Weiden in der Oberpfalz
05.10.2018 - 15:55 Uhr

Omnibus-Kreuzer stellt nach 89 Jahren den Betrieb ein

Die sind doch pleite, heißt es bisweilen in der Stadt, wenn die Rede auf Omnibus-Kreuzer kommt. Stimmt nicht. Die fahren einfach nicht mehr. Weil die Chefin meint, mit 79 Jahren könnte es vielleicht auch mal gut sein mit Arbeiten.

Was für Zeiten für Busunternehmer! Anne-Marie Wunder fachsimpelt mit Wolfgang Wies, der von ihrem Betrieb sämtliche Fahrer und die Hauptlinie übernimmt. Bild: Schönberger
Was für Zeiten für Busunternehmer! Anne-Marie Wunder fachsimpelt mit Wolfgang Wies, der von ihrem Betrieb sämtliche Fahrer und die Hauptlinie übernimmt.

Anne-Marie Wunder ist eine elegante Erscheinung. Das blaue Kostüm, die gepflegten Hände - durch und durch Geschäftsfrau eben. Als solche war sie bis 31. Juli jeden Tag im Büro in der Oskar-von-Miller-Straße. Dort hat sie sich um die Finanzen und die Buchhaltung des Busunternehmens gekümmert, das ihr Vater 1929 gegründet hat.

Seit 1. August ist Schluss. Anne-Marie Wunder hat ihre fünf Busse verkauft und dafür gesorgt, dass ihre sechs Fahrer bei Nachbar Wolfgang Wies wieder einen Job gefunden haben. Das war ihr wichtig. Das Verhältnis zum Kollegen und den Mitarbeitern ist ohnehin gut. Wies hat auch die legendäre Kreuzer-Linie Weiden-Kohlberg übernommen. Von der soll später noch die Rede sein.

"Es ist ganz einfach. Mein Sohn kann die Firma krankheitsbedingt nicht führen, meine Tochter und Enkel haben andere Berufe, und ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste", sagt Wunder. Deshalb sind Spekulationen über eine Insolvenz absurd. Die keimen immer mal wieder auf, weil Kreuzer-Busse seit zwei Wochen nicht mehr vor Schulen zu sehen sind. Zuvor ist wohl jeder, der seit den 50er Jahren in Weiden aufgewachsen ist, schon mal in einem Kreuzer-Bus gesessen: als Schüler, Ausflügler oder Urlauber. Dabei war Kreuzer anfangs gar keine Weidener Firma. Die Ursprünge liegen in Eger. Dort gründeten die Brüder Stephan und Georg Kreuzer 1929 ihr Beförderungsunternehmen. Sie betreuten den gesamten Linienverkehr rund um ihre Heimatstadt. Die Haltestellen sagen vielen Älteren noch etwas: Kammersdorf, Pograth, Grünberg, Liebenstein.

1934 gingen die Brüder getrennte Wege. Georg machte weiter mit der Linie in Eger, Stephan stieg in Franzensbad ins Geschäft mit Reisebussen und Ausflugsfahrten ein. Stephan Kreuzer ist der Vater von Anne-Marie Wunder.

Die war am 12. August 1939 kaum geboren, da musste der Vater für sechs Wochen "ins Manöver". Dieses Manöver sollte sechs Jahre dauern und wurde hinterher als Zweiter Weltkrieg bekannt. Aus dem kam Stephan Kreuzer zu Fuß zurück. Der aufstrebende Unternehmer hatte nichts mehr. Die Busse waren zuvor im Kriegsdienst."Einer davon ist auf der Krim in die Luft geflogen", erfuhr die Tochter später. Sie ist über die Familien- und Firmengeschichte bestens informiert, weil ihre Mutter vieles aufgeschrieben und dokumentiert hat. Diese Unterlagen überlebten Luftangriffe und Vertreibung. Letztere verschlug die Kreuzers im Oktober 1945 nach Weiden. Dort hatte die Oma fünf Schwestern, die alle am Hammerweg lebten. Einige Namen sind bekannt: Hartwig, Rupp, Eckart.

Stephan Kreuzer fand Arbeit als Chauffeur bei der jüdischen Familie Skoretzky, zwei Jahre später fuhr er ein ET-Taxi. "Diese Taxis durften ausschließlich Amerikaner befördern. Die Sammelstelle war in der Frauenrichter Straße", erinnert sich Tochter Anne-Marie. "Das Taxi hat er sich aus zwei anderen Autos zusammengebaut."

Zum technischen Geschick kam beim Senior das geschäftliche. Er besaß bald ein Mietauto und schickte 1949 den ersten Bus los, einen Opel "Blitz", dessen Tür man noch von außen schließen musste. Mit ihm übernahm er die Linie von Weiden über Kohlberg nach Hirschau. "Die wollte damals niemand haben, weil die Straße in Mallersricht zu Ende war, da kam nur noch Sand", weiß Wunder. Die einfache Fahrt nach Kohlberg kostete damals 1,20 Mark, hin und zurück 2 Mark.

