24.12.2020 - 17:05 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Liebes Christkind – hi, Weihnachtsmann"

Briefe ans Christkind im Wandel der Zeit – Wunschzettel spiegeln Konsumdenken wieder

von Rainer ChristophProfil

Während die Kleinen vielleicht in die Weihnachtsbäckerei einbezogen werden, kommt die Idee einen Wunschzettel zu schreiben. Noch immer schreiben sie, ermuntert durch Eltern oder Großeltern, fleißig die Weihnachtsbriefe ans Christkind. Nicht alle gehen dabei über das Postamt in Himmelpforten bei Stade, wo jedes Jahr an die 10 000 Weihnachtsbriefe für das Christkind oder den Weihnachtsmann eingehen. Viele Briefe landen abends auf dem Fensterbrett des Hauses und sind dann am Morgen – „Oh Wunder“ – verschwunden.

Verfolgt man Weihnachtswünsche und Schreiben der Kinder, so muss festgestellt werden, dass sie alljährlich lockerer werden. Schrieben die Kindlein in den 70er bis Anfang der 80er Jahre noch brav und artig „Liebes gutes Christkind“ oder „Sehr geehrter Herr Weihnachtsmann“, so ist die Tendenz zu einem lockeren Brief in den letzten Jahren deutlich geworden „Hallo Christkind!“ oder ein saloppes „Hi, Weihnachtsmann“ ist durchaus üblich.

Was den Inhalt der Briefe anbelangt, so ist ebenfalls ein Wandel sichtbar. Wünschten sich Kinder vor 20 Jahren noch bescheiden und überschaubar ein Spielzeugauto, eine Ritterburg oder eine Puppe mit Zubehör und vielleicht etwas zum Anziehen, so hat sich das gewaltig geändert. Heute werden spezifische Markennamen und Produktbezeichnungen aufgelistet. Angefangen von Inline-Skater über Crystal Culture aus dem XY-Katalog eines Marktführers.

Da ist der Wunsch nach "Cyber-Talk-Roboter" oder "Rock-Monster-Cars" groß. Das gewünschte Minecraft-Lego wird genau beschrieben: "Bigfig Creeper", "Iron Man Mech" oder aber ein "Hypersphere Singelpack" (früher sagten wir Kreisel dazu). So muss offensichtlich alles sein: groß, gewaltig, dreidimensional und äußerst eindrucksvoll. Attribute, die eindeutig aus der Werbung stammen und von den Kids übernommen werden. Wie wäre es denn mit einem „Yidarton, Kinder intelligente Reden Roboter mit interaktiver Sprachsteuerung Touch und Blitz“? Vielleicht sind für ein schulisches Fortkommen in Corona-Zeiten ein "CD Writing Tablet 10 Zoll" oder eine elektronische "LCD-Schreibtafel" ein cooles Geschenk. Und für das einjährige Geschwisterchen gibt es einen musikalisch elektronischen "Baby Spielzeug Roboter".

Instrument war einmal

Ein Musikinstrument auf dem Zettel, das war einmal. Dann schon lieber eine "YUNKE Piano Matte", "Kinder Klaviermatte", eine "Multifunktionale Bodenmusik Spielmatte". Oder eine "Musik und Animal Touch Spieldecke" - immerhin mit zehn Klaviertasten und acht Tiergeräuschen. Fördern soll dieses Spielzeug die Klangwahrnehmung der Kinder.

Als pädagogisch wertvoll angepriesen wird der „STEM Lernspielzeug Roboter“. Dieser Roboterbausatz besteht aus 405 zertifizierten und ungiftigen Teilen, hergestellt aus hochwertigem Kunststoff. Flexible Roboter-Bewegungen nach links und rechts, vorwärts, rückwärts und um 360 Grad drehbar. Über 20 Meter fernsteuerbar, da ist der Heilige Abend doch gerettet.

Das Christkind kann einem heutzutage leidtun, hier muss echte Übersetzungsarbeit geleistet werden. Manche Kinder erleichtern dem Himmelsboten die Sache, indem sie hilfreich sogar den Preis aus dem Werbeprospekt oder dem Katalog mit Bestellnummer beiheften.

"Immer her damit!"

