09.10.2019 - 11:25 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Wenn Lehrer vom Gymnasium an die Grundschule wechseln

Viele Realschul- und Gymnasiallehrer finden nach ihrem Studium keine Anstellung. Derweil herrscht in Grund- und Mittelschulen Lehrermangel. Jetzt können Lehrer "nach unten" wechseln. Doch das ist eine pädagogische Herausforderung.

"sp" wie... "spannend". So ist für viele Gymnasial- und Realschullehrer das Angebot, auf Grund- und Mittelschule umzusatteln. In Weiden und dem Landkreis Neustadt nahmen es aktuell sieben junge Pädagogen an.
von Redaktion ONETZProfil

Nach dem Staatsexamen drohte erstmal die Zwangspause: Christoph Schröck erhielt keine Festanstellung an einem Gymnasium. Auf vier Jahre befristet, unterrichtete er daher an der Fachoberschule. Ziel blieb jedoch ein planbares Beamtenverhältnis. Deshalb bewarb sich der Junglehrer erfolgreich für eine Sondermaßnahme des Kultusministeriums: eine Zweitqualifizerung als Lehrer an Grund- und Mittelschulen. Für zwei Jahre arbeitete Schröck ab dem Schuljahr 2017/18 an der Pestalozzischule in Weiden. Sein Beispiel ist längst kein Einzelfall. Im Bereich des Schulamts Weiden-Neustadt kamen heuer 7 neue "Zweitqualifizierte" dazu. 13 weitere fingen im Vorjahr an. Laut Schulamtsdirektorin Christine Söllner werden die Lehrkräfte zwei Jahre lang begleitet und bestens auf ihre Aufgabe vorbereitet. Ein gut aufgestelltes Unterstützungssystem erwarte sie.

Nachgefragt beim Kultusministerium:

Zweitqualifizierung "bis auf Weiteres"

Nach Aussage des Bayerischen Kultusministeriums gibt es die Sondermaßnahmen schon seit 2015. Bereits 1400 hätten die Zweitqualifizierung absolviert, 1200 nähmen aktuell teil. Zugelassen sind Gymnasial- und Realschulkräfte mit einer Abschlussnote bis 3,50. "Maßnahmen der Zweitqualifizierung nach Art. 22 Abs. 2 Satz 2 Bayerisches Lehrerbildungsgesetz werden aufgrund des derzeit erhöhten Bedarfs an Lehrkräften für Grund- bzw. Mittelschulen bis auf Weiteres angeboten", teilt das Kultusministerium mit. Nach einer erfolgreichen Bewährung werden die fertigen Lehrkräfte ins Beamtenverhältnis übernommen. Zurzeit biete der Freistaat auch Sondermaßnahmen für Förderschulen und Berufliche Schulen an. Der Wechsel von einem Fachstudium in das Lehramt sei nicht mehr möglich, es könnten lediglich Teile des Studiums angerechnet werden.

Während der Sondermaßnahme befänden sich die Lehrkräfte in keinem Ausbildungsverhältnis, da sie bereits ein Lehramtsstudium abgeschlossen hätten. Laut Kultusministerium ist für die Begleitung der Zweitqualifikanten eine erfahrene Betreuungslehrkraft aus dem Kollegium der jeweiligen Schule vorgesehen. Zudem erwarteten die Lehrer mehrere Basisveranstaltungen und Fortbildungen, um sie auf den Unterricht vorzubereiten. Sorgen um die Unterrichtsqualität müsse man sich also nicht machen. Während der Zweitqualifizierung erhalten die Angestellten weniger Geld als ein normaler Grund- beziehungsweise Mittelschullehrer, da es sich um einen befristeten Vertrag handelt. Erst nach einer Verbeamtung bekommen die Lehrer ein Gehalt der Stufe A12.

Kollegen übernehmen Einarbeitung

"Ausbildung kann man das nicht nennen, sondern eher Umschulung, da man bereits ausgebildeter Lehrer ist", betont Christoph Schröck. "Es ist vor allem den Kollegen und der Schulleitung zu verdanken, dass ich mich gut eingewöhnen konnte." Von Anfang an unterrichten die Lehrkräfte normal in den Klassen. Im zweiten Jahr werden sie schon mit einer Klassenleitung betraut. "Die insgesamt sechs zusätzlichen Tage Fortbildung sind dabei nur ein kleiner Bestandteil. Die Hauptarbeit hat das Lehrerkollegium vor Ort geleistet, das viel Aufwand in die Einarbeitung gesteckt hat."

