22.03.2019 - 10:47 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Wenn Retter in Not geraten: E-Team betreut Einsatzkräfte

Dekan Johannes Lukas formuliert es salopp: "Wir leisten professionelle Erste Hilfe für Einsatzkräfte, sind aber immer noch Freizeitcowboys und keine Psychotherapeuten." Wir – damit meint er die PSNV-E.

Sie gehören zum E-Team (von links): Hubert Wittmann, organisatorischer Leiter, Gerhard Kühner und Johannes Lukas. Alle drei verfügen über jahrelange Erfahrung.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Das Kürzel PSNV steht für Psychosoziale Notfallversorgung. Die gibt es für Betroffene (= PSNV-B) und für Einsatzkräfte (= PSNV-E). Zwei Bereiche, die nach den Erfahrungen von Johannes Lukas, Gerhard Kühner und Hubert Wittmann oft miteinander vermengt werden. Dabei gilt hier eine strikte Trennung.

Sowohl der Dekan und Notfallseelsorger Lukas, als auch der Zahnarzt Dr. Kühner und Hubert Wittmann sind zwar in beiden Funktionen aktiv. Aber nie in ein und demselben Fall. "Wenn ich Angehörige eines Unfallopfers betreue, sollte ich später nicht die Nachsorge bei Rettungskräften übernehmen, die bei dem Unfall im Einsatz waren", sagt Lukas. Kühner liefert die Begründung dafür: "Wenn ich selbst am Einsatzort war, fehlt mir die professionelle Distanz zu dem Ereignis."

In 99 Prozent aller Fälle tauchen die Einsatzkräftebetreuer also nicht selbst am Ort des Geschehens auf, egal, ob es sich um einen schlimmen Verkehrsunfall, einen Suizid, um Mord oder den Brand eines Hauses handelt wie jüngst in Nürnberg. Dort sind eine Mutter und vier Kinder umgekommen. Kräfte von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst waren im Einsatz. "Nicht jeder verkraftet das auf die gleiche Weise", weiß Wittmann. "Die werden sicher auch Nachbetreuung anfordern."

Über die eigenen Fälle reden sie ungern und wenn, dann anonymisiert. Denn natürlich sind es keine Lappalien, die Einsatzkräften so an die Nieren gehen, dass sie Nachbetreuung benötigen. "Zum Beispiel ein totes Kind zu bergen, das ist keine normale Situation", erklärt Kühner. Das könne bei der Einsatzkraft eine heftige Reaktion auslösen. In Kleingruppen oder Einzelgesprächen wird das Thema dann aufgearbeitet. Und zwar zwei bis drei Tage nach dem Geschehen.

Das entspricht den neuesten psychologischen Erkenntnissen. Seit 2007 existiert die PSNV-E-Gruppe, angesiedelt beim BRK-Kreisverband Weiden-Neustadt, offiziell. Seitdem wurden neue Erkenntnisse gewonnen, vieles in der psychosozialen Betreuung hat sich gewandelt. "Anfangs haben wir nach einem tragischen Geschehen alle Einsatzkräfte zusammengerufen und jeden gefragt, was für ihn die schlimmste Szene war", erinnert sich Kühner. "Inzwischen weiß man, das war falsch. Wen es drängt, darüber zu sprechen, der soll das tun. Aber wir müssen ihn nicht mit der Nase darauf stoßen. Das birgt die Gefahr der Retraumatisierung." Damit hätte es mehr Schaden als Nutzen.

Früher haben sich schon mal Kameraden oder Führungskräfte dazu gesetzt, die am Einsatz gar nicht beteiligt waren. "Um zu sehen, was wir so machen", sagt Lukas. "Heute werden nur noch die Einsatzkräfte zum Gespräch geholt, die unmittelbar am Geschehen beteiligt waren. Also zum Beispiel nicht der Feuerwehrmann, der entfernt am Verteiler stand."

Präventionsarbeit nimmt außerdem immer mehr Raum ein. Kühner: "Jeder Feuerwehrmann muss bei uns zum Beispiel eine Präventionsschulung für belastende Einsätze machen." Eine Studie belegt, dass der Bedarf an Nachsorge bei Ernstfällen dadurch drastisch sinkt. Diese Erfahrung machen auch die Weidener PSNV-E-Kräfte. 2018 hatten sie 11 Einsätze im E-Bereich, zehn Jahre vorher waren es noch 20 bis 30. Zum Vergleich: Im PSNV-B-Bereich – also bei der Betreuung von Unfallopfern, Angehörigen oder anderen Betroffenen – hatte das Team 2018 über 100 Einsätze. Im E-Bereich gibt es aber auch viele Fälle, die sich nicht in der Statistik niederschlagen. Lukas: "Es kommt öfter vor, dass man eine Einsatzkraft zufällig trifft. Wenn die Gesprächsbedarf hat, nimmt man sich halt die Zeit."

