Weiden in der Oberpfalz
28.01.2022 - 15:46 Uhr
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Immer schon Theresia – Eine Trans-Frau aus der Oberpfalz erzählt von ihrem Weg zum richtigen Geschlecht

Theresia Stahl wuchs als Junge in der nördlichen Oberpfalz auf – bis sie sich entschied, künftig ein Leben im richtigen Geschlecht zu führen. Wie schwer ein solcher Schritt für Trans-Menschen gerade in der ländlichen Oberpfalz sein kann.

Theresia Stahl aus Weiden. Bild: Gabi Schönberger
Theresia Stahl aus Weiden.

Der neue Name war ganz einfach, der Rest viel komplizierter: "So heißt meine Patentante", sagt Theresia Stahl, über ihren "neuen" Vornamen. Es habe sie immer gestört, dass sie diesen Namen nicht tragen durfte, erzählt die 24-Jährige. Als sie vor etwa zwei Jahren beim Amtsgericht Nürnberg die Anpassung ihres Geschlechtseintrags nach dem Transsexuellengesetz erreicht hatte, musste sie deshalb nicht lange überlegen.

Die Jugendzeit war für die Weidenerin dagegen oft schwierig – bis Theresia mit 19 die Entscheidung traf, künftig als Frau zu leben – seither geht es ihr besser. Sie hat ein Bachelor-Studium abgeschlossen, steht kurz vor dem Masterabschluss in Volkswirtschaftslehre an der Uni Regensburg. Während sie zum Zeitpunkt ihres Outings kaum mehr das Haus verließ, gibt sie heute Statistikkurse für Studenten. Vor allem hat sie bei den Jusos Karriere gemacht. 2021 wählten die Mitglieder der SPD-Jungendorganisation sie zur stellvertretenden Landes- und Bundesvorsitzenden.

Vieles unbekannt

Auch durch Menschen wie Theresia Stahl erhält das Thema "Trans" heute mehr Öffentlichkeit. Und doch ist wenig bekannt. Schon die Frage nach dem "wie viele" lässt sich nur vage beantworten. Schätzungen zur Häufigkeit transidentitärer Selbstwahrnehmung gehen ziemlich auseinander. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes nennt auf ihrer Internetseite 60 000 bis 100 000 Trans-Personen, die derzeit in Deutschland leben.

Statistisch belegt sind für die Jahre 1995 bis 2019 28 095 Verfahren nach dem Transsexuellengesetz (TSG), so wie es auch Theresia Stahl durchlaufen hat. Das Gesetz aus dem Jahr 1981 ermöglicht es Trans-Menschen per Gerichtsentscheid ihren Personenstand an das empfundene Geschlecht anzupassen. Die Zahl der Verfahren hat über die Jahre stark zugenommen, von weniger als 500 im Jahr 1995 auf mehr als 2500 im Jahr 2019. Das hat auch damit zu tun, dass es das Bundesverfassungsgericht den Betroffenen mehrfach erleichtert hat, diesen Weg zu gehen. Bis zu einer Entscheidung der Karlsruher Richter im Jahr 2011 war etwa die Sterilisation der Betroffenen Bedingung für die Änderung des Personenstands.

Hohe Dunkelziffer

Aber auch heute dürfte es eine hohe Dunkelziffer von Menschen geben, deren Selbstwahrnehmung vom biologischen Geschlecht abweicht. Viele Betroffene leben lange im falschen Geschlecht, Studien zeigen, dass das Coming-out-Durchschnittsalter bei 38 liegt. Der Preis für die Verdrängung der eigenen Identität seien oft psychische Probleme, Suchterfahrungen – "Biographien voller Brüche" nennt es die Regensburger Psychiaterin Dr. Johanna Kirchberg, die häufig mit Trans-Menschen zusammenarbeitet.

