30.07.2021 - 17:54 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Katrin Göring-Eckardt: Die grüne Land-Flüsterin

Politische Gegner entwerfen Schreckensszenarien, für den Fall, dass Annalena Baerbock doch noch ins Kanzleramt stolpern sollte. Doch die besonnene Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt taugt nicht recht zum Schreckgespenst.

Katrin Göring-Eckardt, Grüne Fraktionsvorsitzende im Bundestag, im Redaktionsgespräch.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Nicht alle Politiker im Berliner Reichstag sind Großstadtkinder. Die unaufgeregte Thüringerin Katrin Göring-Eckardt etwa ist im 7500-Einwohner-Nest Friedrichroda geboren. "Aufgewachsen bin ich aber in Gotha", konkretisiert die grüne Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Eine alte Residenzstadt in der Preisklasse Ambergs und Weidens. Die wertkonservative Reala kennt also das Landleben.

Und sie relativiert die Unterschiede: "Wir müssen den Stadt-Land-Gegensatz überwinden", sagt sie versöhnlich. "Der Klimawandel macht da keinen Unterschied, wie man beim Hochwasser im Westen gesehen hat." Und auch die Probleme seien so unterschiedlich nicht: "Innenstädte drohen genauso zu veröden wie Dorfkerne." Die ehemalige Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) weiß, dass die Menschen jenseits der Stadtgrenzen nicht hinterm Mond leben.

Auch der Verbrenner bleibt (noch)

Nur die Lebensumstände sind eben anders: "Keiner muss Angst haben, dass wir das Autofahren verbieten", wiegelt sie ab. "Die Menschen können mit ihrem Verbrenner weiterfahren.", sagt sie. "Es wäre ja ein ökologischer Unsinn, die Fahrzeuge einfach wegzuschmeißen." Und das E-Auto? "Das nächste Fahrzeug sollte dann elektrisch sein." Statt Wohlhabenden wie ihr eine Prämie für den Umstieg zu geben, sollte man diese eher Menschen geben, die das nötiger hätten.

Was die Grünen wollen: eine mittelfristige Mobilitätsgarantie. "Man muss auch mit dem ÖPNV überall hinkommen." Land und Bund müssten die Kommunen stärker unterstützen, um Dörfer noch lebenswerter zu machen: "Lasst uns gucken, dass wir in Leerstände ein Gemeinschaftshaus, einen Dorfladen oder einen Club bekommen." Dafür habe man schließlich ein Heimatministerium mit Städtebaufördermitteln.

Klimaschutz-Sofortprogramm

Mit Blick auf Wetterextreme, Hochwasser und Artensterben macht sie aber auch deutlich: "Am Klimaschutz-Sofortprogramm führt kein Weg vorbei." Dass die Groko bereits einen CO2-Preis beschlossen hat, hält sie deshalb im Kern für richtig. "Aber es ist falsch, dass es dafür keinen sozialen Ausgleich gibt."

Die Grünen haben sich darauf festgelegt, den Bürgern vorab den Mehrpreis für Energie gemessen an deren CO2-Fußabdruck zu erstatten: "Wer sparsam mit Heizung, Auto und Urlaub umgeht, profitiert davon." Auch die Phantomdebatte um ein vermeintliches Verbot des Eigenheims stellt die Mutter zweier Söhne richtig: "Es ging um den zunehmenden Flächenverbrauch vor allem in Großstädten, wo der Platz knapp ist und die Mieten teuer." Die Kommune könne allerdings Anreize im Sinne von "Jung kauft Alt" schaffen: "So können ältere Häuser im Ortskern etwa von jungen Leuten wieder hergerichtet werden."

Flächenmanagement erforderlich

Man brauche insgesamt ein Flächenmanagement, das interkommunale Gewerbegebiete fördere: "Wir haben bei dem verheerenden Hochwasser gesehen, dass wir auch vor Ort ein regionales Management brauchen, damit es bei Starkregen nicht durch versiegelte Flächen zu weiteren Katastrophen kommt."