Gaffer, Handyfoto-Fans und Gewalt machen den Einsätzkräften immer mehr zu schaffen. Das bestätigen auch die drei Experten. „Die Hauptbelastung für die Einsatzkräfte ist das Erleben von Hilflosigkeit“, sagt Hubert Wittmann. „Wer rausfährt, um zu helfen und dann selbst attackiert wird, versteht das nicht.“ Das kriegt man im Kopf nicht klar.

Die schnelle Information über die neuen Medien bringt für die Helfer noch andere Nachteile mit sich. Da heißt es zum Beispiel: Auf der Bundesstraße war ein Unfall. Das Auto ist von deinem Bruder. Oder: Eltern bekommen das Unfallbild vom Auto ihres Sohnes zugeschickt. „Es gibt Fälle, in denen die Angehörigen noch vor den Einsatzkräften vor Ort sind“, sagt Kühner. Der Umgang mit den Verwandten aber sei für die Einsatzkräfte oft belastender als der Unfall. „Und die Angehörigen tun sich selbst nichts Gutes“, fügt Lukas hinzu.

Aufgabe der PSNV-E-Gruppe ist es, die Einsatzkräfte aufzufangen und ihnen zu helfen, mit ihren eigenen Ressourcen gut umzugehen. „Wir sagen zum Beispiel: Schau auf dich. Was tut dir gut?“, erklärt Wittmann. Im Umgang mit schwierigen Situationen habe jeder „seinen eigenen Notfallrucksack: Für den einen ist es die Schafkopfrunde, für den anderen Sport und für den dritten ein Spaziergang mit dem Hund im Wald.“ Wichtig ist, dass man einen Ausweg findet. "Das kann unter Umständen auch der Wiedereinstieg in den Alltag sein", meint Kühner. "So ein Korsett stützt und hilft."

Etliche Verletzte - vier davon mussten danach ins Krankenhaus - forderte diese Unfallserie im Oktober auf der A93 bei Wiesau. Ein Sattelzug war in ein Sicherungsfahrzeug der Autobahnmeisterei gekracht, in der Folge ereigneten sich noch weitere Karambolagen. Für die Einsatzkräfte entwickelte sich die Unfallserie zum Großeinsatz. Das strapaziert Körper und Geist.
Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E):

Ein Dutzend Ansprechpartner

Die Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E) betreut seit 2006 Feuerwehrleute, Rettungssanitäter und andere Einsatzkräfte im Raum Weiden, Neustadt und Tirschenreuth. 2007 erfolgte die offizielle Anerkennung. Angefordert werden die Kräfte in der Regel über das BRK.

Alle 12 Mitglieder sind ehrenamtlich tätig. Die Gruppe besteht aus psychosozialen Fachkräften (Mediziner, Sozialpädagogen, Religionspädagogen und Psychologen) und sogenannten Peers, also Mitarbeiter von Rettungsdiensten mit einer entsprechenden Zusatzausbildung. „Sie gewährleisten im Gespräch die Augenhöhe mit den Betroffenen“, erklärt Johannes Lukas.

Zu der Gruppe, die beim BRK-Kreisverband Weiden-Neustadt angesiedelt ist, gehören ein Sozialpädagoge, ein Arzt, ein Zahnarzt, ein Pastoralreferent, Theologen sowie Kräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst, Zoll und Polizei. Die Fachdienstleitung hat Monika Fleischer, Hubert Wittmann ist organisatorischer Leiter. Wer aktiv werden will, muss eine rund 60-stündige Ausbildung in Richtung Traumatologie absolvieren und sich ständig weiter fortbilden.

Die Ausbildung ist seit Einführung der PSNV einheitlich geregelt, so dass die Helfer bayernweit eingesetzt werden können und erfolgt bei der PSNV-Landesleitung in Geretsried. Johannes Lukas und Gerhard Kühner waren schon bei Großschadensereignissen in Niederbayern im Einsatz, andere Kräfte beim Hochwasser in Deggendorf.

Alle Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht, Dekan Johannes Lukas hat als Geistlicher außerdem ein Zeugnisverweigerungsrecht vor Gericht. „Wenn eine Einsatzkraft denkt, sie hätte einen gravierenden Fehler gemacht, würde ich das Gespräch übernehmen.“ Trotz der breiten Ausbildung stößt das Team an Grenzen. „Bei akuten psychischen Erkrankungen müssen wir die Betroffenen an Experten weiter verweisen. Wir bieten allerdings unsere Hilfe an und vermitteln.“

Bereits seit 2004 existiert außerdem die Psychosoziale Notfallversorgung für Betroffene (PSNV-B) im Bereich Weiden-Neustadt mit aktuell 25 Mitarbeitern. Sie besteht aus Kriseninterventionsdienst und Notfallseelsorge (kirchliche Mitarbeiter). Sie betreuen Angehörige, Zeugen oder Ersthelfer bei einem psychisch belastenden Ereignis.

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