Auch Theresia Stahl kennt den Druck, den die Erfahrung der eigenen Trans-Identität bedeutet. Sie habe diesen zu Beginn ihrer Pubertät kennengelernt, als sie plötzlich in sich den Wunsch bemerkte, ein Mädchen zu sein. Etwa 12 Jahre sei sie alt gewesen. Stahl spricht ruhig und sachlich über diese Zeit. Damals sei es ihr dagegen sehr schwer gefallen, damit umzugehen. "Ich konnte das nicht einordnen, habe das Gefühl aktiv verdrängt." Tatsächlich dauerte es sieben Jahre, bis aus der diffusen Empfindung, ein Entschluss wurde. Der Weg zu dieser Klarheit war hart. "Seit ich 14 bin habe ich Angststörungen. Außerdem hatte ich Depressionen, die mit der Zeit schlimmer wurden."

Keine Krankheit

Dr. Kirchberg kennt solche Geschichten. Sie arbeitet am Bezirksklinikum in Regensburg. Seit zwei Jahren ist sie zudem Teil des "Kompetenznetz für Geschlechtsdysphorie, Geschlechtsinkongruenz und Trans-Gesundheitsversorgung". Darin sind Mediziner vernetzt, die einen beruflichen Schwerpunkt bei der Arbeit mit Trans-Personen setzen. Auch Kirchberg betreut und behandelt regelmäßig Menschen mit Trans-Identität. Dabei habe das "Trans-sein" nichts mit einer Erkrankung zu tun, stellt die Ärztin klar. Allerdings sorgen die Lebensumstände und das innerliche „Inkongruenzerleben“ oft dafür, dass Trans-Menschen psychische Probleme entwickeln.

Es ist die Diskrepanz und der gesellschaftliche Umgang damit, der zu den Problemen führt. "Das Gefühl, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, bringen fast alle Trans-Personen mit", berichtet Dr. Kirchberg. Die Betroffenen müssen in einer Gesellschaft leben, in der sie nicht vorgesehen sind. Oft arbeiten sie gegen ihre Gefühle an. Kirchberg ist aufgefallen, dass Trans-Frauen – biologische Männer mit dem Empfinden von Frauen – häufig sehr "männliche" Berufe ergreifen oder sich in der Pubertät besonders männlich geben. "Dahinter steckt vielleicht auch der Wunsch, sich der eigenen fragilen Männlichkeit zu versichern." Für viele Trans-Männer, biologische Frauen mit dem Empfinden eines Mannes, sei oft besonders traumatisch, wenn die Brüste zu wachsen beginnen und die Regelblutung einsetzt. "Die Freunde aus der Kindheit fangen an, dich als Frau zu sehen." Die Erfahrung führt dazu, dass Betroffene sich zurückziehen – und nicht selten psychische Probleme entwickeln.

Klischees laufen ins Leere

Viele Eindrücke aus Theresia Stahls Leben klingen ähnlich. Und doch hat sie ihre eigene Geschichte, in der Klischees ins Leere laufen. "Ich hatte eine ziemlich normale Kindheit", erzählt sie. Sie spielte Fußball, an besondere Begeisterung für Kleider und Puppen könne sie sich dagegen nicht erinnern, erzählt Stahl, die in Weiherhammer im Landkreis Neustadt/WN aufgewachsen ist. Auf die Frage, ob ihre Kindheit glücklich war, antwortet sie ohne Zögern mit "Ja". Sie sei behütet aufgewachsen.

Mit der Pubertät endete diese unbeschwerte Zeit. Auch bei Stahl entwickelten sich psychische Probleme. Dass dies mit ihrer Geschlechter-Identität und dem verdrängten Wunsch zu tun haben könnte, sei ihr nicht sofort klar gewesen. "Es geht einem schlecht, und man fragt sich warum." Mit 18 Jahren begann sie in Passau ein Studium. Von dieser Veränderung habe sie sich auch eine Verbesserung ihres seelischen Zustands versprochen. "Ich hatte einfach das Gefühl, dass etwas anders werden muss."