Zwischen Gymnasial- und Mittelschullehramt bestünden natürlich große Unterschiede. Am Gymnasium liege der Schwerpunkt auf der Fachlichkeit, der Vermittlung des Unterrichtsstoffs, an der Mittelschule hingegen eher auf der Pädagogik. Schröck: "Man muss erst einmal akzeptieren, dass ein ganz anderer Fokus herrscht und das soziale Umfeld deutlich mehr mit einbezogen werden muss. Oftmals muss sich erst den persönlichen Problemen der Kinder und Jugendlichen zugewendet werden, ehe man überhaupt mit der Stoffvermittlung anfangen kann. Da braucht man nicht mit klassischem Deutschunterricht kommen. Wenn ein Problem auftaucht, ruft man im Gymnasium in der Regel erst einmal die Eltern an, in der Mittelschule ist der erste Ansprechpartner auch mal der Erziehungsbeistand."

Diese Umstellung sei am Anfang schon ein kleiner Schock, da die Junglehrer mit derartigen pädagogischen Problemen meist noch nie konfrontiert gewesen seien. Die meisten Lehramtsabsolventen sähen in ihrer eigenen Laufbahn nur das Gymnasium. Schröck kann sich nur an einen Kommilitonen erinnern, der das Abitur auf einem anderen Bildungsweg gemacht habe. Folglich sei es relativ schwer, sich den Alltag an einer Mittelschule vorzustellen. Trotz allem hat sich der Lehrer gut an der Pestalozzischule eingewöhnt.

Rückkehr ans Gymnasium

Als seine zweijährige "Ausbildung" vorbei war, wäre Schröck gerne an der Mittelschule geblieben. "Standardmäßig" habe er sich jedoch, wie jedes Jahr, um eine Gymnasialstelle beworben. Als er die Zusage bekam, war er sehr überrascht, hat aber aufgrund der viel besseren Gehaltsaussichten nicht lange gezögert. Auch wenn er die Fachlichkeit des Unterrichts vermisst habe, hätte er bei gleichwertigem Gehalt sicher länger überlegt. "Aber der Gehaltsunterschied ist halt schon erheblich", erklärt der Lehrer. Aus diesem Grund interessierten sich wahrscheinlich weniger Bewerber für das Mittelschulamt.

BLLV für flexiblere Lehrerausbildung

Der Bayerische Lehrerverband (BLLV) kritisiert die derzeitige Vorgehensweise des Kultusministeriums. Er hat ein Konzept zur flexiblen Lehrerbildung ausgearbeitet. Danach teilt sich das Studium in Grundstudium, Bachelor und Master ein. Im Grundstudium findet sowohl eine fachliche als auch pädagogische Ausbildung statt. Im Bachelor kann man sich auf die Primär- beziehungsweise Sekundärstufe spezialisieren, im Master dann auf die einzelnen Lehrämter. Zudem soll die Ausbildung praktischer gestaltet sein und die Persönlichkeitsentwicklung im Vordergrund stehen.

Auch Christoph Schröck wünscht sich ein Studium, das besser auf den Arbeitsalltag vorbereitet. Praktische Elemente gebe es an der Uni kaum. Viele merkten erst im Referendariat, ob Wunschvorstellungen und Realität zusammenpassten. Er selbst habe direkt nach dem Abitur das verpflichtende, damals dreiwöchige Orientierungspraktikum absolviert. "Von der zweiten Reihe, wo ich als Schüler dem Unterricht gefolgt bin, wechselte ich in die letzte Reihe, wo ich mir anschauen sollte, wie der Lehrer den Unterricht hält. Auf meine Initiative durfte ich dann Gott sei Dank ein paar Stunden selber halten, denn was hätte mir das Prozedere sonst gebracht?"

Kommentar:

Der Staat spart

Realschul- und Gymnasiallehrer, die keine Anstellung bekommen, einfach in Grund- und Mittelschulen schicken? Offenbar die logische Lösung für ein drängendes Problem: Bevor die Absolventen auf der Straße sitzen, bietet sich ihnen hier die Perspektive einer anschließenden Verbeamtung. Allerdings müssen sie Einbußen in Kauf nehmen: Zwei Jahre lang bekommen die ausgebildeten Gymnasial- oder Realschullehrer weniger Geld als normale Grund- und Mittelschullehrer. Der Staat spart hier also zum einen am Gehalt für die Gymnasialstelle, zum anderen an dem einer regulären Grund- oder Mittelschulstelle, obwohl die Lehrer fachlich höherqualifiziert sind. Das Interesse des Staates, für genügend reguläre Lehrerstellen zu sorgen, könnte sich in Grenzen halten.
Wenn das Kultusministerium bewährte Zweitqualifizierte wieder abwirbt, belastet das die Mittelschulen noch mehr. Mussten sie doch zusätzlich zu ihren Personalproblemen viel Aufwand in die Einarbeitung der Zweitqualifizierten stecken. Als Akutmaßnahme mag die Zweitqualifizierung in Ordnung sein. Um nachhaltig Unterrichtsversorgung zu gewährleisten, wäre es aber wichtig, Anreize zu schaffen, um das Grund- und Mittelschullehramt attraktiver zu gestalten.

Christina Biebl

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