17.10.2021 - 08:40 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kinderärzte in Weiden mit Hunderten unnötigen Tests überfordert

Weil Kinder schon bei milden Erkältungssymptomen einen negativen Coronatest eines Arztes vorweisen müssen, sind  manche Kinderarztpraxen am Limit. Auch das Nervenkostüm von Eltern wird immer dünner.

Ein kleiner Schnupfen wie im Herbst oft üblich genügt: Schon müssen auch Kindergartenkinder einen negativen Coronatest vorweisen, um die Betreuungseinrichtung weiter besuchen zu dürfen.
von Kira LorenzProfil

Das Kind hustet, es muss aus der Kita abgeholt werden. Um wieder zurückzukommen, braucht es einen negativen Coronatest vom Arzt. So ist es im Rahmenhygieneplan zur Umsetzung des Schutz- und Hygienekonzepts für die Kindertagesbetreuung des Staatsministeriums festgelegt. Gerade durch die anlaufende Erkältungswelle wird der Ansturm auf die Kinderarztpraxen immer größer, berichtet der Weidener Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Dr. Roland Renz. Doch die Praxen kommen vor lauter Testen nicht mehr hinterher. Entsprechend verzweifeln auch die Kinderärzte: "Bei uns steht die Schlange zum Testen bis auf die Straße", sagt Dr. Roland Renz.

Hunderte negative Tests

In den vergangenen vier Monaten stellte die Praxis von Dr. Renz fast 400 Schnelltestzertifikate aus - keines davon positiv. "Es gibt Kinder, die waren schon acht bis zehn Mal zum Abstrich hier", erzählt Renz. Die vielen Tests seien nötig, um auszuschließen, dass sich in einer tropfenden Nase nicht doch der Coronavirus verbirgt. Rechtlich ist es zwar möglich, Kinder mit "banalen Erkältungssymptomen", wie Renz sie nennt, den Eintritt in den Kindergarten zu gewähren, aber das Ganze liegt im Ermessen der jeweiligen Kindergärten.

In ihrer Not haben sich mehrere Weidener Kinderarztpraxen bereits an das Gesundheitsamt Weiden-Neustadt gewandt. Dieses verweist zur Entzerrung der Situation auf Apotheken und Testzentren. Das Problem: Hier werden nur Abstriche von gesunden Kindern genommen. Da aber die meisten Kinder gerade deswegen einen Test brauchen, weil sie leichte Symptome haben, werden sie zurück zum Arzt geschickt. Eine Zwickmühle, in der Ärzte und Eltern zusammenstecken.

Hohe Kosten und Aufwand für Ärzte und Eltern

Denn der Aufwand, der mit den vielen Abstrichen verbunden ist, steht in keinem Maßstab: "Um in Zukunft allen gerecht zu werden, müsste ich noch einen Arzt und mindestens eine weitere Helferin anstellen", sagt Renz. Auch die Tests selbst kosten – und das trifft vor allem die Eltern hart. So werde inzwischen immer wieder nach PCR-Tests verlangt, für die das Labor 130 Euro von den Eltern kassiert. Dazu kommt, dass es Mamas und Papas sind, die von jetzt auf gleich ihre Arbeit liegen, zum Kind eilen und es testen lassen müssen. Denn die Alternative ist keine ernsthafte für berufstätige Eltern: Das Kind muss ohne Test mindestens sieben Tage der Betreuungseinrichtung fern bleiben.

Kinderarzt Renz ruft zur differenzierten Betrachtung auf: "Wir haben einen anderen Versorgungsauftrag. Wir sind nicht dazu da, gesunden Kindern Gesundheit zu bescheinigen." Renz wünscht sich ein besseres Konzept von den Betreuungseinrichtungen. Zumal jedes Kind wöchentlich zwei kostenlose Schnelltests aus der Apotheke bekäme, die im Ernstfall aber nicht anerkannt würden.

Schwere Entscheidung und viel Aufwand

Doch wie genau zu entscheiden ist, darüber herrscht auch in vielen Kindergärten Unsicherheit, zeigt eine Umfrage von Oberpfalz-Medien. Viele Eltern brächten selbst schon einen Test mit, sagt etwa Manuela Hinkel, Leiterin des Katholischen Kindergarten St. Martin in Tännesberg. Sie würde gern selbst Tests durchführen, aber das sei gesetzlich nicht so vorgesehen. "Bei einem Münchener Kindergarten mit 160 Kindern kann ich es verstehen, dass das nicht möglich ist, aber wir haben knapp 60 Kinder." Die Folge: Bislang müssten sich die Eltern selbst ums Testen kümmern.

Detailliert beschreibt Ronja Rupprecht vom Johanniter-Kindergarten Sonnenland in Weiden ihre Entscheidungsgrundlagen: Ab einem Husten von sieben Mal die Stunde könne man von einer ernsten Erkrankung ausgehen. Sei der Nasenschleim grünfarben oder gelblich verfärbt, sollte man ebenso aufpassen. Dann müsse ein Schnelltest gemacht werden. Unterm Strich räumt Rupprecht aber ein, sich alleingelassen zu fühlen mit all dem bürokratischen Mehraufwand und der Bürde der Entscheidung. Und stets müsse sie fürchten, bei einem Corona-Ausbruch ihren Kindergarten erst einmal schließen zu müssen.

Eltern auf dem Land einsichtiger

In Speinshart dagegen berichtet Leiterin Waltraud Wagner, dass sie nur selten die Entscheidung selbst treffen muss, ein Kind zum Testen zu schicken oder nicht. Der Grund: Eltern würden ihr das oft abnehmen. So kämen die Kinder morgens schon mit einem Schnelltest oder blieben ganz zu Hause, bis sie wieder gesund seien. Dadurch gäbe es kaum Probleme. Die Einsicht der Eltern in den ländlichen Gebieten bestätigt auch Manuela Hinkel.

Übrigens: PCR-Tests bei begründetem Verdacht auf eine Corona-Infektion, etwa durch einen Kontakt mit einer infizierten Person, führt er selbstverständlich durch, betont Kinderarzt Dr. Renz. Aber die Anforderung an die Ärzte, bei leichten Erkältungssymptomen mal schnell einen Persilschein auszustellen, ist schlicht in Überforderung umgeschlagen.

Aktuell häufen sich die Erkältungsfälle massiv

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Info:

Nur dann ist eine Betreuung in Kitas möglich

  • Fall 1: Kind ist gesund und ohne Krankheitssymptome: Kind darf ohne Test Kita besuchen.
  • Fall 2: Bei Allergie ODER verstopfte Nasenatmung ODER Halskratzen ODER gelegentlichem Räuspern und Hustern: Kind darf ohne Test Kita besuchen.
  • Fall 3: Bei leichten Symptomen wie Schnupfen UND/ODER Husten zwei Möglichkeiten. Erstens: Kind soll daheim bleiben, bis es wieder symptomfrei ist. Zweitens: Kind darf trotz Symptome in die Kita, braucht aber negativen Coronatest (PCR oder Schnelltest).
  • Fall 4: Bei Fieber, starkem Husten, Kurzatmigkeit, Luftnot, Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns, Hals- oder Ohrenschmerzen, starken Bauschmerzen, Erbrechen und Durchfall: Kind darf nicht in die Kita. Rückkehr möglich bei nur mehr leichten Symptomen plus negativem Coronatest (PCR oder Schnelltest).
  • Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales

 

 

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