Neue Perspektive

Der neue Wohnort änderte zwar nichts an den psychischen Problemen. Das neue Umfeld bot aber doch eine neue Perspektive aufs eigene Leben. Theresia Stahl spricht heute von einem Prozess der Selbstreflexion, der in Passau einen Abschluss fand: "Ich habe mich bewusst gefragt: Wie sehe ich mich, welcher Mensch möchte ich sein." Mit 19 steht für sie fest: Sie möchte künftig als Frau leben, mit allen Konsequenzen.

Mit der Entscheidung begann eine neue Phase: "Ich befinde mich seither in einem ständigen Prozess des Outings", beschreibt Theresia Stahl. Unproblematisch sei die Reaktion von Familie und Freunden gewesen. Sie wisse von anderen Betroffenen, dass dies nicht selbstverständlich ist. Ihre Angehörigen hätten ihr Outing aber sehr offen aufgenommen, erzählt Stahl. Dabei sei ihre Familie "eher konservativ". "Dass ich bei den Jusos bin, ist für meine Familie manchmal eher problematisch", sagt Stahl und lächelt.

Kompliment von den Cousinen

Sie glaubt, dass die positive Reaktion mit ihrer eigenen Entwicklung zu tun hat. Natürlich sei es den Eltern aufgefallen, dass es ihrem Kind nicht gut ging. "Ich habe damals kaum noch das Haus verlassen", sagt Stahl über ihre späten Teeanger-Jahre. Als sie 17 Jahre alt war, habe ihr Vater seinen damaligen Sohn zur Seite genommen. "Er wollte wissen, was mit mir los ist, ob es mir nicht gut geht." Sieben Jahre später ist die positive Entwicklung unübersehbar: "Erst zu Weihnachten haben mir zwei Cousinen gesagt, dass ihnen auffällt, wie sehr ich heute strahle."

Ein sorgenfreies Leben führt Theresia Stahl heute dennoch nicht. Zum einen verschwinden psychische Probleme nicht über Nacht, zum anderen mache sie "natürlich" regelmäßig Diskriminierungserfahrungen. Ablehnende oder feindliche Reaktionen erleben Trans-Personen ständig – oft auch von Menschen, von denen man dies nicht erwarten würde.

Langes Warten, weite Wege

Vor allem bedeute die Entscheidung, sich offen zur Trans-Identität zu bekennen, den Beginn eines neuen, langen Prozesses zur öffentlichen Anerkennung. "Man merkt als Trans-Person ziemlich schnell, dass einem viele Hürden in den Weg gelegt werden." Das Wort "Weg" trifft es dabei ziemlich genau. Denn egal ob es um Termine bei Ärzten, Psychologen oder das Treffen mit Gleichgesinnten in einer Selbsthilfegruppe geht: Fast alles ist mit weiten Strecken verbunden, wenn man in der Oberpfalz oder in Niederbayern lebt. Der erste Weg führte sie damals zur Selbsthilfegruppe nach München. Erst hier habe sie von einem transerfahrenen Psychotherapeuten in Passau erfahren. Solche Spezialisten sind selten: "Das Thema ist kein Bestandteil der Ausbildung, kommt im Studium nicht vor", weiß Stahl heute.

Die Wartezeiten für einen Termin sind deshalb oft lange, die Wege weit. Und doch muss man beides in Kauf nehmen. Wer sein biologisches Geschlecht anpassen will, etwa durch eine Hormontherapie, benötigt hierfür ein Indikationsschreiben eines Psychiaters oder einer Psychiaterin. Noch strenger sind die Vorgaben, möchte man auch vor dem Gesetz Anerkennung erreichen.

2000 Euro an Kosten

"Man merkt, dass das Transsexuellengesetz aus einer Zeit stammt, in der man es den Betroffenen nicht leicht machen wollte", sagt Stahl aus Erfahrung. Für den Antrag ist ein Nachweis nötig, dass man das angestrebte Geschlecht seit drei Jahren auslebt. Zudem sind zwei psychiatrische Gutachten nötig. Insgesamt musste sie rund 2000 Euro ausgeben, bis das Verfahren abgeschlossen war. Als Studentin konnte sie Prozesskostenhilfe beantragen, im Normalfall trägt aber der Antragssteller alle Kosten.

