26.11.2021 - 19:13 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Personalnotstand und RS-Virus: Kinderklinik Weiden arbeitet am Anschlag

Ein Säugling erkrankt schwer am RS-Virus, hustet viel, trinkt wenig. Der Kinderarzt in Weiden erwägt eine Überweisung in die Kinderklinik, entscheidet sich dann aber dagegen. Die Kinderklinik sei überlastet. Deren Chefarzt nimmt Stellung.

Die Kinderklinik in Weiden ist aktuell "ziemlich voll", sagt deren Chefarzt.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Gut acht Wochen ist der kleine Mann aus dem Landkreis Neustadt alt, hustet heftig, ist verschleimt, schlapp und trinkt nur noch wenig. Die Diagnose beim Kinderarzt lautet: RS-Virus. Das ist eine Atemwegserkrankung, die bei älteren Kindern und Erwachsenen oft ganz harmlos verläuft, aber Säuglingen schwer zu schaffen machen kann. In den vergangenen Wochen erkrankten viele Babys und Kleinkinder in der Region daran. Die große Schwester des nun infizierten kleinen Mannes hat das "Rezipiratorischer Synzytial"-Virus aus der Kita mitgebracht, zwar bis 41,2 Grad in der Spitze gefiebert, aber sie sei schnell wieder durchs Zimmer gehopst. Beim kleinen Bruder wird's nun ernst.

Komplizierte Behandlung bei RS-Virus

Neben der Sorge ums Baby müssen die Eltern mit dem Behandlungsplan vom Kinderarzt zurecht kommen. Der ist kein Pappenstiel beim RS-Virus: Da muss ein Säugling vier Mal täglich inhalieren, zwei Zäpfchen in den Hintern gesteckt, drei Mal Antibiotika und zwei Mal Cortison in den kleinen Mund gespritzt bekommen. Bei einem Aufenthalt in der Kinderklinik könnte versiertes Pflegepersonal helfen. "Aber der Kinderarzt hat gesagt, die Kinderklinik ist voll. Kinder mit RS-Virus sollen nicht mehr geschickt werden. Also müssen wir die komplizierte Behandlung allein schultern", sagt der Vater. Zum Glück kommen Frau und Schwiegermutter aus dem Pflegebereich.

Kein Aufnahmestopp in Kinderklinik

Doch gibt es tatsächlich einen Aufnahmestopp in der Kinderklinik in Weiden? "Da ist überhaupt nichts dran", sagt deren Chefarzt Dr. Fritz Schneble auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien. Mit 55 von 60 möglichen Patienten sei die Kinderklinik zwar aktuell (Stand Freitagnachmittag) "ziemlich voll. Trotzdem kann jedes kranke Kind hier vorgestellt und behandelt werden." Seitens der Kinderklinik sei nie etwas anderes kommuniziert worden.

Ernst ist die Lage trotzdem: Einen halben Tag habe es in der letzten Zeit gegeben, an dem nichts mehr gegangen sei. "Und heute haben wir auf der Intensivstation keine Kapazitäten, weil wir aktuell einige infektiöse Patienten haben." Auch welche mit RS-Virus? "Nein, zum Glück musste bislang kein an RSV erkranktes Kind mit einer sogenannten Überdruckbehandlung auf der Intensivstation beatmet werden." Überhaupt sinke gerade die RSV-Fallzahl. Waren in der Woche vom 8. November an noch 24 kleine RSV-Patienten in der Kinderklinik, zählt Chefarzt Dr. Schneble seit Montag nur mehr 11 Patienten. Und nicht jedes Kind mit massivem Husten und Schnupfen oder gar mit RSV sei ein Fall für die Kinderklinik, betont der Mediziner. Nur die besonders kleinen bis etwa sechs Monate, wenn sie gar nicht mehr trinken, so Schneble. Er bestätigt auch, wie pflegeintensiv diese Kinder dann sind. Zugleich aber betont er, Kinderärzte seien äußerst kompetent und haben Therapiefreiheit. Über 90 Prozent der kleinen Patienten würden schließlich ambulant behandelt. Aktuell seien Kinderärzte aber auch absolut überlastet und überrannt, weiß der Chefarzt der Kinderklinik.

"Alle arbeiten am Anschlag"

Überlastet sind Pflegepersonal und Ärzte in der Kinderklinik aber definitiv auch. "Alle hier arbeiten absolut am Anschlag, jeder hier läuft an seiner Belastungsgrenze", weiß der Chefarzt und verweist auf eine deutschlandweite Personalnot in Kinderkliniken. "Obendrein macht eine Infektwelle auch vor dem Personal hier nicht halt." Sprich: Pflegepersonal und Ärzte fallen in der Kinderklinik mitunter wegen Krankheit aus. Immer wieder würden bei den Routine-Coronatests auch Mitarbeiter positiv getestet. "Sie müssen dann in Quarantäne." Zudem haben natürlich gerade Kinderkrankenschwestern auch selbst Kinder, gehen in Elternzeit oder müssen ihren kranken Nachwuchs betreuen. Alles in allem meint Chefarzt Schneble: "Wir haben hier in der Kinderklinik supergutes Personal, aber zu wenig davon."

Dabei reißt die Arbeit nicht ab: Weniger RSV-Fälle verheißen keine Entspannung in der Kinderklinik. Immer wieder gebe es auch ein bis drei Coronainfektionen. "Das sind aber meist Neugeborene, deren Mutter an Covid-19 erkrankt ist." Viele der kleinen Patienten plagten zudem gerade Luftwegsinfektionen im Allgemeinen. Auch Durchfallerkrankungen gehen um, weiß Dr. Schneble. Aber es gelte dennoch, wie schon gesagt: "Jedes kranke Kind kann vorgestellt und behandelt werden." Der Vater des RSV-kranken Säuglings packt mit Unterstützung der ganzen Familie trotzdem selbst an. Er hat derweil einen neuen Aufsatz für das Inhaliergerät in der Apotheke besorgt. "Wir müssen jetzt übers Wochenende kommen. Am Montag sehen wir beim Kinderarzt weiter." Und irgendwie sei er ja ganz froh, wenn die kleine Familie das alles auch ohne Klinik-Aufenthalt übersteht.

So grassiert das RS-Virus in der Region

Weiden in der Oberpfalz
Info:

Was ist das RS-Virus?

  • RS-Virus steht für Respiratorische Synzytial-Virus.
  • Das ist ein weltweit verbreiteter Erreger von Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege.
  • In Mitteleuropa treten RSV-Infektionen besonders oft zwischen November und April auf.
  • Grundsätzlich können Infektionen mit RS-Viren jeden treffen – unabhängig vom Alter.
  • Am häufigsten treten RS-Virus-Infektionen in den ersten zwei Lebensjahren auf.
  • Bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum Alter von zwei Jahren ist das RSV der häufigste Auslöser von akuten Infektionen der unteren Atemwege.
  • In den ersten drei Lebensmonaten können diese besonders schwer verlaufen.
  • Bis zum Ende des zweiten Lebensjahres haben nahezu alle Kinder mindestens eine RS-Virus-Infektion durchgemacht.
  • Etwa zwei Prozent der erkrankten Kinder werden deshalb im Krankenhaus behandelt.
  • Ältere Kinder und Erwachsene entwickeln in aller Regel nur leichte, erkältungsähnliche RS-Virus-Symptome.
  • Quelle: Lungeninformationsdienst

 

 

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