10.10.2018 - 20:36 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Wenn Liebe zum Alptraum wird

Ein Asiate verfolgt eine Oberpfälzerin um den halben Globus. Das Schöffengericht verurteilt ihn zu anderthalb Jahren Haft auf Bewährung. Und verhängt eine Kontaktsperre.

Auf diese Blumen hätte eine junge Oberpfälzerin gern verzichten können: Mit 99 Rosen stand ein ehemaliger Liebhaber aus Asien in ihrem Heimatdorf vor der Haustür.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Einen sehr ungewöhnlichen Fall verhandelt am Dienstag Richter Hubert Windisch. Vor dem Weidener Schöffengericht steht ein Asiate (30 Jahre), nachtblauer Anzug, schwarze Lackschuhe. Der "selbstständige Unternehmensberater" spricht British English, das von einer Dozentin der FH übersetzt wird. Seit Juli sitzt er in der Justizvollzugsanstalt am Almesbacher Weg. Was ihn da hinführt? Eine sehr ungewöhnliche Geschichte.

In einer asiatischen Metropole hat er im September 2016 eine Oberpfälzerin kennengelernt, die sich dort aus beruflichen Gründen niedergelassen hat. Zunächst guckt man zusammen Animé-Filme, dann wird mehr daraus, aber schon schnell ist die Beziehung gekennzeichnet von Gewalt und Kontrollzwang. Der Asiate nötigt die Frau, ihr Arbeitsentgelt - sie ist Künstlerin - an ihn abzugeben. Gemeinsam bewohnt man eine Wohnung im 43. Stock der Megacity. Er überwacht jeden ihrer Schritte, lässt sie von Freunden beobachten. Immer wieder droht er ihr damit, dass sie die Wohnung nur durch einen Ausgang verlassen wird, wenn sie sich sträubt: durch das Fenster.

Die Situation eskaliert in einer schweren Körperverletzung in einer Nacht im Dezember 2017: Mit einem Küchenmesser fügt der Asiate der Freundin eine Schnittwunde am Finger zu. Der offene Gliederbruch wird im Krankenhaus behandelt. Hier vertraut sich die Deutsche dem Personal an. Die Polizei wird gerufen. Der 30-Jährige kommt für acht Tage in Polizeigewahrsam - und sie nutzt die Zeit, das Land zu verlassen. Nach drei Jahren ist das für sie kein leichter Schritt: Adieu Asien, Adieu Karriere.

99 rote Rosen

Bei der Weidener Kripo erstattet sie Anzeige, unter anderem wegen Körperverletzung und Nötigung. Am Ende kommt noch Nachstellung dazu, weil der Lebensgefährte die Frau in der Folgezeit mit E-Mails bombardiert. Sie enthalten wechselweise Liebesschwüre oder Drohungen. "I have connections, I will find you anywhere." Der Asiate schickt Pakete. In einem liegen 40 Rosen. Schon im April kündigt er seinen Besuch an.

In Panik alarmiert die Oberpfälzerin mehrmals die Polizei. Der Ermittlungsrichter in Weiden stellt einen Haftbefehl aus. Und tatsächlich steht der Ex-Geliebte im Juli vor der Tür in einem Dorf in einem Grenzlandkreis. Im Arm hat er einen "Riesenblumenstrauß für die Mutter", beschreibt der Kripobeamte. Für die Tochter hat er 99 Rosen dabei, dazu eine Schatulle mit Verlobungsring. Als er niemanden antrifft, drapiert er die Geschenke vor der Haustür. Die heimkehrende Familie ruft sofort die Polizei. Es kommt zur Festnahme. "Warum sind Sie überhaupt nach Deutschland gekommen?", ist Richter Windisch interessiert. "She ran away", sagt der Asiate. Er sei gekommen, um um ihre Hand anzuhalten. Oder - bei einer Zurückweisung - einen Abschluss zu finden. "Ich habe mich innerlich auf beide Resultate vorbereitet."

Strenges Kontaktverbot

Das Gericht spricht ihn schuldig und verhängt eine Freiheitsstrafe von anderthalb Jahren auf drei Jahre Bewährung. Die Auflage: Er darf nie und nimmer, auf keinem Wege, weder selbst, noch über soziale Medien Kontakt zu seiner Ex aufnehmen. "Ich will von Ihnen selbst hören, dass Sie einen Schlussstrich gezogen haben", fordert Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf den Angeklagten auf. Der tut dies auch, sehr eloquent: "An diesem Punkt gibt es kein Zurück mehr." Er werde nach London gehen. Als Jahrgangsbester der Butler-Akademie wolle er "Royal Butler im Buckingham Palace" werden. Immerhin habe er schon als persönlicher Assistent des japanischen Botschafters im Süd-Sudan gearbeitet.

Richter Windisch und Staatsanwalt Schnappauf schärfen dem Asiaten eindringlich ein, sich jeden Kontakts zu enthalten. Verstößt er gegen die Auflage, geht er in Haft. Schnappauf warnt: "Die Welt wächst zusammen. Wir können Sie auch im Ausland festnehmen." Nebenklagevertreter Tobias Konze vertritt die junge Frau: "Sie hat eine panische Angst vor ihm. Das muss heute ein Ende finden." Verteidiger Rouven Colbatz will eine rechtliche Problematik geklärt wissen: Strafbar ist in Deutschland nur das, was auch im Land des Tatorts unter Strafe steht. Richter Windisch hat dazu einen Professors für asiatisches Recht aufgetrieben: Ja, die Delikte gibt es dort auch.

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