09.11.2018 - 18:27 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"K Grenze": Im "Autosalon" der Kripo

Er ist das aktuelle Prachtstück in der Fahrzeughalle der Polizei: ein blitzblanker Audi SQ5 mit Offenbacher Kennzeichen. Zugelassen am 24. Oktober. Gestohlen am 29. Oktober. Warum der Besitzer der Oberpfälzer Polizei dankbar sein kann.

Kommissariatsleiter Georg Bäuml (von links) und die Kriminalhauptkommissare Wolfgang Robl, Gabriele Michler, Norbert Schiener und Wolfgang Achtert sowie Kriminalhauptmeisterin Kathrin Köstler (nicht im Bild) sind immer dann zuständig, wenn Kriminalität Grenzbezug hat.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Bis heute nicht gefasst: Im Juni 2018 stehlen zwei junge Männer einen BMW in Weiherhammer. Eine Videoanlage filmt die Täter, wie sie mit einer „Antenne“ das Signal des Schlüssels im Wohnhaus abfangen.

Weiden. (ca) Der Diebstahl erfolgte um 2 Uhr morgens. Drei Stunden später stoppten Waidhauser Schleierfahnder das 70 000-Euro-Auto kurz vor der Grenze. Am Steuer: ein Pole. Da ahnt der Fahrzeughalter in Offenbach noch nicht einmal, dass ihm sein Audi abhanden gekommen ist. Der Anruf der Polizei holt ihn aus dem Bett. "Er hat erst einmal aus dem Fenster geschaut", berichtet Erster Kriminalhauptkommissar Georg Bäuml, Chef des Kommissariats 10, genannt "K Grenze".

Bei Tat gefilmt

Keyless-Go ist komfortabel, leider auch für Kriminelle: Ohne Schlüssel kann das Auto geöffnet und per Knopfdruck gestartet werden. Es genügt, wenn der Wagen das Signal des Schlüssels empfängt. Der Offenbacher Audi war vor dem Haus geparkt, der Schlüssel lag im Flur. Das K 10 bearbeitete seit Jahresanfang 12 Keyless-Go-Fälle: 7 Diebstähle ereigneten sich in ihrem Einzugsbereich (WEN, TIR, NEW); 5 gestohlene Fahrzeuge von auswärts wurden auf dem Weg nach Tschechien sichergestellt.

Ein Überwachungsfoto aus einer privaten Garage in Weiherhammer zeigt den "Modus Operandi". Ein junger Mann hält einen viereckigen Metallrahmen hoch. Mit dieser "Antenne" fängt er das Signal des Schlüssels ab und leitet es auf den Wagen um, in diesem Fall einen BMW 540d xDrive für 80 000 Euro.

Es gibt dann nur noch eine Herausforderung für die Autodiebe: Sie dürfen den Motor auf ihrer Fahrt nach Osteuropa nie abwürgen. Selbst beim Tanken und bei Pinkelpausen muss er laufen. Im Fall des BMW in Weiherhammer ging etwas schief: Das Auto blieb 40 Meter vom Wohnhaus entfernt liegen. 14 Tage kehrten die Täter zurück und stahlen den BMW trotzdem. In Weiden gibt es einen Geschädigten, dem schon zwei Keyless-Go-Autos gestohlen wurden.

Die Täter kommen zumeist aus Polen oder Litauen. Bäuml geht von arbeitsteiligem Vorgehen aus. Ein Kopf einer Bande erteilt den Auftrag. "Späher" suchen die Autos aus, möglicherweise, in dem sie gezielt die bestellten Typen bis zur Wohnadresse verfolgen. Dann werden die "Entwender" gerufen und möglicherweise noch "Techniker" hinzugezogen, die elektronische Geräte lahmlegen. Oft werden "Jammer" in die Autos gelegt, Störgeräte gegen Ortung.

Die Fahrer sind die kleinsten Lichter in der Hierarchie, aber eben auch die, die man schnappt. Um die 500 Euro werden für den Transfer-Dienst ausgelobt. Einmal saß ein 25-jähriger Litauer bei der Vernehmung im K 10, der angab, dass ihm für die Tour seine Spielschulden erlassen würden. Er hatte nicht einmal einen Führerschein. Seine Fahrt mit einem gestohlenen BMW M6 aus Gückingen (Rheinland-Pfalz) endete nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei in einem Acker bei Plößberg.

