12.10.2020 - 10:45 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Peter Wurschi spricht beim "Interkulturellen Herbst" über Mauerfall

Der Thüringische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Peter Wurschi spricht über die Ereignisse, die zum Mauerfall führten und die Resultate, die sich daraus ergaben.
von Helmut KunzProfil

„Die Welt ist seit 1990 komplizierter geworden“, machte Peter Wurschi beim „Interkulturellen Herbst“ im Café Mitte gleich zu Beginn seiner Ausführungen deutlich. Der Thüringische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur wollte Perspektiven liefern. „Wie die Ossis ticken, zu erklären, dazu habe ich keine Lust.“ Viel lieber referiere er über geteilte und gemeinsame Erinnerungen, gegenseitige Erwartungen und Enttäuschungen.

Eingeladen hatten „Weiden ist bunt“ und „Demokratie leben“. Grünen-Stadträtin Laura Weber, bei der Wiedervereinigung gerade mal sechs Jahre alt, erinnerte sich nur verschwommen an eine Fahrt nach Berlin als Kind und dass sie dort an die Mauer geklopft habe. „Jeder hat seine eigenen Erinnerungen an die Nacht des Mauerfalls“, ergänzte Veit Wagner.

Namen und Begriffe aus den Achtzigern, wie Franz Josef Strauß, Kreml-Flieger Mathias Rust, Wackersdorf oder Gorbatschow würden viele Assoziationen wecken. „Sie stehen als Erinnerungsanknüpfungspunkte für Ost und West gleichermaßen“, sagte Wurschi. Aber das Datum, 9. Oktober 1989, als es Spitz auf Knopf stand und als 80.000 in Leipzig demonstrierten, habe sich nur bei den ehemalige Bürgern der DDR eingebrannt.

Drei Generationen hätten die DDR-Zeit geprägt: Diejenigen, die den Krieg noch erlebt hätten. Diejenigen, die in den 1950-ern geboren wurden. „Das waren die Protagonisten der Demonstrationen. Viele vom Neuen Forum. Die wollten ihre DDR nach demokratischen Grundsätzen weiterführen." Und habe es noch die nach 1965 Geborenen gegeben, die sich innerlich längst von den Verhältnissen in der DDR distanziert hätten.

„Diese Generation betrachtete ihre angepassten Eltern als schwach und als unter die Räder gekommen.“ Aus diesem Personenkreis rekrutierte sich später auch die Riege der Ausreisewilligen, die sich über Prag und Ungarn einfach nur absetzen wollte. „Die SED hatte sich immer bemüht, eine möglichst klassenlose Gesellschaft zu schaffen. Die Wirklichkeit sah anders aus. Es kam sehr wohl darauf an, aus welcher Familie man kam.“ Das Regime arbeitete erfolgreich mit Mechanismen wie Einschüchterung und Sippenhaft.

„1989 ist nicht einfach vom Himmel gefallen.“ Die Ereignisse, die zum Mauerfall führten seien unterschiedlich wahrgenommen worden, obwohl es sich um dieselben historischen Ereignisse handelte. Sogar im Osten, wo sich viele DDR-Bürger längst ein Leben im Sozialismus eingerichtet und sich anpasst hätten. In der BRD reflektierte die Betrachtungsweise auf das jeweilige Milieu, aus dem jemand stammte. Leute aus Landstrichen in Grenznähe hätten die Begebenheiten gewiss auch anders registriert, als dies Bürger im fernen Nordrhein-Westfalen taten.

Während in Leipzig demonstriert wurde, hatte man sich im Westen mit der 35-Stunden-Woche beschäftigt. "Hier dominierte vielerorts das Motto: Business as usual." In der DDR sei im Sommer 1989 hingegen für die Menschen viel passiert. Für DDR-Bürger, bei denen Demokratie als Synonym für Wohlstand stand, wie man ihn vom Fernseher her kannte, machte sich hinterher natürlich Ernüchterung breit. „Für sie entstand eine dauerhafte Stresssituation.“ Ihre früher auf den Staat übertragene Verantwortung sei plötzlich weggefallen. Ein Großteil der DDR-Bürger fühlte sich im Umbruch, im Chaos und hatte Angst vor dem sozialem Abstieg und der Arbeitslosigkeit. Ihnen fehlte Stabilität. Der Turbokapitalismus tat sein übriges.

Natürlich habe der Osten von der Wiedervereinigung profitiert. Und nicht nur, was die Infrastruktur betreffe. „Lag die Wirtschaftskraft der DDR gegenüber der BRD 1990 bei 43 Prozent, hatte sie bis 2018 auf 72 Prozent aufgeholt." Dies entspreche heute durchaus europäischem Niveau. „Allerdings blieb der Aufschwung Ost in dieser Größenordnung stecken.“ Ferner habe Ostdeutschland den größten Bevölkerungsschwund erleben müssen, den es in Friedenszeiten gab. „Das wirkt sich auf die Altersstruktur aus. Aber auch auf die Sozialkassen.“ Immer noch betrachteten 75 Prozent der jungen Deutschen die Bewohner der Neuen Bundesländern als benachteiligt.

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