02.08.2018 - 16:54 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Mein Leben war mit Gnade gesegnet"

Annemarie Ziegler feiert am Samstag, den 4. August, 100. Geburtstag. Zuvor erzählt sie aus ihrem Leben: "Am Morgen ausgebombt worden, am Abend vom Tod des Mannes erfahren." Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits schwanger.

Kurz vor ihrem 100. Geburtstag öffnet Annemarie Ziegler Schübe und blättert in Erinnerungen. Nicht immer war das Leben gut zu ihr.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

(fuw) 100 Jahre. Das heißt Weimarer Republik, Drittes Reich, Aussiedlung und Neubeginn. "Ich hab' viel Leid und viel Freud gehabt - aber wir waren zufrieden", sagt Annemarie Ziegler. Und: "Der liebe Gott hat gewusst, was er macht." Dann fügt die 99-Jährige hinzu: "Ich könnte einen Roman schreiben." Am Samstag feiert Annemarie Ziegler ihren 100. Geburtstag, gemeinsam mit Freunden und Familie.

Geboren und aufgewachsen ist sie in Loslau, einer Stadt im südlichen Teil Polens. Zuhause sprachen sie Deutsch, in der Schule Polnisch. Das sei nicht einfach gewesen. Nach dem frühen Tod ihres Vaters hatte sie die Schule abgebrochen und in der Fleischerei ihrer Familie mitgeholfen. In den 1920er Jahren kam die Teilung Oberschlesiens, "und mit Adolf ging dann alles bergab".

Während des Kriegs arbeitete Annemarie Ziegler bei den Rotkreuzschwestern. 1943 heiratete sie, zwei Jahre später fällt ihr Mann im Krieg. "Am Morgen in Kassel ausgebombt worden, am Abend vom Tod des Mannes erfahren", sagt sie und schweigt eine Weile. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits schwanger.

Nach ihrer Aussiedlung 1947 habe sie nach langer Suche in Offenbach eine Arbeit als Schwester in der Frauenklinik gefunden und sich mit den Jahren zur Abteilungsleiterin hochgearbeitet: "Wenn ich noch einmal geboren werden würde, würde ich wieder denselben Beruf machen - aber nicht in der heutigen Zeit", sagt sie. "Vielleicht bin ich altmodisch. Ich sehe Schwestern nicht als Teilzeitkraft." Vielmehr brauche man bei dieser Tätigkeit Zeit, um sich kennenzulernen. Um Vertrauen aufbauen und Zuwendung geben zu können. Das sei heutzutage aber nicht mehr möglich.

Bis zur Rente mit 62 blieb Ziegler in der Klinik. Und auch danach hat sie sich nicht zur Ruhe gesetzt. So engagierte sie sich ehrenamtlich bei der Caritas, und politisch bei der Frauen- und Senioren-Union. Noch heute erhalte sie an ihren Geburtstagen Glückwünsche, sagt sie nicht ohne Stolz. Und "selbstverständlich" reise sie noch viel: "Warum denn nicht?" Vor allem Venedig sei eine "wunderbare" Stadt. Sie erzählt von Erinnerungen an Gondelfahrten bei Nacht und an die Basilika des Heiligen Antonius von Padua.

Als der Ehemann ihrer Schwester Stefanie Ulbrich vor zehn Jahren starb, zog Annemarie Ziegler schließlich nach Weiden. Die beiden Schwestern hätten sich schon immer gegenseitig geholfen, betont sie. So habe ihr Sohn Hans abwechselnd bei der Schwester und bei ihr geschlafen - nach dem Tode ihres Ehemannes. Und weil sich in 100 Jahren nunmal mächtig viel tut, wiederholt sie: "Ich könnte ein Buch schreiben."

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