07.09.2018 - 12:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Lieber falsch als gar nicht

Vor 40 Jahren habe ich den Führerschein gemacht - und damit auch einen Erste-Hilfe-Kurs. Was weiß ich eigentlich noch über lebensrettende Sofortmaßnahmen? Stabile Seitenlage fällt mir spontan ein. Doch schon der erste Handgriff ist falsch.

Wer hat nicht Angst, bei der Wiederbelebung etwas falsch zu machen? Wie's richtig geht, erklärt BRK-Ausbildungsbeauftragter Markus Zimmermann (rechts) OM-Redakteurin Jutta Porsche: Die Hände in die Mitte des Brustkorbs. Dann 30 Mal drücken, 2 Mal beatmen. Rotkreuzbeauftragter Hartmut Ordnung (links) wartet derweil auf seinen Einsatz als Bewusstloser.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Mein "Opfer" ist ein Mann vom Fach. Markus Zimmermann (27), Sanitäter und seit knapp zwei Jahren Ausbildungsbeauftrager beim BRK-Kreisverband Weiden-Neustadt. Anlass für mein Treffen bei ihm ist der Internationale Tag der Ersten Hilfe am Samstag, 8. September. Und zugleich eine gute Gelegenheit, die eigenen Kenntnisse zu überprüfen. Tatsächlich habe ich mal einen Auffrischungskurs gemacht. Vor rund 30 Jahren. Aber das ist auch schon zu lange her, wie sich zeigt.

Denn schon mein Ansatz ist verkehrt. Als ich Markus Zimmermann in die stabile Seitenlage bringen will, greife ich falsch zu. Ich kreuze seine Arme vor der Brust, um seinen Oberkörper sicher anzuheben und dann auf die Seite zu legen. "So würde ich letztlich wegkippen", erklärt mir der Fachmann. Mit Rotkreuzbeauftragtem Hartmut Ordnung als "Unfallopfer" zeigt er mir wie's richtig geht: 1. Wenn jemand bewusstlos ist, zunächst kontrollieren, ob die Atmung normal ist. 2. Den nahen Arm des Opfers rechtwinklig zum Körper ablegen. 3. Den fernen Arm an der Handfläche ergreifen und die Hand des Unfallopfers an dessen nahe Wange legen. 4. Den fernen Oberschenkel anbeugen. 5. Den Körper des Betroffenen drehen, so dass der Oberschenkel rechtwinklig zur Hüfte ausgerichtet ist und nicht umkippen kann. 6. Den Kopf des Verletzten überstrecken, die Atemwege frei machen. 7. Notruf absetzen. 8. Das Opfer zudecken. Bewusstsein und Atmung ständig kontrollieren.

Testfall 2: Die Wiederbelebung. Der Grundsatz hier: 30 Mal drücken, 2 Mal beatmen. In diesem Fall drücke ich zwar richtig, aber einige Zentimeter zu weit unten. Die Hände sollen in der Mitte des Brustkorbs auf Höhe des Herzens aufliegen, dann geht's los. Ein beliebter Tipp, um den richtigen Rhythmus zu finden: Die Melodie des Bee-Gee's-Songs "Stayin Alive". Markus Zimmermann bestätigt das zwar, meint aber, es geht auch ohne. "Manche empfehlen als Alternative die Melodie von ,Highway to Hell‘. In der Praxis wäre es aber ganz schön makaber, wenn man bei der Wiederbelebung dieses Lied singt."

Zwei Versuche, zwei fehlerhafte Starts. Ein Auffrischungskurs wäre sinnvoll. Das ist klar. Aber soll ich, bis ich mich dazu aufraffe, im Notfall lieber gar nicht helfen, bevor ich etwas falsch mache? "Auf keinen Fall", lautet die klare Ansage des 27-Jährigen. Jede Hilfe ist besser als keine Hilfe. "Das einzige, was wirklich falsch gemacht werden kann, ist dass man gar nichts tut." Und er nennt Beispiele: "Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand hängt das Leben am seidenen Faden. Jede Sekunde zählt. Der Patient ist auf den Ersthelfer angewiesen. Bei kleinen Schnittverletzungen gilt das natürlich nicht."

Was ab und zu vorkommt: Der Patient liegt im Bett. Die Herzdruckmassage wird an Ort und Stelle ausgeführt. Doch weil die Matratze nachgibt, wirkt die Massage nicht richtig. Besser ist eine harte Unterlage, sprich der Boden. Einen Menschen aus dem Bett zu hieven, ist nicht einfach. Manche Angehörige haben Angst, den Patienten dabei zu verletzen. Gut möglich, dass er in der Stresssituation einen Stoß abbekommt. Aber: "Ein blauer Fleck heilt. Das ist wesentlich besser, als nicht zu reanimieren."

