28.09.2020 - 07:38 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Janner Waagen aus Weiden wiegen die Welt

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Das Gewicht ist das Maß: ob bei Metzger oder Obsthändler, beim Abwiegen von Sand und Kies oder - auf das Nanogramm genau - in der Apotheke und im Labor. Auf präzises Wiegen hat sich ein Oberpfälzer Unternehmen spezialisiert.

Diese exakt kalibrierten Gewichte aus Edelstahl dürfen nur mit speziellen Handschuhen angefasst werden. Fett oder Verunreinigungen an den bloßen Händen könnten zu minimalen Veränderungen führen.
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

"Überall wird gewogen", sagt Siegfried Janner. Er führt in der vierten Generation den Mittelständler (50 Mitarbeiter) Janner Waagen. Die Anfänge gründen auf einer dörflichen Schmiede im Markt Mantel (Kreis Neustadt/WN) am Ende des 19. Jahrhunderts. Seit 2005 sitzt das Unternehmen in Weiden-West.

"Bei der Präzision gehen wir keinerlei Kompromisse ein. Wir liefern nur maßgeschneiderte Lösungen für Betriebe", sagt Janner. Nicht nur in Europa, sondern inzwischen auch in Nahost oder Russland sind die Oberpfälzer Qualitätsprodukte gefragt. Der Exportanteil beträgt über 15 Prozent. Die Musik spielt jedoch in Deutschland, dem größten Absatzmarkt. Namhafte Konzerne setzen auf Janner-Waagen: BMW, Mercedes und VW, Hipp und Merck, Infineon, Baywa, Wacker, Heidelberg Zement, Deutsche Post DHL, oder auch regionale Größen wie ATU, Bayernland, Bergler, Amberger Kaolinwerke, Dorfner oder Constantia Pirk.

Mit Bescheidenheit und Fleiß tüftelt Siegfried Janner mit seinen Mitarbeitern an technisch immer ausgefeilteren, komplexen Hightech-Wägelösungen. Das Team um den Firmenchef, den Prokuristen Sebastian Denzler und Qualitätsmanager Matthias Ay versteht sich als nicht weniger als "Partner für Wägetechnik Industrie 4.0": mit digitaler Vernetzung und Fernzugriff über das Notebook, Cloud und App. Von der Software-Entwicklung bis zur Produktion bleibt die gesamte Wertschöpfung im Haus.

In Ostbayern nichts Vergleichbares

Janner Waagen konstruiert und stellt Waagen in den verschiedensten Variationen mit einem Wägebereich vom Milligramm bis zu 200 Tonnen her. Zahlreiche europäische Patente sind die Folge, in verschiedenen Sparten kommt Janner Waagen ein Alleinstellungsmerkmal zu, etwa für eine Tischwaage ohne Schweißnähte, hoch genaue Förderbandwaagen oder für Flurförderfahrzeuge (Gabelstapler), die sogar in Schrägstellungen von bis zu fünf Grad noch präzise messen. In der Waagen-Branche gibt es - nach eigenen Angaben - in Ostbayern kein vergleichbares Unternehmen, und in Deutschland "nur ganz wenige".

Janner Waagen hat die eigene Fertigung im Haus – mit Gewichten in allen Größen. Von rechts: Prokurist Sebastian Denzler, Firmenchef Siegfried Janner und Qualitätsmanager Matthias Ay.

Von einem "Meilenstein in der Unternehmensgeschichte" spricht Janner bei der jüngsten amtlichen Ernennung zum "Akkreditierten Kalibrierungslaboratorium" für alle mechanischen Messgrößen, also Waagen und Gewichte. Als Kalibrierungslaboratorium garantiert das Unternehmen die lückenlose Rückführbarkeit auf das neue Ur-Kilo, eine Silizium-Kugel. Dieser Schritt erforderte eine Investition von rund 300 000 Euro. Qualitätsmanager Matthias Ay spricht von einem "Türöffner für neue Märkte". "Vor allem für die Automobil- und Pharmaindustrie werden wir als Partner noch interessanter."

Erdanziehung wird berücksichtigt

Genauere Waagen arbeiten nach dem Prinzip der elektromagnetischen Kraftkompensation. Hierbei spielt als weiterer Präzisions-Korrektur-Faktor die jeweilige geografische Erdanziehung eine Rolle. "Eine Waage in Hamburg misst ohne diesen G-Faktor anders als in München", erläutert Sebastian Denzler. So existieren etwa für Frankreich 100 dieser G-Zonen, in Italien verfügt nahezu jede Stadt über ihren eigenen G-Faktor. Waagen müssen regelmäßig geeicht oder kalibriert werden.

Um Schwerlasten exakt zu wiegen, verfügt der Firmenfuhrpark über drei je 50-Tonnen-Eichfahrzeuge. Janner: "Für die Eichung von Fahrzeugwaagen muss auch die Witterung passen, es darf nicht regnen oder schneien." Mehr als 250 Leih-Waagen sind von Weiden-West aus auf dem Markt, wiegen Container, Beton und Stahl, dienen als Auszeichnungs- und Zählsysteme. Die komplizierte Wäge-Technik ist kein Lehrberuf mehr. "Das tiefe Wissen wird quasi weiter vererbt", unterstreicht Janner. Die Mitarbeiter von Janner-Waagen sind Elektriker oder Metallbauer. Stolz ist Siegfried Janner auf seine Sammlung einiger Tausend historischen Waagen durch die Jahrhunderte: "Sie funktionieren noch heute."

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Hintergrund:

Physik einer Waage

Die Produkte/Waagen von Janner findet man überall, in der Entsorgung, auf Flughäfen oder bei der Pharma-, Food-, Schüttgut-, Automobilindustrie: in verschiedensten Bauformen und Nennlasten. Wägezellen bestehen aus einem Aluminium- oder Edelstahlmesskörper. Auf diesen werden dann die kaum fingernagelgroßen Dehnmessstreifen (DMS) aufgeklebt und auf einer Platine zu einer Wheatstone-Brücke zusammengeschaltet. Die Konstruktion, die Wägezellen (DMS) und das Auswertegerät ergeben dann zusammen eine Waage. Sie werden in Autositzen zur Gurt-Erkennung ebenso eingesetzt wie zur Kräftemessung in den Tragflächen von Flugzeugen. „Die Physik dafür ist immer die Gleiche“, betont Janner. „Eine ungeeichte Badezimmer-Waage daheim zeigt nicht das richtige Gewicht an“, sagt Matthias Ay. Da alle Küchen und Personenwaagen im privaten Bereich keiner Eichpflicht unterliegen, sind sie relativ ungenau. Auf dem eichpflichtigen Markt sieht es ganz anders aus. Die Bauartzulassung erfolgt durch Gesetze oder Verordnungen und wird durch eine Behörde wie die Physikalisch-Technische Bundesanstalt PTB (vergleichbar mit einem Kfz) geprüft und erteilt. Nur dann dürfen Waagen geschäftlich eingesetzt werden. Janner Waagen besitzt als Hersteller zahlreiche Bauartzulassungen.

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