29.07.2021 - 17:44 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Rettung vor den Taliban: Erste Ortskräfte aus Afghanistan in Weiden

In der Oberpfalz sind 38 afghanische Ortskräfte der Bundeswehr und Angehörige angekommen. Soldaten bangen wegen der Taliban indessen um das Leben der noch in Kabul zurückgebliebenen ehemaligen Mitarbeiter.

Warten auf das Visum: Etwa 200 antragsberechtigte Ortskräfte harren derzeit in privat finanzierten Safe-Häusern in Kabul aus.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Afghanische Ortskräfte arbeiteten während des Bundeswehreinsatzes für die deutsche Regierung. Mit dem Abzug der Truppen im Juni 2021 ließ man sie zunächst zurück. Zumindest ein Teil soll nun Schutz bekommen und nach Deutschland kommen dürfen. Das Auswärtige Amt kündigte Anfang der Woche an, dass 2400 Visa für ehemalige Mitarbeiter und Angehörige ausgestellt sind. Problem: Ihre Übersiedlung läuft chaotisch.

Zwar werde "gegebenenfalls über Charterflüge nachgedacht", sagte Kanzlerin Angela Merkel letzte Woche. Mehr aber auch nicht. Die afghanischen Ortskräfte organisieren daher ihre Anreise auf eigene Faust. Wer einen Flug erwischt, bucht ihn. Turkish Airlines fliegt aus Kabul mit Zwischenstopp in Istanbul deutsche Flughäfen an, etwa Frankfurt, München und Berlin. Dort stehen die Familien dann mit ihren Visa-Papieren und ein paar Koffern. In Frankfurt übernachtete eine Familie mit Baby auf dem Airport-Gelände. Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) berichtete Anfang der Woche über eine Familie, die in Schönefeld am BER campte.

Regierung der Oberpfalz: bislang 8 Familien mit 38 Personen

Nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums haben bislang 150 Ortskräfte mit 750 Angehörige Deutschland erreicht (Stichtag Mittwoch). Sie werden per "Königssteiner Schlüssel" auf die Bundesländer verteilt (Bayern etwa 13 Prozent). Eine größere Anzahl davon ist auf diese Weise in Weiden in der Oberpfalz gestrandet. Die afghanischen Familien wurden quasi "über Nacht" in der Gemeinschaftsunterkunft Camp Pitman neben der Kaserne einquartiert. Aktuell handelt es sich laut Regierung um acht Familien mit 38 Personen. Weitere Neuankömmlinge werden erwartet.

Weidens Oberbürgermeister Jens Meyer (SPD) spricht von „Herausforderungen, die es zu lösen gilt“. Die Stadt Weiden verfüge über ein „sehr gut funktionierendes Netzwerk an Ehrenamtlichen“, die sich engagieren, dazu gut integrierte Bürger mit afghanischer Herkunft, die helfen können.

Die Regierung der Oberpfalz suchte in der letzten Wochenendausgabe von "Der neue Tag/Amberger Zeitung" per Annonce nach Wohnraum für 40 bis 100 afghanische Ortskräfte. Gewünschter Mietbeginn: "baldmöglichst". Nach Auskunft von Regierungssprecherin Kathrin Kammermeier werden Objekte gesucht, die als Übergangswohnheim genutzt werden können. Es seien schon Angebote eingegangen, "denen wir nun nachgehen".

Die Gruppe der Regierungs-Afghanen hat zwei Vorteile: Viele der Männer sprechen Englisch und sind der Bundesregierung bekannt. Und: Die Betroffenen haben sofort eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Sie werden aufgrund "latenter Gefährdung in Afghanistan zur Wahrung politischer Interessen der Bundesrepublik" aufgenommen. Sie müssen kein Asylverfahren durchlaufen und könnten sofort eine Wohnung beziehen.

Marcus Grotian vom "Patenschaftsnetzwerk afghanische Ortskräfte e.V." mit Sitz in Potsdam sorgt sich indessen um eine andere Gruppe: Für mindestens 4000 weitere Ortskräfte und Angehörige hat das Genehmigungsverfahren noch gar nicht begonnen. Sie sitzen in Afghanistan fest und befinden sich angesichts der schnellen Rückeroberungen der Taliban in zunehmender Gefahr.

Bisher wurden nur Visa für Afghanen ausgestellt, die sich zum Abzug der Truppen im Dienst der Bundesrepublik befanden. Antragsberechtigt wären aber alle ab 2013 Beschäftigten. Voraussetzung ist eine Gefährdungsanzeige bei der IOM (Internationale Organisation für Migration). Problem: Das IOM-Büro in Kabul arbeitet noch gar nicht. In Kabul muss auch der Visa-Antrag gestellt werden. Viele Ortskräfte kommen aus dem 430 Kilometer entfernten Masar-i-Scharif, wo das Bundeswehr-Feldlager war. Dazwischen liegt Kampfgebiet.