Ärztin Kirchberg weiß, dass dies für viele Betroffene auch deshalb ein Problem ist, weil sie unterdurchschnittlich verdienen. "Trans-Menschen weisen häufig viele Brüche in ihren Biografien auf, was sich dann auch beruflich niederschlägt." Noch schwieriger sei die Situation im ländlichen Raum. Kirchberg sagt, dass ihrem Eindruck nach noch immer das Akzeptanzproblem hier größer ist als in den Zentren. Hinzu kommen die langen Wege. Dabei geht es nicht nur um Arzttermine, sondern oft um Alltägliches. Viele Trans-Frauen benötigen zum Beispiel Kosmetiker, die wissen wie man einen Bartschatten richtig entfernt. Auf dem Land ist so jemand ebenso schwer zu finden, wie ein Logopäde oder eine Logopädin, die auf das Training der Stimmlage trainiert ist. Dieses ist aber nötig, wenn man möchte, dass die Stimme männlicher oder weiblicher klingt.

Keine andere Reaktion

In Sachen Akzeptanz ist Theresia Stahl etwas anderer Meinung. Sie hat sich bewusst für den Wohnort Weiden entschieden. Große Städte mit vielen Menschen seien ihr bis heute unangenehm. Auf dem Land sei es zwar schwieriger in der Anonymität abzutauchen, findet sie. Dass die Menschen dort aber negativer auf sie reagieren, könne sie nicht feststellen.

Die Erfahrung deckt sich mit den Eindrücken von Tanja Koller. Die Mitarbeiterin des Weidener Jugendamts bietet im "Projekt Plato" Beratung und Hilfe für junge Menschen in der Region an, die ihre Homosexualität oder Trans-Identität entdeckt haben. Gerade in den letzten Jahren habe sie den Eindruck, dass offener mit dem Thema umgegangen wird, berichtet Koller. Immer häufiger können zum Beispiel Jugendliche offen mit ihren Eltern sprechen, erfahren Rückhalt.

"Mehr Sichtbarkeit"

Auch eine Nachfrage bei der Regensburger Selbsthilfe-Gruppe "Trans-Ident" zeigt: Bei dem Thema bewegt sich etwas. "Besonders bei jüngeren Generationen werden Geschlechterrollen häufiger in Frage gestellt und überlegt, ob man diesen gerecht werden kann", sagt Dorian, ein Trans-Mann, und Ansprechpartner der Gruppe. Er bemerke, dass es häufiger Coming-outs gebe. Durch die zunehmende Sichtbarkeit stellen sich auch mehr Institutionen die Frage "Wie können wir weiterhelfen?", berichtet Dorian. Das alles spiele sich auch in der ländlichen Oberpfalz ab. "Es gibt viele Trans-Personen, die in kleinen Orten wohnen bleiben", sagt Dorian. Das habe mit dem sozialen Umfeld, der Arbeitsstelle oder auch mit finanziellen Gründen zu tun: "Ich weiß von einer Person, die gerne nach Regensburg gezogen wäre, deren Budget für Miete aber extrem begrenzt war."

Wie Theresia Stahl sieht auch Dorian vor allem beim Transsexuellengesetz Verbesserungspotential. Weniger Bürokratie würde Trans-Menschen das Leben leichter machen. Das wünscht sich auch Theresia Stahl, die diese Bürokratie komplett durchlaufen musste. Trotz der Belastung möchte sie jungen, aber auch älteren Menschen Mut machen, den Weg zu gehen. "Ich weiß, dass dies am Anfang sehr schwierig wirkt." Doch aus Erfahrung könne sie allen Betroffenen heute sagen: "Es lohnt sich."

Das Gefühl, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, bringen fast alle Trans-Personen mit.

Psychiaterin Dr. Johanna Kirchberg

Psychiaterin Dr. Johanna Kirchberg

Kleines Trans-Wörterbuch

Theresia Stahl aus Weiden. Bild: Gabi Schönberger
Theresia Stahl aus Weiden.
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Bayreuth19.01.2022
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