerium unterliegt, zu sehen. Heute schaut es laut KVB viel besser aus: Die komplette Oberpfalz, auch die nördliche Hälfte, ist jetzt überversorgt. Dabei habe sich so gut wie nichts getan, sagte Chefarzt Dr. Christian Rexroth am Donnerstag am Rande des von ihm veranstalteten kinder- und jugendpsychiatrischen Fachtags in Weiden.

"Das wurde schön gerechnet", meint der Leiter des kinder- und jugendpsychiatrischen Zentrum Amberg, Weiden und Cham der Medbo (Medizinische Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz). "Die Oberpfalz ist klar unterversorgt", sagte Rexroth. "Zu vielen Kindern geht es schlecht." Nur ein Viertel bekomme eine adäquate Behandlung. Im Bezirk gibt es 98 Plätze für Kinder und Jugendliche in psychiatrischen Einrichtungen, davon 40 Betten in der Regensburger Station. Das seien die wenigsten in ganz Bayern - und der Freistaat sei deutschlandweit sogar Schlusslicht.

Infografik: Psychische Erkrankungen bei Kindern & Jugendlichen | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Nicht besser sieht es bei den Wartezeiten aus: Die werden länger statt kürzer. Bei einer Regelversorgung kann es Monate dauern, bis der junge Patient behandelt wird - "manchmal sogar ein Jahr", sagte Rexroth. " Das geht gar nicht, das ist nicht tolerierbar."

Psychische Krankheiten sind weltweit auf dem Vormarsch, so der Chefarzt. Natürlich auch in der Oberpfalz und auch bei Minderjährigen. "Die Kindheit verändert sich, es wird immer mehr reingepresst", erklärt Rexroth. "Die Kinder bleiben ein Stück weit auf der Strecke."

Der Mediziner fordert mehr Mitarbeiter, mehr Helfer. "Es schaut mau aus, überall fehlt der Nachwuchs." Von daher ist er froh, dass es seit Juli 2018 einen Lehrstuhl für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Regensburg gibt. Das bringt Aufmerksamkeit.

Info:

Die Zahl der Schüler, die wegen einer Depression in eine Klinik eingewiesen werden, nimmt einer Studie zufolge zu. Innerhalb von zwei Jahren stieg ihre Zahl in Deutschland um fünf Prozent, wie aus dem am Donnerstag vorgestellten aktuellen Kinder- und Jugendreport der Krankenkasse DAK-Gesundheit hervorgeht. Demnach zeigte etwa jedes vierte Schulkind im Alter von 10 bis 17 Jahren psychische Auffälligkeiten. Jeweils rund zwei Prozent litten unter einer Depression oder Angststörungen, manche auch an beidem. Bei Mädchen träten diese doppelt so häufig auf wie bei Jungen. Hochgerechnet waren rund 238 000 Kinder dieser Altersgruppe so stark betroffen, dass sie einen Arzt aufsuchten.(KNA)

Der Fachtag in der Max-Reger-Halle fand im Rahmen des 30. Jahrestags der UN-Kinderrechtskonvention statt. Zu Beginn erinnerte Vizebezirkstagspräsident Lothar Höher an frühere Zeiten, in denen es normal war, Kinder zu schlagen. Das sei glücklicherweise vorbei.

Für das bayerische Familienministerium war eigentlich Ministerin Kerstin Schreyer angekündigt, sie musste aber in München bleiben, Kabinettssitzung. Ministerialbeauftragter Stephan John kam als Vertretung.

Veranstalter Rexroth dankte ihm explizit. Denn: Obwohl auch eingeladen, kam aus dem Gesundheitsministerium niemand. "Das fehlt hier", sagte der Arzt. Die Behörde sollte bei diesem Thema auch dabei sein, fand Rexroth. Genau wie das Kultusministerium, für das Rexroth ebenfalls kritische Worte übrig hatte. "Die Lehrkräfte sind in Not", weil es zu viele Schüler mit psychischen Problemen gebe. Das Kultusministerium sehe das aber nicht.

Dabei sei die Bewältigung dieser Probleme entscheidend für die Zukunft, so Rexroth. "Behandelt man die Kinder heute gut, hat man später weniger Erwachsene, denen es schlecht geht."

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