Den Ansatz, auf jeden Neubau eine Photovoltaikanlage verbindlich vorzuschreiben, hält Göring-Eckardt für richtig. Für die Innenstadtentwicklung soll eine "Wohngemeinnützigkeit" dafür sorgen, dass einmal geförderter Wohnraum auch wirklich sozial gebundener Wohnungsbau bleibt - schnelles Internet und öffentlicher Personennahverkehr inbegriffen: "Wir haben in der Pandemie gelernt, dass viele sehr gut auch im Homeoffice arbeiten können und nicht jeden Tag hin- und herfahren müssen."

Flug nach Malle?

Bleibt also noch der Flug nach Malle, der den Grünen ein Dorn im Auge ist? "Es ist nicht unsere Art, anderen zu sagen, du musst dein Leben ändern", korrigiert die 55-Jährige, "sondern Möglichkeiten zu schaffen, ein anderes Leben zu führen." Dazu gehöre, dass sich die Deutsche Bahn wandle: "Die Bahn ist im Besitz des Bundes, da ist es schon befremdlich, wenn man einfach die Nachtzüge einspart, weil man findet, das sei kein gutes Geschäft."

Jetzt hätten Österreicher diese Nische übernommen. "Wir finden, dass die Schiene ausgebaut werden muss, damit man Orte schnell und problemlos mit der Bahn erreichen kann - dann muss es nicht mit dem Flugzeug sein." Treffen werde dies aber vor allem die Geschäftsleute.

Stolpersteine für Bürgergenossenschaften

Bei der Energiewende setzt die moderate Grüne auf den Dialog: "Wir brauchen mehr Windenergie." Sie wisse um die Konflikte. "Und es macht einen Unterschied, ob man den Menschen das Windrad eines Investors vor die Nase setzt, oder ob die Kommune davon profitiert."

Aus dem Weg räumen will Göring-Eckardt die Stolpersteine, die man Bürgergenossenschaften in den Weg gelegt hat: "Schikanen im Baurecht, bei der Ausschreibung, der Einspeisevergütung und Doppelgenehmigungen, die es inzwischen auch für Solaranlagen gibt, müssen weg." Es gebe einen gigantischen Investitionsstau. "Dabei zeigen Studien, die ökologische Transformation rentiert sich auch für Wirtschaft und Staat."

Agrarwende mit den Bauern

Auch die Agrarwende dürfe keinesfalls über die Köpfe der Bauern hinweg beschlossen werden: "Die spritzen ihre Schweine ja nicht gerne mit Antibiotika." Zu kleine Ställe hätten den damaligen Fördervorgaben entsprochen: "Man kann von niemandem verlangen, der vor fünf Jahren einen Stall nach diesen Regeln gebaut hat, diesen wieder einzureißen." Die notwendigen Veränderungen müssten so gestaltet werden, dass es keine Verlierer gebe. "Eine heile Welt werden wir nicht bekommen", weiß sie um die Konflikte, "dafür bin ich zu evangelisch, aber wir bekommen ein gesünderes Essen und die Landwirte fairere Preise."

Der Weg ins Kanzleramt wird nach dem Stolperstart kein leichter sein. Dennoch findet Göring-Eckardt die Aufregung um Annalena Baerbocks Lebenslauf und Buch maßlos übertrieben: "Annalena ist keine Heilige, aber sie bewirbt sich auch nicht fürs Papstamt." Wer sie wähle, bekomme eine der härtesten Verhandlerinnen. Und so eine werde jetzt gebraucht. "Ich kenne Annalena seit vielen Jahren, sie ist eine starke und empathische Frau."

Kommt das grüne Klima-Vorsorgepaket?

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Info:

Stationen der grünen Spitzenpolitikerin

  • Von Oktober 2005 bis Oktober 2013 amtierte Kathrin Göring-Eckardt für die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.
  • Bei der Urwahl im November 2012 wählte die grüne Parteibasis sie – zusammen mit Jürgen Trittin – zur Spitzenkandidatin der Grünen für die Bundestagswahl 2013.
  • Seit Oktober 2013 ist sie neben Anton Hofreiter Vorsitzende der Bundestagsfraktion ihrer Partei, ein Amt, das sie bereits von 2002 bis 2005 neben Krista Sager bekleidet hatte.
  • Göring-Eckardt war von 2009 bis 2013 Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
  • Bei der Bundestagswahl 2017 erreichten die Bündnisgrünen mit dem Spitzenduo Göring-Eckardt/Cem Özdemir das zweitbeste Ergebnis ihrer Geschichte.

 

 

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