10.07.2018 - 10:14 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Missbrauch per Internet und Handy

Der Fall sorgt bundesweit für Schlagzeilen: Ein Junge aus der Nähe von Freiburg soll jahrelang von seiner Mutter und deren Lebensgefährten missbraucht und zur Prostitution verkauften worden sein. "Schrecklich", sagt Elisabeth Scherb.

Moderne Medien ermöglichen neue Formen der sexualisierten Gewalt, bedauert Sozialpädagogin Elisabeth Scherb von Dornrose. Gerade hier wäre mehr Präventionsarbeit erforderlich.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

(ps) Doch letztlich nur die Spitze des Eisbergs, weiß die Diplom-Sozialpädagogin von Dornrose, der Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt in Weiden. 13539 Kinder weist die Kriminalstatistik 2017 bundesweit als Opfer von sexualisierter Gewalt aus. "Aber das sind nur die polizeilich registrierten Fälle", gibt Elisabeth Scherb zu bedenken. "Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher."

Dabei macht sich - sowohl bundesweit als auch vor Ort - die Zunahme digitaler Gewalt bemerkbar. Moderne Medien ermöglichen neue Formen der sexualisierten Gewalt. "Dabei handelt es sich unter anderem um pornografische Darstellungen, denen Kinder ausgesetzt werden. Dann gibt es das sogenannte Cyber-Grooming: Täter nutzen Spiele oder Chats im Internet, um unter falscher Identität Kontakt mit Kindern herzustellen und Verabredungen zu treffen." Ein Bereich, der nach Ansicht der Expertin viel Aufklärung und Präventionsarbeit erfordert. Als Sexting bezeichnen die Fachleute die unaufgeforderte Zusendung von Nacktfotos oder Texten mit sexuellem Hintergrund. Scherb: "Manche Erwachsene schicken Bilder an Kinder. Das machen aber auch Jugendliche untereinander." Nicht zuletzt nimmt auch Cyber-Stalking zu. Opfer werden per Internet oder Handy ausgeforscht und psychisch terrorisiert. "Das trifft vor allem Jugendliche und Erwachsene." Diese Themen spielen in der Beratungsstelle eine immer größere Rolle. Hier sei auch die Politik auf allen Ebenen gefordert.

In 148 Fällen von sexualisierter Gewalt waren die Mitarbeiterinnen von Dornrose 2017 als Beraterinnen aktiv. 78 der Betroffenen waren jünger als 21 Jahre, 36 Kinder jünger als 14 Jahre. "Auch diese Zahlen stellen nur einen Teil der tatsächlich Betroffenen dar", weiß die Sozialpädagogin. Wie schwer es fällt, sich mit einem Fall von Missbrauch selbst Fachleuten anzuvertrauen, belegt der Umstand, dass bei den meisten Frauen, die als Erwachsene in die Beratungsstelle kommen, der Missbrauch bereits in ihrer Kindheit stattgefunden hat. "Es dauert oft Jahre oder gar Jahrzehnte bis angesichts der traumatischen Verletzungen Hilfe gesucht wird."

Gleichzeitig bemerkt Elisabeth Scherb, dass die Bevölkerung für das Thema sexualisierte Gewalt inzwischen stärker sensibilisiert ist. "Wir erhalten immer mehr Anfragen von Lehrern oder Kita-Fachkräften, weil sie den Verdacht haben, dass ein Kind missbraucht wurde." Dornrose will deshalb die Präventionsarbeit stärker in den Vordergrund rücken. Für den Herbst haben die Expertinnen gemeinsam mit dem Frauenhaus Weiden eine Lehrerfortbildung organisiert. Das Interesse ist groß. Scherb: "Der Kurs war innerhalb kürzester Zeit ausgebucht. Es gibt sogar eine Warteliste." Ebenfalls im Herbst will die Beratungsstelle außerdem Präventionskonzepte für Schulklassen entwickeln.

Wichtig wäre laut Scherb auch die Präventionsarbeit mit Jugendlichen mit Behinderung sowie mit betroffenen Flüchtlingen. "Zwei Personengruppen, von denen wir wissen, dass sie besonders gefährdet sind." Das sei angesichts der geringen Personaldecke und der mangelhaften Finanzierung der Beratungsstelle allerdings nicht zu leisten.

"Dornrose existiert seit 1993, also schon 25 Jahre. Aber es gibt noch immer keine sichere Regelfinanzierung", bedauert Scherb. Mindestens 15000 Euro müsse der Verein jährlich selbst für die Beratungsstelle aufbringen. Sogar für die Personalkosten sind zehn Prozent Eigenanteil gefordert. Die Stadt Weiden sowie die Landkreise Neustadt und Tirschenreuth unterstützen die Beratungsstelle zwar. Aber die Anträge müssen jedes Jahr neu gestellt werden. "Das erfordert viel Zeit und Energie." Dabei wäre es im Sinne des Kinderschutzes enorm wichtig, diese Beratungsstellen weiter auszubauen.

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