02.01.2019 - 18:47 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Die letzte Dauerwelle: Friseursalon Melch schließt

Seit 70 Jahren werden in Ullersricht bei Weiden Haare geschnitten, 36 Jahre lang davon von Annelie und Josef Melch, dem früheren SPD-Fraktionschef. Aus Alters- und gesundheitlichen Gründen ist jetzt Schluss.

Der Vorhang fällt: Josef Melch und seine Frau Annelie schließen ihr Friseurgeschäft. Jetzt beginnt das große Aufräumen.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

„Wir schauen auch vorbei, wenn ihr nicht mehr offen habt.“ Ein schöneres Kompliment können sich Annelie und Josef Melch zum Abschied kaum wünschen. Am vergangenen Samstag war Schluss. Das gleichnamige Friseurgeschäft im Geranienweg in Ullersricht hat zum Jahresende geschlossen.

„Eine tränenreiche Woche liegt hinter uns“, sagt Annelie Melch im Gespräch, und kann schon wieder lachen. Zu schön sind die Momente und Erinnerungen. Eine Friseurin in Vollzeit und zwei Teilzeitkräfte standen bis zuletzt gemeinsam mit der Chefin im Salon. „Wir waren hier wie eine große Familie. Die haben mich jung gehalten“. Auch am letzten Öffnungstag brummte der Laden. Kunden brachten Naschereien, Blumen, man lag sich nochmal in den Armen. „Unsere Kundschaft ist ja doch schon etwas älter, da fällt der Abschied besonders schwer. Manche kamen seit 50 Jahren zu uns“, sagt Melch.

Doch jetzt ist Schluss, die Gesundheit spielt nicht mehr mit. Annelie Melch arbeitet seit 62 Jahren als Friseurin, ihr Mann Josef seit über 40 Jahren. Beide sind 76 Jahre alt. Seit einem Schlaganfall im Frühjahr 2018 kann der Chef nicht mehr im Geschäft mithelfen. Für den geselligen Melch-„Sepp“ kaum auszuhalten. „Ich wollte immer so lange arbeiten wie es mir noch Spaß macht. Und Friseur ist ein verdammt schöner Beruf“, sagt Melch, der eigentlich Schlosser gelernt hat, nach der Heirat noch eine Friseurlehre machte und 1978 seinen Meister. „In den Anfangsjahren arbeitete ich drei Tage als Schlosser, drei Tage stand ich im Salon. Das war hart, aber es ging. “

Schwiegervater Karl Arnold hatte vor 70 Jahren in einem kleinen Zimmer bei den „Witt-Häusern“ in Ullersricht die ersten Haare geschnitten, später in einem Häuschen an der Bahnlinie. Zu den ersten Kundinnen zählte zum Beispiel die Ehefrau von Altverleger und „Der neue Tag“-Mitgründer Victor von Gostomski. „Das war eine Ehre für uns“, erinnert sich Annelie Melch. 1978 kam der Umzug in einen Anbau im Geranienweg. 1982 übernahm das Ehepaar von Arnold das Friseurgeschäft.

Der Laden war das Kommunikationszentrum in Ullersricht. „Sie glauben gar nicht, was uns die Kunden alles erzählt haben. Allzu intime Details wollte ich oft gar nicht hören. Aber es zeigt auch, welches Vertrauen die Kunden in uns hatten“, freut sich die Chefin. Gedränge herrschte oft samstags im Herrensalon, wenn Stammkunde CSU-Bürgermeister Günter Zwack pünktlich um 7.30 Uhr beim früheren SPD-Fraktionschef Josef Melch zum Rasieren erschien. „Dann wollten alle mithören, was wir zu bereden hatten“, lacht Melch. Der Friseur war über die CSU immer sehr gut informiert. „Es gab auch Kunden,“ so Melch, „die gar keinen Haarschnitt wollten, sondern eine Beratung. Die brachten dann gleich ganze Aktenordner mit Bauanträgen mit.“

Langweilig wird es den Melchs künftig nicht. Ob Strickrunde, Gartenarbeit oder Vereinsaktivitäten, Annelie und Josef Melch pflegen auch im Ruhestand ihre zahlreichen Kontakte.

Viel verändert wurde in all den Jahren im Salon Melch nicht. Voll retro: die Vorwärtswaschbecken.
Der Spruch stammt noch vom Vater von Annelie Melch, Friseurmeister Karl Arnold.
Josef und Annelie Melch haben den gleichnamigen Salon im Geranienweg in Ullersricht geschlossen.
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