Karin S. ist nie über den Drogentod ihres Sohnes hinweggekommen. Sie lebt seit Jahren zurückgezogen, pflegt keine Freundschaften mehr. Sie weiß, dass sie Hilfe bräuchte, findet aber keinen Weg aus immer häufigeren depressiven Phasen. An einem guten Tag lässt sie sich von einer Nachbarin mitnehmen zur „Oase“, und das auch nur, weil diese ihr versichert, sie müsse dort weder ihren Namen angeben, noch mit irgendjemandem über ihre Probleme sprechen.
Karin S. ist eine fiktive Figur, aber genau so könnte es passiert sein, denn in die „Oase“ kann man kommen und gehen, ohne sich in irgendeiner Weise offenbaren zu müssen. Niemand fragt aufdringlich, warum man kommt. Niemand verlangt einen Nachweis, ob man Anspruch auf das günstige Mittagessen hat. Man muss nicht einmal seinen Namen sagen, wenn man das nicht will. Und das ist das Erfolgsrezept dieser Tagesstätte für Menschen in oder nach psychischen Krisen, die Gleichgesinnte treffen wollen und professionelle, niedrigschwellige Hilfe oder Begleitung wünschen. Hier meldet man sich nicht an, man kommt einfach her. Im zweiten Stock der Hochstraße 21 ist man jeden Werktag von 9 bis 16 Uhr willkommen, auch wenn man nur kommt, um hier für kleines Geld zu Mittag zu essen.
Die Tagesstätte ist eine soziotherapeutische Einrichtung des Regensburger Sozialteams, ein familiengeführtes Unternehmen, das Einrichtungen und Dienste für pflegebedürftige Senioren und psychisch Kranke und Suchtkranke in Bayern und Sachsen betreibt. Finanziert wird die „Oase“ nach Angaben des Sozialteam-Geschäftsführers Peter Weiß pauschal durch den Bezirk Oberpfalz und durch Spenden. Diese Finanzierung ermögliche, so Weiß, ein nicht nur niedrigschwelliges, sondern auch weitgehend kostenloses Angebot.
Geburtshelferin der „Oase“ war 1996 die damalige CSU-Bezirksrätin Petra Dettenhöfer; sie war von der Angehörigen eines psychisch Kranken angesprochen worden, die Entlastung über eine strukturierende Einrichtung suchte. Die „Oase“ galt damals als wichtiger Lückenschluss in der Versorgung psychisch Kranker in der Nordoberpfalz.
Die Tagesstätte hat im Jahr durchschnittlich knapp 3500 Besucherinnen und Besucher, darunter mehr Männer als Frauen, wobei die Gruppenangebote wiederum stärker von Frauen angenommen werden. 2025 haben 1162 Frauen und 833 Männer eines der Gruppenangebote wahrgenommen; 412 Männer und 455 Frauen haben sich telefonisch oder vor Ort beraten lassen.
Was bietet die „Oase“ unserer fiktiven Besucherin Karin S., nachdem diese einige Male ihre Nachbarin zum Mittagessen und zum Kaffeetrinken in die Einrichtung begleitet hat? Karin S. hat möglicherweise erkannt, dass niemand hier sie zu etwas drängen will, dass aber Hilfe und Rat jederzeit zu bekommen sind, wenn sie danach fragt. Vielleicht fasst Karin S. Vertrauen zu einer der Mitarbeiterinnen, zu einem Mitarbeiter, erzählt von ihrem Sohn, von ihren Problemen, ihrer Depression. Vielleicht erzählt sie auch davon, dass ihre Wohnung unbedingt wieder einmal gründlich geputzt werden müsste. Oder davon, dass sie Schulden angehäuft hat, dass sie keine Briefe mehr öffnet. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der „Oase“ sind Berater zu allen Lebensfragen – nie aufdringlich, aber immer da, wenn sie angesprochen werden.
Das Angebot der Tagesstätte hat sich im Lauf der vergangenen drei Jahrzehnte mit den Besuchern und Besucherinnen entwickelt. Es spiegelt sozusagen deren Interessen wider. Es gibt Gruppen, die Musik machen, die Uhren und Fahrräder reparieren, die sich mit Selfcare beschäftigen. Beliebt sind die Ausflüge, die Faschingsfeiern oder Angebote wie Tanzkurse oder Billardturniere.
Feiern will die „Oase“ das 30-Jährige mit verschiedenen Veranstaltungen. Am 24. September gibt Kulturpreisträger Hubert Treml, einst Frontmann der legendären Band „Apfelkuchen“, die in den 1980er Jahren eine feste Größe in der Oberpfälzer Musikszene war, ein Benefizkonzert im Kulturbahnhof Parapluie. Die Einnahmen des Abends kommen vollständig der „Oase“ zugute. Vom 15. Oktober bis zum 1. November ist im Kunstverein eine Ausstellung zu sehen, die Einblick geben will in drei Jahrzehnte Alltag in der Tagesstätte, die die Angebote, die Ausflüge und die Oase-Gemeinschaft dokumentiert. Im Mittelpunkt stehen Geschichten und Werke, die die Besucher und Mitarbeiter seit den Anfängen 1996 geschaffen haben. Am 18. Oktober findet in der Sebastiankirche ein weiteres Benefizkonzert statt; in der Reihe „Musik und Text“ (MuT) singt der Chor „Sing and Smile“ für die Tagesstätte.















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