08.06.2018 - 13:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kampf für (Meinungs-)Freiheit

Vladimir Markovic ist so ein Fall. Der jugoslawische Journalist landet Ende der 70er Jahre im Gefängnis, "weil er sein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen hat", erinnert sich Veit Wagner. Einer der ersten Fälle für Amnesty International in Weiden.

Die sogenannten Prisoner Dossiers stammen aus den ersten Jahrzehnten der „AI“-Arbeit in Weiden. Damals betreute die Gruppe, der Hugo Braun-Meierhöfer und Veit Wagner (von links) angehören, in der Regel Einzelfälle von Gesinnungsgefangenen. Aktuell sind sie für die Länder Türkei und Nordkorea zuständig.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

(ps) Der damals 26-jährige Vladimir Markovic kommt schließlich ins Belgrader Gefängnishospital. "Im Grunde hat man ihn als Straftäter und als geisteskrank hingestellt", sagt Wagner. "Das war eine beliebte Mischung." 1979 übernahm die Weidener AI-Gruppe diesen Fall. Wenig später, 1980, hat sich der Bundestagsabgeordnete Ludwig Stiegler (SPD) eingeschaltet. "Auch Willy Brandt und Herbert Wehner haben sich für diesen Journalisten eingesetzt. Vermutlich hat das den Fall schneller vorangebracht", meint Veit Wagner im Rückblick.

Der damals 26-jährige Vladimir Markovic kommt schließlich ins Belgrader Gefängnishospital. "Im Grunde hat man ihn als Straftäter und als geisteskrank hingestellt", sagt Wagner. "Das war eine beliebte Mischung." 1979 übernahm die Weidener AI-Gruppe diesen Fall. Wenig später, 1980, hat sich der Bundestagsabgeordnete Ludwig Stiegler (SPD) eingeschaltet. "Auch Willy Brandt und Herbert Wehner haben sich für diesen Journalisten eingesetzt. Vermutlich hat das den Fall schneller vorangebracht", meint Veit Wagner im Rückblick. Und Hugo Braun-Meierhöfer fügt hinzu: "Ein gutes Beispiel für die wichtige Lobbyarbeit im Hintergrund." Im Sommer 1982 kam Markovic frei.
Veit Wagner - in Weiden als Grünen-Stadtrat, Vorsitzender des Vereins Freunde der Kulturbühne und ehemaliger Lehrer des Kepler-Gymnasiums bestens bekannt - zählt zu den Mitbegründern der Amnesty International-Gruppe 1684 in Weiden. "Anfang der 70er Jahre hatte Pfarrer Rainer Holl bereits eine Amnesty-Gruppe aus der Taufe gehoben." Die hat sich aber wieder aufgelöst, und Pfarrer Holl wurde Mitglied in der im Dezember 1978 neu gegründeten Organisation.

Einsatz für Folteropfer

40 Jahre ist das nun her. In dieser Zeit haben die Aktiven zahlreiche Fälle von sogenannten Gewissensgefangenen betreut. Menschen, die in Haft kommen, nur weil sie anderer Meinung sind, als das jeweilige Regime. Später kamen Opfer von Folter hinzu und von der Todesstrafe Bedrohte. Doch der Ausgangspunkt für "AI" war die Meinungsfreiheit. "Zwei Studenten in Portugal haben die Organisation 1962 ins Leben gerufen", erzählt Braun-Meierhöfer. Wagner ergänzt: "Ihnen war bewusst geworden, dass jemand ins Gefängnis kommen kann, nur weil er anders denkt als es erwünscht ist."
Dass Amnesty in den 60er Jahren auch in Regensburg Anhänger fand, in den 70ern dann in der Nordoberpfalz, "war eine Sache des Zeitgeists", meint Braun-Meierhöfer. "Damals wollten alle politisch aktiv sein, aber ohne in eine Partei einzutreten", erinnert er sich an seine eigene Studentenzeit. Viele Bürger wussten allerdings nichts mit der Organisation anzufangen. Die erste "AI"-Demonstration in Regensburg hat Wagner noch gut im Gedächtnis: "Die einen haben uns beschimpft, geht's doch in die Sowjetunion, die anderen sagten, geht zu den Amerikanern oder sonst wohin. Jeder hat uns auf eine andere Seite gesteckt."
Damals hätten sich die meisten Staaten die Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten verbeten. "Erst allmählich wurde den Leuten bewusst, dass Menschen Rechte haben, egal, wo sie leben", sagt Braun-Meierhöfer. "Heute reden alle mit." Bei den Politikern allerdings habe sich die Reputation von "AI" mit der Verleihung des Nobelpreises 1977 schlagartig gebessert. "Erst hielt man die ,AI'-Akteure für links angehauchte Spinner, dann wurden sie Gesprächspartner für Regierungen."
In den ersten Jahrzehnten betreuten die Ortsgruppen meist Einzelfälle von Gesinnungsgefangenen. Kim Hyeong-Guk war ein weiterer Fall, den "AI" Weiden 1979 übernahm. "Kim Hyeong-Guk hatte die Frau des damaligen Oppositionspolitikers und späteren südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung informiert, dass im Juni 1978 eine große Studentendemonstration gegen die Verfassung stattgefunden hatte, und dass eine weitere Demonstration geplant ist", so Veit Wagner. "Das allein genügte für eine Inhaftierung."

