Als die ganze nördliche Oberpfalz im vergangenen Spätherbst Richtung Betzenmühle blickte, war die Aufmerksamkeit in der Zentrale der Agentur für Arbeit in Weiden besonders groß: „Ganz schön ins Schwitzen“ habe die Meldung von der Insolvenz der Ziegler-Group das Team der Agentur gebracht, erinnert sich Bernhard Lang an die Zeit Ende November 2024. Eine Zahl von 2600 Arbeitsplätzen stand damals im Raum, die durch die Insolvenz-Reihe hätte wegfallen können, erinnert sich der Leiter der Weidener Agentur für Arbeit. „Wenn diese Zahl tatsächlich Realität geworden wäre, wir hätten wirklich ein Problem gehabt.“
Dass Lang ein Jahr später im Konjunktiv und beinahe entspannt über diese verrückten Wochen sprechen kann, verdanken er und die Wirtschaftsregion einem immer noch sehr stabilen und aufnahmefähigen Arbeitsmarkt, betont Lang. Der Untergang der Ziegler-Group sei eine Bewährungsprobe gewesen, die die Region gut bestanden habe.
Bernhard Lang kann die Aussage mit Zahlen belegen: Im Februar 2025 habe es tatsächlich einen gewissen Anstieg der Arbeitslosenzahlen gegeben – vor allem im Landkreis Tirschenreuth. Inzwischen seien die Folgen der Ziegler-Pleite aber kaum mehr direkt zu spüren. Anfang November 2025 habe die Datenbank der Agentur noch 30 ehemalige Ziegler-Beschäftigte als arbeitslos geführt. Davon seien 11 von Eisen-Knorr aus Weiden, der Rest verteilt sich vor allem auf Beschäftigte des Sägewerks und der abgewickelten Ziegler-Logistik-Sparte.
Viele gelernte Handwerker
Angesichts von knapp 700 weggefallenen Arbeitsplätzen – über 300 in der Logistik, 180 bei Knorr und ähnlich vielen beim Sägewerk der Ziegler-Holzindustrie – wertet der Experte die Zahlen als Erfolg. Viele der Betroffenen seien gar nicht erst arbeitslos geworden. „Kraftfahrer waren und sind sehr gesucht“, sagt Lang mit Blick auf die Mitarbeiter in der Logistik. Im Sägewerk arbeiteten viele gelernte Handwerker, etwa Zimmerer oder Schreiner, die ebenfalls noch immer gute Jobchancen in ihren Berufen haben. Etwas mehr Sorgen habe man sich bei der Knorr-Belegschaft gemacht: Aber auch hier sei die Nachfrage anderer Arbeitgeber groß gewesen. Die Verkäufer gelten als gut ausgebildet und geschult, so dass auch hier viele in neue Jobs vermittelt werden konnten.
Es sei ihm jedoch bewusst, dass die positive Bilanz für die Region den immer noch Betroffenen kein Trost sein könne, sagt Bernhard Lang. Sonja Richardson kann das bestätigen. Die Weidenerin blickt auf ein ganzes Berufsleben mit durchgängiger Beschäftigung zurück. Ab 1995 war sie 30 Jahre lang bei Eisen-Knorr in Weiden tätig, bis auch das sogenannte Abwicklungsteam Ende Mai die Arbeit für immer einstellte. Nach einer Übergangszeit in einer Transfergesellschaft ist Richardson nun seit Oktober arbeitslos gemeldet. Rund 20 Bewerbungen hat sie seither geschrieben. Auf die meisten ihrer Anschreiben habe sie noch nicht einmal eine Antwort erhalten.
Dabei kann es weder an ihrer Motivation noch an der Qualifikation liegen: „Bisher habe ich mich nur auf Stellen beworben, für die ich alle Anforderungen erfüllen kann“, sagt Richardson. Bei Knorr war sie vor allem in der Abteilung für Elektrogeräte beschäftigt. Ihr Wissen sei in diesem Bereich, etwa bei Kaffeemaschinen, absolut auf der Höhe der Zeit. In ihrer neuerdings vielen freien Zeit besuche sie manchmal Fachgeschäfte in der Stadt, um sich bei „ihren“ alten Produkten umzusehen. Richardson ist sicher, dass sie Kunden noch immer gut beraten könnte.
Es liegt am Alter
Dass sie keine Chance bekommt, führt Richardson auf ihr Alter zurück. Die Weidenerin wird im kommenden Jahr 66 Jahre alt. Ihr Lebensplan sieht vor, im Jahr 2026 in den Ruhestand zu gehen. Schon vor einem Jahr wechselte sie in Teilzeit und nutzt als Arbeitnehmerin mit mehr als 45 Arbeitsjahren die Möglichkeit, eine sogenannte Teilrente zu beziehen. „Natürlich“ habe noch kein Arbeitgeber die Absage mit diesem Argument begründet, aber für Sonja Richardson steht fest: Wegen ihres Alters gebe man ihr keine Chance mehr, sich zu beweisen. Dabei sei sie immer noch flexibel und könnte sich vorstellen, über den Renteneintritt hinaus weiterzuarbeiten, etwa in einem Minijob.
Richardson dürfte mit ihrer Vermutung richtig liegen – Agenturchef Bernhard Lang kann das anhand von Zahlen bestätigen. Bis vor kurzem habe der Fachkräftemangel dafür gesorgt, dass sich auch die Chancen für ältere Arbeitslose erhöht hätten, einen neuen Job zu finden. Nach nun bald drei Jahren Wirtschaftskrise habe sich das wieder verändert: Die Jobchancen für Ältere seien in den vergangenen Monaten wieder schlechter geworden. Tatsächlich falle bei den verbliebenen Arbeitslosen aus der Ziegler-Belegschaft auf, dass es sich vor allem um Menschen über 60 Jahre handle.
Einbußen beim Geld
Es wäre überhaupt falsch, so zu tun, als hätte das Ende der Ziegler-Group keine negativen Folgen für den Arbeitsmarkt der Region: „Wir bemerken einen Rückgang bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigung, vor allem im Kreis Tirschenreuth“, sagt Lang und stellt dabei eine Verbindung zum Aus für Ziegler her. Für viele Betroffene dürfte der Jobwechsel – etwa vom Sägewerk zurück in einen handwerklichen Beruf – auch mit Gehaltseinbußen verbunden gewesen sein. Eine Entwicklung wie die bei Ziegler lasse sich eben nicht einfach so wegstecken.
Das gilt für die Nordoberpfalz und besonders für Betroffene wie Sonja Richardson. Auch wenn die Weidenerin durch die Entwicklung nicht in wirtschaftliche Not gerät, hätte sie sich den Abschluss ihres insgesamt erfüllten Arbeitslebens anders vorgestellt. Schon die letzten Jahre im Beruf waren wegen des Niedergangs bei Eisen-Knorr als Teil der Ziegler-Gruppe sehr belastend. Dass ihre Berufskarriere nun auf diese Weise vorzeitig auf dem Abstellgleis zu enden droht, passt auf eine unangenehme Art zu diesen Erfahrungen, die sie in den letzten Berufsjahren sammeln musste.





























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