Fast alle Kriminalbeamten des "K Grenze" - bis auf Kommissarin Michler - arbeiteten tatsächlich einmal für die Bayerische Grenzpolizei. Chef Bäuml tat dies seit 1983, zuletzt als Fahndungsgruppenleiter in Waldsassen. Er erlebte hautnah, wie sich der Eiserne Vorhang 2007 mit der vollen Schengen-Reife Tschechiens ins Gegenteil verkehrte: Die Grenzkontrollen wurden komplett eingestellt. Es gab Befürchtungen der Bevölkerung und Politik, die Kriminalität könne von Ost nach West überschwappen.

Kein Rückgang bei Crystal

Gegengesteuert wurde mit dem Aufstellen neuer Fahndungseinheiten ("Schleierfahndung"), angesiedelt bei den Polizeiinspektionen Waldsassen und Waidhaus. Flankierend wurde zum 1. Januar 2008 das K 10 gegründet. Die Kommissare aus Weiden sind immer dann zuständig, wenn gewissen Schwellen überschritten werden: ob bei Sachwerten oder Gramm-Mengen bei Drogen.

Crystal ist dabei einfach nicht tot zu kriegen. "Es ist erkennbar, dass bevorzugt wieder größere Mengen an Crystal - 10 bis 250 Gramm - eingeführt werden", sagt Bäuml. Sein Kommissariat arbeitete 2017 insgesamt 34 BTM-Delikte ab, alles Einfuhren in nicht geringer Menge. Rund 40 Personen gingen in U-Haft. Ein Ausreißer anderer Art war der Aufgriff eines türkischen Lastwagenfahrers im Juli in Waidhaus, der 3 Kilogramm Heroin nach Deutschland bringen wollte. Die End-Sachbearbeitung liegt hier in den Händen des Landeskriminalamtes Berlin.

Zurück in den "Autosalon" des "K Grenze" in Weiden. Hier steht ein Jeep aus Russland, in Spanien gestohlen, gestoppt in Waidhaus. Neben den Grand Cherokee duckt sich ein Corsa: ein französisches Mietauto, das nicht zurückgegeben wurde. Daneben ein "entführter" Sprinter: ein Tiefkühlfahrzeug für frische Fische. Und ein VW-Bus, in dem ein Vietnamese aus Tschechien 20 Kilo Haschisch transportiert hat.

Quasi "international Business". Mit großer Routine arbeitet das K 10 mit ausländischen Dienststellen zusammen, zuvorderst mit den Gemeinsamen Zentren. Diese gibt es aktuell in Kehl (mit Frankreich), Luxemburg, Padborg (mit Dänemark), Swiecko bei Frankfurt/Oder (mit Polen) sowie in Petrovice und Schwandorf mit der Tschechischen Republik. Beispiel: Ein Rumäne stiehlt in Frankreich ein Auto. Er fällt damit nicht unter deutsches Strafrecht. Über internationale Rechtshilfe wird mit der Justiz am Tatort - in diesem Fall Frankreich - Kontakt aufgenommen, die entscheidet, ob sie den Festgenommenen ausgeliefert haben will. Bis dahin wird er in Haft "festgehalten".

Hintergrund:

Prominentester Crystal-Käufer auf dem Asiamarkt in Chef (Eger) dürfte 2017 der Trachten-Schneider Daniel F. aus München gewesen sein. Sein Fall machte in der Landeshauptstadt Schlagzeilen. Der 38-Jährige wurde in der Münchener Partyszene jahrelang als Promi-Designer gefeiert, der unter anderem Florian Silbereisen ausstattete.

Die Festnahme von F. ging auf Ermittlungen des Kommissariats 10 der Weidener Kripo zurück. Der Polizei in Waldsassen war im Mai 2017 ein Brasilianer aus München mit 100 Gramm Crystal ins Netz gegangen. Er entpuppte sich vor Gericht als „Partylöwe“, der mit den Drogen bei ausschweifenden Sexpartys seine Escort-Boys bezahlt hatte.

Der Brasilianer brachte den Promi-Schneider ins Gespräch, der ihm den Tipp mit Eger gegeben habe, weil er selbst dort einkaufe. Operative Maßnahmen liefen an, die im Dezember 2017 in der Festnahme von Daniel F. mündeten. Die Staatsanwaltschaft warf dem Münchener zehn Beschaffungsfahrten und den Import von einem halben Kilo Crystal vor. Im Oktober fiel nun das Urteil am Landgericht München gegen den einstigen Society-Liebling: 5,5 Jahre Haft, die er möglicherweise nie antreten muss. Der 38-Jährige konnte sofort die Therapie in einer geschlossenen Einrichtung beginnen. Er war geständig. Die „Bild“ zitiert ihn: „Wenn ich nicht inhaftiert worden wäre, hätte ich nicht überlebt.“ (ca)

Der Fall Daniel F. füllt die Boulevard-Presse in München.

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