Langer Atem ist nötig

Mit Briefen und Unterschriftenlisten machte sich "AI" Weiden, teilweise in Zusammenarbeit mit "AI"-Gruppen aus anderen Ländern, für die Freilassung der Inhaftierten stark. Dabei war häufig langer Atem gefragt, wenn es überhaupt zur Freilassung kam. "Der Erfolg lässt sich schwer messen", räumt Wagner ein. "Nur in wenigen Fällen weiß man sicher, dass der Druck durch Brief- und Lobby-Aktionen zur Aufhebung der Haft führte." Was er für den harten Kern von einem Dutzend Weidener Aktiven als Erfolg wertet: "Dass es uns über die Jahrzehnte gelungen ist, viele Leute in diese Arbeit einzubinden. Vor allem auch Schüler, denen dieses Engagement anfangs übrigens verboten war."
Rund 200 Leute sind aktuell im Freundeskreis "Vier pro Jahr" aktiv, der sich vierteljährlich in Briefaktionen gegen Menschrechtsverletzungen stark macht. "Und wir haben von Weiden aus die Amnesty-Gruppen in Schwandorf und Tirschenreuth mitbegründet, die in Cham wieder aufleben lassen." Mittlerweile ist die Arbeit von Amnesty anders organisiert. Die Weidener Gruppe betreut aktuell die Länder Türkei und Nordkorea. In Brief- und Online-Aktionen setzen sie sich unter anderem für die Freilassung von Idil Eser ein, eine "AI"-Mitarbeiterin in der Türkei. Ebenso wie der Direktor der "AI"-Sektion Türkei sitzt sie seit einem Jahr hinter Gittern, weil ihr die Mitgliedschaft in einer bewaffneten, terroristischen Vereinigung vorgeworfen wird. Wagner: "Das entbehrt jeder Grundlage."

Mais aus Kuhmist gegessen

Im Fall Nordkorea prangert Amnesty Weiden unter anderem die unmenschliche Situation in den Straflagern an. Deren Existenz wird von der zuständigen Regierung übrigens bestritten. Dabei hat Amnesty International mehrere ehemalige Häftlinge interviewt, die von Hinrichtungen, brutaler Folter und mangelhafter Ernährung berichteten. So erzählte der Ex-Häftling Shin Dong-hyuk: "An einem Tag war ich sehr glücklich darüber, dass ich in den Exkrementen einer Kuh ein paar unverdaute Mais-Körnchen fand. Ich hob sie auf, machte sie mit meinem Ärmel sauber und habe sie gegessen."
"Die Atomdiskussion zwischen Trump und Kim Jong-un ist für uns nicht relevant", betont Braun-Meierhöfer. "Uns geht es um die Menschenrechte." Die Deklaration wird in diesem Jahr übrigens 70 Jahre alt. Auch dazu plant die "AI"-Gruppe 1684 eine Aktion in Weiden.

Info:

40 Jahre Amnesty International Weiden, 70 Jahre Deklaration der Menschenrechte: Die Aktiven vor Ort haben dazu eine ganze Reihe von Veranstaltungen geplant:
11. bis 14. Juni: Der „AI“-Bus macht bei der Realschule Station. 20 Klassen von Sophie-Scholl-Realschule und Elly-Heuss-Gymnasium werden die Arbeit von „AI“ kennenlernen.
6. Juli, 20 Uhr, im Kunstverein: „48m – Gefährliche Flucht über den Grenzfluss Yalu“. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten und zeigt unter anderem zwei Schwestern, die erleben, wie ihre Eltern beim Versuch, den 48 Meter breiten Fluss zwischen Nordkorea und China zu überqueren, von nordkoreanischen Soldaten hingerichtet werden.
11. September bis 5. Oktober: „AI“ errichtet ein Monument in der Altstadt, das auf das 70-jährige Bestehen der Deklaration der Menschenrechte hinweist.
5. Dezember: Die „Berliner Compagnie“ zeigt das Theaterstück „Anders als du glaubst – ein Stück über Juden, Christen, Muslime und den Riss durch die Welt“. Die Aufführung wird vermutlich in Zusammenarbeit mit der „Kulturbühne“ in der Max-Reger-Halle angeboten. (ps)

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