Interessant ist auch der Abschluss mancher Briefe. „Ich weiß, dass ich nicht gerade bescheiden bin, es wäre aber doch nett, wenn du alles erledigen könntest", heißt es da etwa. Ein anderer Brief endet mit den Sätzen „Liebes Christkind, vielleicht wunderst du dich, dass ich so bescheiden bin (zumindest für meine Verhältnisse), aber mir ist einfach nichts mehr eingefallen. Falls du aber noch etwas wissen solltest, für Vorschläge bin ich stets zu haben: Also immer her damit! Und falls mir noch was einfällt, schicke ich `nen Brief hinterher.“

Und zum Schluss fiel dem eifrigen Schreiber dann doch noch etwas ein, das er post scriptum lapidar anfügte: „Eine Ratte wäre auch nicht schlecht!“ Ob das seine Mama gelesen hat? Auch das Inventar der Kinderzimmer wird durch die Wünsche aufgemotzt. So benötigt ein Neunjähriger neben dem Fernsehgerät für sein Home-Tablett ein Adventure-Spiel. Neue Boxen für die Stereoanlage wären auch nicht verkehrt. Manchen ist das zu altmodisch. "Du, Papa, das ultimative Home Sound System von Sonos, ein Netzwerk aus WLAN-Speakern, das großartigen Sound ins Kinderzimmer bringt, wäre besonders cool. Darf ich es aufschreiben?“

Bescheidenheit – gibt es sie noch?

All diese Wünsche kommen von neun- bis elfjährigen Kindern, nicht etwa aus der Großstadt, sondern auch aus kleineren und mittleren Orten unserer Gegend. In wieweit dabei der kindliche Glaube an das Christkind oder den Weihnachtsmann noch eine Rolle spielt, ist nicht immer geklärt. In der Regel sind unsere Kids „aufgeklärt“ und ihr Kinderglaube spätestens seit der 1. Klasse demontiert „Du bist ja doof, einen Weihnachtsmann gibt es gar nicht!“, hört man immer öfter. Konkret bedeutet dieser Schock: Alles hängt von der Geldbörse der Eltern ab.

Dennoch spielt der Einfluss des Elternhauses in diesem Zusammenhang aber doch eine nicht unerhebliche Rolle. Und deshalb gibt es sie tatsächlich noch, die bescheiden wirkenden Wunschzettel, die ans Christkind zwei, drei Wünsche richten und am Ende alles offen lassen. Und dann existieren zum Glück auch heute noch Wunschzettel, in denen der Verfasser an andere denkt, die nicht dem Konsum-Terror unterworfen sind. Wenn es da heißt: „Lass es meiner Oma gut gehen“ oder „Mach bitte, dass Kinder keinen Hunger leiden müssen“.

Info:

A Briaf an`s Christkindl

I woaß-`s net, ob da Vata

Dazuakimmt, dass er schreibt.

Drum schick i heut an Briaferl,

Dass nix vogess`n bleibt…

Bring uns an Tannabäumerl,

Häng`Sterndl dro

Und Nuß und rouet Apfl

A Kripperl ham ma scho.

An Vatern schenkst ab Pfeifa,

Und nacha bist so guat,

Bringst eahm a Sunntahemad,

Zwoa Fäustling und an Huat.

Für d`Muatta war a Kleidl

Aus Dirndlstoff grod recht.

A Regenschirm und a Blusn.

War außerdem net schlecht.

Mei Schwester möchte an Puppn.

De pfeilgrod „Mamma“ schreit

Dazua an schöna Kauflodn,

Do hätt`s de größte Freud

I wünsch ma a neu`s Radl,

An Schlips, a Dampfmaschin,

An Fußball und an Büachl,

Mit schöne G`schichten drin.

Mein Freund der Schustafranzel,

Hot oft koa Stückl Brot.

Für den da bringst a Kucha,

Na hilfst eahm aus der Not.

Gell tua fei nix vergess`n

Weil i mi schon d`drauf freu,

An schöna Gruaß vom Micherl,

Moosharting Nummra drei.

Andreas Staimer, geb. 1901 in Cham, gest. 1971 in Regensburg

Da klingen die Wünsche noch anders: Das Gedicht stammt von Andreas Staimer, geboren 1901 in Cham, verstorben 1971 in Regensburg. Der im Bayernwald bekannte Schriftsteller verdiente sein tägliches Brot als Angestellter der Deutschen Bundespost und war zuvor Fabrik- und Forstarbeiter.

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