Laut Strafgesetzbuch, Paragraph 323c (Unterlassene Hilfeleistung) ist jeder zur Hilfe verpflichtet: "Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft", heißt es da. Und weiter: "Ebenso wird bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will." Da hilft es nach Ansicht des 27-Jährigen auch nicht, wenn jemand sagt, er kann kein Blut sehen. "Irgendwas geht immer", weiß der erfahrene Helfer. Der Eigenschutz sollte zwar immer im Vordergrund stehen, aber: "Man kann einen Notruf absetzen, die Unfallstelle absichern oder das Verbandsmaterial reichen." Ganz wichtig ist außerdem die psychische Betreuung von Verletzten oder Angehörigen. Damit ein Unfallopfer im Schock beispielsweise nicht auf die Straße rennt. Zimmermanns Appell: Selbst wenn schon eine Person vor Ort ist, sollte der nächste Passant zumindest fragen, ob er auch helfen kann. "Zu zweit tut man sich immer leichter als allein."

Markus Zimmermann und Hartmut Ordnung demonstrieren die stabile Seitenlage. Schritt 1 und 2: Ist die Atmung normal, den nahen Arm des Opfers greifen und rechtwinklig zum Körper ablegen.

Schritt 3 und 4: Den fernen Arm an der Handfläche ergreifen und die Hand des Opfers an dessen nahe Wange legen. Den fernen Oberschenkel anbeugen.

Schritt 5: Den Körper des Betroffenen drehen ...

... dann den Oberschenkel rechtwinklig zur Hüfte ausrichten.

Schritt 6: Den Kopf des Betroffenen überstrecken, die Atemwege frei machen.

Info:

Durchschnittlich 5500 Menschen pro Jahr hat der Kreisverband Weiden-Neustadt in den vergangenen vier Jahren in Erster Hilfe ausgebildet. Etwa 380 Kurse werden jährlich angeboten. 30 bis 35 Ehrenamtliche sind dafür im Einsatz. Ein Großteil der Lehrgänge wendet sich an die sogenannten Betriebsersthelfer. Sie müssen alle zwei Jahre einen Auffrischungskurs absolvieren. Daneben gibt es Kurse, die eigens für Firmen durchgeführt werden. Die öffentlichen Kurse richten sich an Führerscheinbewerber, für die ein Erste-Hilfe-Kurs obligatorisch ist, und andere Interessenten.

Das Problem bei Führerscheinbewerbern, laut Markus Zimmermann: "Sie rufen oft auf den letzten Drücker an. Dann ist der Kurs für den aktuellen Monat bereits ausgebucht." Das gilt zum Beispiel auch für den Lehrgang im September. Aber im Oktober sind noch Plätze frei: Das BRK bietet dann zwei öffentliche Erste-Hilfe-Kurse in Weiden sowie je einen in den Außenstellen Neustadt, Vohenstrauß und Eschenbach.

"Für interessierte Vereine oder private Gruppen bieten wir seit einiger Zeit auch kürzere Programme an", sagt Zimmermann. Zum Beispiel zwei bis vier Unterrichtseinheiten nur zum Thema Wiederbelebung. Denn "je sicherer ein Teilnehmer wird, desto mehr traut er sich zu". Einen Verband anzulegen, sei nicht so kompliziert. Beim Thema Wiederbelebung sei eine Wiederholung dagegen sinnvoll. (ps)

Info:

"Qualifizierte Ersthelfer werden an allen Standorten gebraucht", wirbt Markus Zimmermann für die Helfer vor Ort. Trotz guter Organisation und höchster Mobilität der BRK-Einsatzkräfte lasse sich eine gewisse "therapiefreie Zeit" nicht ausschließen, in der der Verletzte sich selbst überlassen sei. Um diese Zeit so kurz wie möglich zu halten, habe das BRK die Einrichtung Helfer vor Ort geschaffen. Standorte gibt es in der Regel in den Kommunen, in denen kein Rettungsdienst vor Ort ist, aktuell in Eslarn, Floß, Flossenbürg (Bergwacht), Georgenberg, Grafenwöhr, Kaltenbrunn, Leuchtenberg, Neustadt am Kulm, Parkstein, Pressath, Püchersreuth, Vohenstrauß, Waidhaus und Windischeschenbach."Weitere Interessenten sind immer willkommen." Meldungen an den BRK-Kreisverband Weiden-Neustadt, Fachdienst Helfer vor Ort, oder an Markus Zimmermann per E-Mail: zimmermann[at]kvweiden.brk[dot]de

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