Der Kohlberger Berg, der Hirschauer Berg - das alles war nicht einfach zu bewältigen. Federbrüche waren an der Tagesordnung. Stephan Wunder schaffte es trotzdem. 1953 gehörten ihm bereits drei Busse, einer für den Linienverkehr, zwei für Reisen.

Im gleichen Jahr erschien der erste Ferienprospekt der Firma, die ihr Büro nun am Oberen Markt im ehemaligen Schuhhaus Sauer hatte. Halbtagesausflüge führten damals nicht nach Regensburg oder Nürnberg, sondern nach Tännesberg oder Rötz. Wer sich einen Urlaub leisten konnte, buchte sieben Tage Reit im Winkl für 48,50 DM oder acht Tage Salzkammergut für 85 DM. Später waren die bekanntesten Kreuzer-Ziele Prag zur Oper und Grado zur Sommerfrische.

Viele dieser Kunden waren Witt-Mitarbeiterinnen, sagt Wunder: "Die Firma hat ihnen das bezahlt. Allerdings gab es keine Hotels, sondern nur Privatunterkünfte." Der erste angestellte Fahrer für diese Touren war Anton Zuber aus Marienbad. Die Busse standen in Stadeln hinter der ehemaligen Jahn-Turnhalle, wo heute der Witt-Glasbau ist. Später mietete Kreuzer Garagen in der Mooslohstraße an.

1959 baute die Familie in der Fliederstraße. Damals hatte sie bereits zwölf Busse auf den Straßen. Es war die Zeit, bevor die Bundesrepublik Gastarbeiter anwarb. Vor allem die Industriestadt Nürnberg brauchte dringend Leute. Nicht wenige fand sie dank Stephan Kreuzer in der Oberpfalz. Jahrzehnte betrieb er die sogenannte Arbeiterlinie über Weiden, Grafenwöhr und Vilseck zu Triumph und Quelle in Nürnberg.

Tochter Anne-Marie hatte in den Fünfzigern mittlerweile das Internat und die evangelische Mädchenrealschule in Ortenburg bei Passau sowie die Lehre bei der Schmidt-Bank in Mitterteich absolviert. Kurz danach lernte sie ihren Mann Adolf, "Adi", kennen, einen Schreiner aus Oberbayern, der einen Bruder in Weiden hatte. 1961 kam Sohn Stefan, 1963 Tochter Susanne zur Welt.

Seniorchef Stephan Kreuzer stellte derweil die Weichen für die nächste Generation. Er überredete den tüchtigen Schwiegersohn, in die Firma einzusteigen. Als Adi dadurch viel unterwegs war, nahm dessen Ehefrau heimlich Fahrstunden. Auf Anhieb bestand sie den Busführerschein. "Kompliment, ich bin beim ersten Mal durchgefallen", lacht Kollege Wolfgang Wies.

1968/69 stieg Kreuzer in den Schulbusverkehr ein. Am Steuer saß oft die einzige Busfahrerin weit und breit: Anne-Marie Wunder. "42 Jahre bin ich gefahren. Dann musste ich meiner Mutter versprechen, dass ich mit 65 aufhöre. Manchmal hab ich es schon bereut." Doch auch am Schreibtisch hat sie ihre Verdienste, dass es weiter bergauf ging. 1975 errichtete Kreuzer die Halle in der Oskar-von-Miller-Straße, 1992 entstand an gleicher Stelle das Bürogebäude. Zuletzt kümmerte sich Anne-Maries Schwiegertochter Christine um die Geschäfte. 2013 starb Adi Wunder. "Ich hätte es ohne ihn nie geschafft", sagt seine Frau. "Aber wir haben immer alle zusammengehalten und waren erst vier und heute drei Generationen unter einem Dach."

Die Schwiegertochter macht nun etwas anderes. Irgendwann ist eben Schluss. Zumal das Metier anstrengend geworden ist. "Die Vorschriften für uns Mittelständler werden immer mehr. Und das sollen Sie dann alles im Blick haben", spricht Nachbar Wolfgang Wies auch für die Wunders.

Die 79-jährige Seniorin muss das alles nicht mehr belasten. Sie will jetzt öfter mal wieder Klavier spielen und auf Reisen gehen. Zuletzt genoss sie die Freuden einer Kreuzfahrt. Auch dabei stellte sie fest, dass es auf dem Meer und im Leben nicht jeden Tag um Busse gehen muss.

Firmengründer Stephan Kreuzer verfügte in den 50er Jahren bereits über drei Busse und ein Taxi. Die Aufnahme dürfte auf den früheren Stellplätzen in der Mooslohstraße entstanden sein. Bild: Repro: exb/Petra Hartl
Firmengründer Stephan Kreuzer verfügte in den 50er Jahren bereits über drei Busse und ein Taxi. Die Aufnahme dürfte auf den früheren Stellplätzen in der Mooslohstraße entstanden sein.
 
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