Die Helfer der Tafel Weiden-Neustadt müssen immer häufiger "Nein" sagen. So auch am Mittwoch, als in der Ausgabestelle in der Fichtestraße in Weiden die Öffnungszeit gerade halb rum und das Brotregal leer war. Beim Gebäck konnte das Team nur noch 20 Prozent der Menge ausgeben, die noch vor zwei Monaten verfügbar war. Auch Obst, Gemüse und Wurst sind absolute Mangelware. Josef Gebhardt sieht sich als Tafel-Vorsitzender zu drastischen Maßnahmen gezwungen: Ab Montag dürfen die Kunden der Fichtestraße nur noch ein, statt zwei Mal pro Woche Lebensmittel abholen. Er wisse, dass es keine für alle Personen gerechte Entscheidung gebe, verkündet Gebhardt in einem Schreiben an alle Kunden.
Die Ursache bringt er auf eine einfache Formel: Es gebe seit geraumer Zeit erheblich weniger Lebensmittel-Spenden bei einer stark gestiegenen Abholerzahl. Das liegt zum einen an hunderten ukrainischer Flüchtlinge, aber auch immer mehr Deutsche stellen sich in der langen Schlange der Abholer an. "Die Energie-Ängste und die höheren Lebensmittelkosten schlagen jetzt in der Bevölkerung durch. Selbst Leute mit Einkommen reden viel davon, es werden überall Ängste geschürt", sagt Gebhardt. Gut findet er das nicht, doch er selbst warnt seine Kunden ebenfalls: "Es könnte sein, dass wir ab Mitte September noch weitere einschneidende Maßnahmen einführen müssen."
Zur Debatte stünde eine Ausgabe nur noch alle 14 Tage oder eine Aussetzung der Neuanmeldungen. Beides würde zwangsläufig alle Tafelkunden in der Fichtestraße und in den Nebenstellen in Rothenstadt, Mantel, Vohenstrauß, Windischeschenbach und Floß betreffen. Letztere sind bislang ein Mal pro Woche für Abholer geöffnet, hier ändert sich am Montag nichts. Dafür dürften laut Gebhardt rund 80 Kunden in Weiden ab nächster Woche direkt betroffen sein, die bislang zwei Mal pro Woche in die Fichtestraße gekommen sind.
Weit über der Belastungsgrenze
Seit Wochen telefoniert sich Gebhardt die Finger wund, um vielleicht doch noch neue Quellen für Lebensmittel-Spenden zu finden. Doch überall bekomme er die Antwort, dass es wegen der gestiegenen Einkaufs- und Energiepreise weniger abzugebende Lebensmittel gebe. "Wo die Regale leer sind, bleibt nichts mehr übrig", so Gebhardt. Laut Satzung dürften die Tafeln eigentlich keine Lebensmittel eigenhändig zukaufen. Nur wegen einer Ausnahmeregelung sei man bisher überhaupt über die Runden gekommen. "Aber wir haben keine finanziellen Mittel mehr, noch mehr zuzukaufen."
Auch die personelle Lage sei schlecht. Inklusive Nebenstellen arbeiten bei der Tafel Weiden-Neustadt/WN 70 Personen, davon 60 Ehrenamtliche. "Wir brauchen händeringend Mitarbeiter", sagt Gebhardt. "Die Ausgabetage sind dermaßen stressig geworden, dass manche Helfer den Dienst reduziert oder ganz aufgehört haben. Ich bräuchte sofort mindestens vier bis sechs Leute zusätzlich, die hinlangen und was tragen können." Alle im Team arbeiteten über der persönlichen Belastungsgrenze. Das gilt auch für ihn selbst. "Manchmal möchte ich mich hinlegen und einfach schlafen", so der Tafel-Vorsitzende. Stattdessen verbringt er inzwischen auch Sonntage bei der Tafel, um zu planen und zu organisieren.
Frust bei Kunden
Als Gebhardt unter den Kunden in der Fichtestraße den Zettel verteilte, der die aktuelle Einschränkung verkündet, habe es unterschiedliche Reaktionen gegeben. "Einige wissen schon lange, dass es immer weniger Lebensmittel gibt. Andere reagieren aggressiv." Der Tafel-Vorsitzende zeigt Verständnis: "Der Frust ist vollkommen nachvollziehbar. Aber wir können es nicht ändern. Wir haben hier einen Mangel zu verwalten, und das geht nur mit einschneidenden Maßnahmen." Dass die Kunden sich an die neuen Regeln halten, werde das Tafel-Team kontrollieren. Man prüfe ohnehin schon seit Wochen genau, ob jemand zwei Ausgabestellen pro Woche besuche, oder bei wem das genutzte Fahrzeug nicht zum Einkommen passe. "Aber das sind Einzelpersonen."
Gebhardt, SPD-Mitglied und ehemaliger Stadtrat, äußert auch selbst großen Unmut über die Politik und das Jobcenter, und das nicht erst seit Kurzem. Diese verwiesen die Leute gerne an die Tafeln und förderten so ein Anspruchsdenken bei den Kunden. Es sei jedoch Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass alle Menschen mit Lebensmitteln versorgt werden können – nicht der Tafeln. Auch die Weidener Tafel fühle sich von der Politik alleine gelassen.
Entwicklung der Kundenzahl bei der Weidener Tafel
- Bis Februar 2022 haben rund 900 Abholer am Standort Fichtestraße Lebensmittel besorgt.
- Seit März 2022 sind circa 450 aus der Ukraine geflüchtete Familien (meist Frauen und Kinder) hinzugekommen.
- Seit etwa Mai 2022 ist die Zahl der deutschen Abholer in der Fichtestraße um rund 300 Menschen gestiegen.
- Ein Abholer versorgt durchschnittlich einen 2,5-Personen-Haushalt.



















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