28.06.2018 - 11:17 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Niemals Polizei gerufen

Die Europaberufsschule steht stellvertretend für andere berufsbildenden Schulen in der Region mit Integrationsklassen: Lehrer und Sozialpädagogen bekommen viel Lob.

Die Sprachintensivklasse Deutsch an der Europaberufsschule mit Lehrerin Adela Pataki-Eisner (stehend Erste von rechts) und den Teilnehmern am Informationsgespräch.
von Siegfried BühnerProfil

(sbü) Rund 200 junge Flüchtlinge besuchen zurzeit die neun Integrationsklassen an der Europaberufsschule. Ähnlich viele haben sie in den letzten drei Jahren bereits absolviert. Höchste Zeit eine Zwischenbilanz zu ziehen, sagte Schulleiter Josef Weilhammer bei einem Informationsgespräch. Bildungskoordinator Christian Frey vom Landratsamt Neustadt/WN lobte den Integrationsbeitrag aller Schulen mit Berufsintegrationsklassen: „Die machen einen Wahnsinnsjob“. Es sei ein „großer Baustein zur Integration“ und die Leistung der Beteiligten „geht über den Job hinaus“.

Begonnen hat alles im Jahre 2015. „Damals mangelte es an vielem, vor allem an Räumlichkeiten und Personal“, sagte Michael Bäumler. Heute besteht eine eigene schulische Organisationsstruktur mit Personal und Lehrplänen. Die Europaberufsschule eine von 21 Modellschulen in Bayern für das Projekt „Perspektive Beruf für Asylbewerber und Flüchtlinge“. Selbstverständlich seien Sprachvermittlung, berufliche Vorbereitung, Werte- und Demokratieerziehung. Wie die Integrationsarbeit im Alltag abläuft schilderten Lehrkräfte. Am Anfang würden Kulturen aufeinander stoßen, berichtete Manfred Wichmann, Abteilungsleiter Integration. Während deutsche Schüler eher soziale Defizite hätten, seien es bei Flüchtlingen besonders kulturelle Defizite. Immer wieder müsse man zum Beispiel erklären, „ruf an, wenn du krank bist“. Sein Kollege Bäumler lobt die „positive Lebenseinstellung, Herzlichkeit und Freundlichkeit der jungen Flüchtlinge. „Höflichkeit und keine direkte Ansprache ist im Kulturkreis, aus dem die Flüchtlinge kommen, sehr üblich,“ sagte Flüchtlingskoordinator Manfred Weiß von der Diakonie Weiden.

In den Alphabetisierungs-Klassen geht es zunächst darum, elementare Grundkenntnisse zu vermitteln. Für die Schule sei dies eine besonders große Herausforderung. Gelöst werde sie auch dadurch, dass die Schüler in drei Leistungsgruppen eingeteilt werden. Ein ganzheitlicher Ansatz sorge für die allmähliche Heranführung in die deutsche Gesellschaft. „Multiprofessionelles Team“ nennen es die Schulvertreter. Es reicht von der „Deutsch-als-zweite-Fremdsprache-Lehrkraft“ Katrin Flogaus über Jugendsozialarbeiterin Sandra Schlegl bis hin zu externen Referenten vom Amtsgericht und der Polizei. „Wir müssen die jungen Flüchtlinge so vorbereiten, dass sie am Arbeitsmarkt zurechtkommen“, beschreibt Schulleiter Weilhammer diese Aufgabe. Ergänzt wird der Unterricht immer wieder durch einzelne Schulprojekte. Beispiel dafür ist das Projektseminar „Demokratie & Wahlen“ in einer Jugendherberge.

Dass zuletzt die gesamte Integrationsklasse 10a in einer externen Prüfung den Mittelschulabschluss geschafft hat, sieht man an der Europaberufsschule als Auszeichnung der Arbeit an. „Ohne ein funktionierendes Netzwerk mit den beteiligten Ämtern wäre die Integrationsleistung nicht zu schaffen“, sagte Weilhammer. Stolz vermeldet er auch: „iIh habe noch nie die Polizei rufen müssen“. Dazu bemerkt Flüchtlingshilfe-Koordinator Weiß, dass die Kriminalität von jungen Asylbewerbern überbewertet werde. Zusätzlich zur Arbeit in den Integrationsklassen sei zwischenzeitlich die Betreuung derjenigen Flüchtlinge gekommen, die eine Ausbildung begonnen haben. Sie nehmen am normalen Berufsschulunterricht teil. Auch dort müsse jetzt sichergestellt werden, „dass Integration funktioniert“. In Zusammenarbeit mit der Kolping Berufshilfe werden ausbildungsbegleitende Hilfen (AbH) durchgeführt. „Auch junge Flüchtlinge mit B2-Sprachniveau haben weiterhin in den Berufsfachsprachen ihre Probleme“, berichtete Wichmann. Dort, wo Unternehmen die richtige Weitsicht haben, funktioniere die Ausbildung gut. Um „Verständnis von allen Seiten für Flüchtlinge in Ausbildung" bat Julia Lenhart von der Stadt Weiden.

Info:

Drei Modelle

Bildungskoordinator Christian Frey vom Landkreis Neustadt/WN informierte über die in der Region bestehenden „beruflichen Beschulungsmodelle für Schüler mit Sprachförderbedarf Deutsch“. Drei Modelle sind zu unterscheiden. Berufsintegrationsklassen bilden die eine Gruppe. Eingerichtet sind diese für Berufsschulpflichtige mit Migrations- oder Fluchthintergrund bis 21 Jahre. Neben der Europaberufsschule gibt es diese noch am beruflichen Schulzentrum Neustadt/WN und an den Wirtschaftsschulen Weiden und Eschenbach. Außerdem gibt es für junge Flüchtlinge oder Migranten das Berufsvorbereitungsjahr mit Sprachförderung an der Förder-Berufsschule St. Michaelswerk Grafenwöhr und die Integrationsvorklasse an der FOS/BOS in Weiden. Für den Eintritt in die Schule in Grafenwöhr muss eine „sonderpädagogischer Förderbedarf“ bestehen. Im Falle des FOS/BOS müssen Kenntnisse „entsprechend eines qualifizierenden Mittelschulabschlusses oder mittleren Schulabschlusses“ nachgewiesen werden. (sbü)

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