03.01.2020 - 18:17 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Nach der Pisa-Studie: Lesen am besten ab Geburt fördern

Die deutschen Schüler haben sich in der Pisa-Studie beim Lesen nicht verbessert. Buchhändlerin Maria Rupprecht und Forscherin Anita Schilcher wissen, woran das liegt, und geben Tipps zur Motivation.

Viele Kinder haben beim Lesen Schwierigkeiten. Buchhändlerin Maria Rupprecht und Wissenschaftlerin Anita Schilcher wissen, wie man sie motivieren kann.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

2009 war Lesen zuletzt Schwerpunkt der Pisa-Studie. Zwar findet Professor Anita Schilcher das aktuelle Ergebnis im Vergleich zu dem von damals "nicht so dramatisch". Und das, obwohl der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund beim Pisa-Test 2018 deutlich höher war. Doch es gibt noch viel zu tun - und je früher eine Förderung beginnt, umso leichter lernen Kinder das Lesen.

Bei der Studie, an der 5500 Jugendliche in Deutschland teilgenommen haben, wird ihre Leseleistung in Stufen eingeteilt. Dabei kam raus: Viele 15-Jährige können demnach nur auf Grundschul-Niveau lesen. "Schwächere Schüler können nur Einzelinformationen entnehmen", erläutert Schilcher, Professorin für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Regensburg. Das entspreche der Leistung von Grundschülern.

Große Unterschiede

Dass Kinder und Jugendliche unterschiedlich gut lesen können, sei allerdings normal. In einer Grundschulklasse ist das Lesevermögen "breit gestreut": Es gibt Schüler, die besser lesen können als in ihrer Jahrgangsstufe üblich, andere tun sich damit noch schwer. Die Leseleistung der einzelnen Kinder einer Klasse liege vier Jahrgangsstufen auseinander - "das ist die Regel", sagt Schilcher, stellvertretende Leiterin des Zentrums für Lehrerbildung an der Uni Regensburg.

Die Teilnehmer der Pisa-Studie wurden auch nach ihrer "Lesefreude" befragt. Im Zehnjahresvergleich wird dabei sichtbar, dass das Interesse der Jugendlichen am Lesen abnimmt. Jeder zweite befragte 15-Jährige in Deutschland sagte: Ich "lese nur, wenn ich lesen muss" oder "um Informationen zu bekommen, die ich brauche". Lesen als liebstes Hobby gab nur jeder Vierte an. Mehr Schüler (34 Prozent) sagten dagegen, für sie sei Lesen Zeitverschwendung.

Dabei ist die Nachfrage nach Beratungen zu Jugendbüchern in Buchläden hoch, weiß Maria Rupprecht. Aber: "Wir haben mit denen zu tun, die gerne lesen." Jugendliche kommen in ihre Buchhandlungen, treffen sich dort mit Freunden, schmökern, berichtet die Vohenstraußerin. Die meisten haben Eltern, die selbst gerne lesen.

Die Chefin der Buchhandlungen Rupprecht versucht auch, Kinder aus Familien, in denen das Lesen keine so große Rolle spielt, dafür zu gewinnen. Rund um den Welttag des Buches lädt sie jedes Jahr 50 bis 60 Schulklassen in die Buchhandlungen ein. "Da sind Kinder dabei, deren Eltern nicht lesen und die zum ersten Mal in eine Buchhandlung kommen." Mit ihren Mitarbeiterinnen stelle sie Bücher vor, erzähle Geschichten, wecke Neugierde. "Kinder lieben nach wie vor Geschichten", sagt Rupprecht. Dabei sei erstmal unwichtig, ob die Geschichten erzählt, vorgelesen oder selbst gelesen werden.

Ein großes Problem sieht die Buchhändlerin im Internet, das nicht nur Kindern und Jugendlichen "viel Zeit stiehlt", Zeit, die zum entspannten Lesen fehlt. Außerdem nehme bei jüngeren wie älteren Menschen die Konzentrationsfähigkeit ab. "Wir machen viele Dinge gleichzeitig. Gehen und telefonieren. Gehen und Musik hören. Wir sind nicht multitaskingfähig", findet die Unternehmerin. Das hat Folgen: Erwachsene Kunden würden berichten, dass sie sich schwer tun, sich in ein Buch zu vertiefen.

Buchhändlerin Maria Rupprecht ist selbst Harry-Potter-Fan, hat Band eins bis drei gelesen und den Rest als Hörbuch gehört.