Frauen wieder unter Burkas

Die Situation verschlechtert sich täglich dramatisch. Den ehemaligen Helfern droht nach dem Abzug der Truppen die Rache der radikalislamischen Taliban. Afghanistan bewegt sich in Riesenschritten rückwärts: "Frauen lassen sich die Haare schneiden und verschwinden unter Burkas", sagt Grotian.

Das Patenschaftsnetzwerk hat inzwischen etwa 200 Personen in zwei "Safe Houses" in Kabul in Sicherheit gebracht. Dort warten sie auf den Visa-Prozess. Die Häuser werden vom Verein mit privaten Spenden finanziert. Grotians Lösungsvorschlag: "Ein mobiles Visa-Team des Auswärtigen Amts könne in unseren Safe-Häusern sofort loslegen." Er fordert schnelle Hilfe für alle Mitarbeiter. Man stehe in der Verantwortung. Grotian war als Bundeswehrsoldat selbst im Einsatz in Afghanistan: "Ich bin dankbar, dass diese Afghanen unter Einsatz ihres Lebens an der Seite von deutschen Soldaten für ihr Land einstanden."

Merkel bei der Bundespressekonferenz

Deutschland & Welt

Soldaten und Reservisten engagieren sich für Ortskräfte:

Afghanische Ortskräfte (hier bei Kundus) setzten für die Bundeswehr ihr Leben aufs Spiel. Jetzt sollen sie Schutz in Deutschland bekommen. Theoretisch gut. Praktisch ein Chaos. Erste Familien sind in Weiden angekommen.
Kommentar:

Soldaten retten die Ehre

Ein ganzer Hindukusch – und dieser Gebirgszug hat immerhin eine Länge von 800 Kilometern – liegt zwischen Theorie und Praxis. Die deutsche Regierung verkauft die Rettung von afghanischen Ortskräften als Erfolg. Und in Wahrheit lässt sie die einheimischen Mitarbeiter brutal hängen.

Die „Erfolgsmitteilung“ wird gleich zweimal verkündet. In der Bundespressekonferenz am 30. Juni sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes freudig: „2400 Visa für Ortskräfte sind erteilt worden.“ In der Bundespressekonferenz am 26. Juli – vor drei Tagen – teilt eine andere Vertreterin des Auswärtigen Amtes an gleicher Stelle fast wortgleich mit: „Wir haben die gute Nachricht, dass wir inzwischen 2400 Visa ausgestellt haben.“ 27 Tage lagen dazwischen. Passiert ist nichts.

In Wahrheit werden die Ortskräfte und ihre Familien ordentlich im Stich gelassen. Verantwortung sieht anders aus. Während die Bundesregierung noch über die „Form der Unterstützung nachdenkt“, haben 900 Menschen ihre Ausreise inzwischen selbst hinbekommen. Auf eigene Faust und eigene Kosten. Teils mit privater Unterstützung von Bundeswehrsoldaten. Dafür gebührt diesen Respekt. Sie retten die Ehre des Staates, der sich hier nicht mit Ruhm bekleckert hat.

Das Ganze ist ein fatales Signal für weitere Auslandsmissionen, die ohne örtliche Helfer nicht durchführbar wären.

Von Christine Ascherl

Info:

Patenschaftsnetzwerk afghanische Ortskräfte e.V.

Gegründet 2015 von Soldaten, die im Afghanistan-Einsatz waren. In Afghanistan hat der Verein derzeit zwei Safe-Häuser angemietet, in denen mit Wachschutz etwa 200 Ortskräfte auf ihre Visa warten. In Deutschland hilft der Verein beim Neubeginn. Es engagieren sich Soldaten, Reservisten und andere Bürger als Mentoren und Paten. Esgibt mehrere Regionalgruppen, unter anderem in München.

  • Gegründet 2015 von Soldaten, die im Afghanistan-Einsatz waren.
  • In Afghanistan hat der Verein derzeit zwei Safe-Häuser angemietet, in denen mit Wachschutz etwa 200 Ortskräfte auf ihre Visa warten.
  • In Deutschland hilft der Verein beim Neubeginn. Es engagieren sich Soldaten, Reservisten und andere Bürger als Mentoren und Paten.
  • Es gibt mehrere Regionalgruppen, unter anderem in München.

Als Soldat habe ich selbst die Situation der Ortskräfte miterlebt und bin dankbar, dass diese Afghanen unter Einsatz ihres Lebens an der Seite von deutschen Soldaten für ihr Land einstanden.

Marcus Grotian, Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte e.V.

Marcus Grotian, Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte e.V.

 

 

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