30 Millionen Wörter Vorsprung

Die Voraussetzungen für gute Lesefähigkeit werden ganz früh gelegt. "Ab Geburt findet Förderung oder Nicht-Förderung statt", weiß Anita Schilcher. Kinder aus Akademikerfamilien hörten bis zum Ende des dritten Lebensjahrs bis zu 30 Millionen Wörter mehr, erläutert Schilcher und verweist auf eine Studie von Hart und Risley. "Wortschatz ist der wichtigste Vorhersagefaktor für Lesefähigkeit." Wer viele Wörter kennt, lernt auch leichter lesen. Wenn ein Kind mit sechs Jahren in die Schule kommt, sei bei der Sprachentwicklung schon viel gelaufen. "Mancher Vorsprung lässt sich durch die Schule ... kaum noch aufholen."

Für kleine Kinder, aber auch für Grundschüler sei das Vorlesen sehr wichtig, sagt Maria Rupprecht. Letztere seien zwar geistig schon so weit entwickelt, um kompliziertere Geschichten zu verstehen. Selbst lesen können sie meist aber noch nicht, erläutern Rupprecht und Schilcher. Die Schrift ist zu klein, die Geschichten zu lang, das Buch zu dick, meint Rupprecht. Durch die Erzählungen lernen die Kinder andere Sichtweisen, können mit einer Hauptfigur eine Freundschaft schließen. Sie lernen etwa, dass ein Kind mit schwierigen Startvoraussetzungen wie in Astrid Lindgrens "Mio, mein Mio" sein Leben bestreiten könne, erläutert Rupprecht.

Das Vorlesen spielt auch für die Wissenschaftlerin Schilcher eine große Rolle. Nur so lernen Kinder die Schriftsprache kennen, hören mehr Nebensätze, andere Tempusformen und verstehen, wie Geschichten aufgebaut sind. Kindern, denen nicht vorgelesen wurde, kennen manche Wörter wie "ging", das Präteritum von "gehen", nicht, weil die Menschen beim Sprechen eher das Perfekt als Vergangenheitsform verwenden, so Schilcher.

Projekte zur Unterstützung

Viele Menschen versuchen daher, Kinder beim Lesenlernen zu unterstützen. In Neustadt/WN und Weiden hat sich dazu erst im November ein Verein gegründet. Es gibt etliche Programme für Kindergärten und Schulen. Auch Professorin Schilcher hat mit Kollegen eines erstellt. 150 Grundschulen nehmen derzeit an Filby (Fachintegrierte Leseförderung Bayern) teil, bei dem Lesen mit dem Hören kombiniert wird.

In der zweiten Klasse zum Beispiel beginnen die Schüler mit Texten, zu denen sie sich Audio-Dateien anhören. Sie lernen, dass sie sich hochfrequente Wörter wie "und" oder "ich" nicht Buchstabe für Buchstabe erlesen müssen, sondern diese schnell erfassen.

Ziel des Projekts in der 2. Klasse ist, dass ein Kind 100 Wörter pro Minute lesen kann und den Erfolg selbst bemerkt. "Gerade bei den Schwächsten ist der Fortschritt im Vergleich zum normalen Deutschunterricht am stärksten", sagt Schilcher über Filby. Lehrer orientieren sich im Unterricht oft am Mittelfeld. Die Schwächeren können so aber noch weiter zurückfallen. In der 3. Klasse stehen dann Lesestrategien auf dem Programm, die in der vierten Klasse erweitert werden. Filby läuft über drei Jahre, gerade befinden sich die Teilnehmer im zweiten Projektjahr. Eine abschließende Bewertung von Filby gibt es daher noch nicht.

Info:

Motivationstipps

„Leseförderung gelingt nur mit guten Büchern“, sagt Buchhändlerin Maria Rupprecht. Sie empfiehlt Kindern und Jugendlichen gerne die Harry-Potter-Bände. „Es freut mich sehr, dass das nach 20 Jahren noch Kinder begeistert.“ Auch die Bücher von Cornelia Funke gefallen vielen jungen Lesern.

Eltern sollen Vorbilder sein. „Lesen ist in vielen Haushalten nicht selbstverständlich“, sagt Professor Anita Schilcher von der Uni Regensburg. Zudem sollten Eltern mit dem Vorlesen nicht aufhören, wenn Grundschulkinder auf einem unteren Niveau schon selbst lesen können, sind sich die beiden Expertinnen einig. Schwierigere Geschichten können Kinder und Eltern im Dialog vorlesen, wobei die Eltern einen größeren Part übernehmen, rät Schilcher. Und die Eltern sollten prüfen, wie viele Wörter ihr Kind in einer Minute lesen kann und den Test regelmäßig wiederholen. Am Ende der zweiten Klasse sollte es 100 Wörter schaffen.

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