02.10.2018 - 18:57 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Samariter helfen in der Sturmnacht

Als Sturmtief "Fabienne" aufzieht, fahren zwei 18-Jährige mit einer 78-Jährigen im Auto durch halb Weiden. Die Frau findet nicht mehr nach Hause. Ihr kann geholfen werden. Doch auf den Wagen eines der Samariter kracht ein Baum.

Die Sturmnacht vom 23. September werden sie so schnell nicht vergessen: Fabian Sparrer, Ingrid Häupl und Luca Seifert (von links) helfen zusammen und kümmern sich während des Unwetters um eine hilfsbedürftige Seniorin, die ihr Heim nicht mehr findet.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Der Sturm ist heftig. Luca Seifert sitzt mit der hilfsbedürftigen Frau am Hammerweg in seinem BMW, als es einen heftigen Schlag tut und das Heck von einer Tanne getroffen wird. "Ich musste mich erstmal sammeln", erzählt Luca, "dann bin ich ausgestiegen, um nachzuschauen." Wie viel Glück er und seine Begleiterin in dieser Nacht hatten, wird dem 18-Jährigen erst später bewusst.

Seine Sorge gilt an diesem Sonntagabend vor rund eineinhalb Wochen der Seniorin im Auto. Sie hatte der Schüler gemeinsam mit seinem Freund Fabian Sparrer zuvor beim Josefshaus "aufgelesen". "Wir standen mit unseren Autos an der Kreuzung und wollten nach Hause", sagt Fabian. Da sehen sie, wie ein Mann einer Frau auf dem Gehsteig aufhilft. Sie war gestürzt. Als die Ampel auf Grün springt, fahren die beiden Jungs rechts ran und fragen, ob sie helfen können. "Das war so ein Bauchgefühl." Der Herr bittet sie, ob sie die Frau nach Hause fahren können. Sie wohne in Altenstadt, wie sie auf Nachfrage angibt. "Eine Selbstverständlichkeit. Ich habe keine Sekunde gezögert", sagt Luca.

Gespräche übers Wetter

Fabian will seinen Kumpel mit der Situation nicht alleine lassen und fährt mit seinem Wagen hinterher. Die Fahrt führt übers Schätzlerbad nach Altenstadt. Immer wieder fragt Luca die Seniorin, wo er abbiegen soll. Sie passieren die Jet-Tankstelle, landen schließlich wieder in Weiden in der Nähe des Krankenhauses. Während der Fahrt sucht der 18-Jährige das Gespräch, plaudert übers Wetter, fragt nach einer Telefonnummer oder einer Adresse. "Ich merkte, dass etwas nicht stimmt. Sie hat mich an meine Großeltern erinnert", sagt Luca.

Schließlich nennt die Frau die Anton-Wurzer-Straße und einen Namen. Also auf zum Hammerweg. Dort angekommen, klingeln sich die beiden FOS-Schüler durch die Häuser. Die Anwohner würden gerne helfen, aber niemand kennt die Frau. Plötzlich bricht der Sturm los, der Regen peitscht durch die Straßen. "Ich habe mich mit der Frau schnell wieder ins Auto geflüchtet", sagt Luca. Dann fällt der Baum.

Als sie nach einer Schrecksekunde aussteigen, sehen die Freunde Ingrid Häupl auf dem Balkon stehen und bitten sie um Unterstützung. Die 68-Jährige lässt sie ins Haus, und in ihre Wohnung. Die jungen Männer zögern. "Kommt's rein und wärmt euch auf, das ist schließlich ein Notfall", bleibt Ingrid Häupl hartnäckig. "So durchnässt wie die drei waren, konnte ich sie doch nicht da draußen stehenlassen." Die Seniorin hatte nur dünne Schuhe und keine Jacke an.

Die Schüler wollen ihre Autos aus der stürmischen Gefahrenzone bringen. Die Frau darf derweil in der Wohnung bleiben. Während sie auch noch das Auto der Häupls umparken, um Platz für die Feuerwehr zu schaffen, beruhigt Ingrid Häupl die Seniorin. Gemeinsam schauen sie Fotoalben an. "Meine Mutter ist 98 Jahre alt. Ich bin öfters im Altenheim, und habe mich gerne gekümmert."

Ein kleiner Aufnäher

Doch wohin gehört die Frau auf ihrem Sofa? Ein Anruf im Heim ihrer Mutter bringt den entscheidenden Tipp. Häupl soll in der Kleidung der Seniorin nach einem Adressschild suchen. "Natürlich, daran habe ich bei all der Aufregung gar nicht gedacht", erzählt die 68-Jährige, und findet den Hinweis aufs Sindersberger Altenheim.

Mittlerweile sind die Schüler wieder in der Wohnung und freuen sich über die gute Nachricht. Ingrid Häupl selbst fährt die Seniorin schließlich ins Heim zurück. Fabian und Luca fahren nach Hause. Ein aufregender Abend ist zu Ende.

Dankbar für so viel Hilfsbereitschaft ist auch Konrad Nickl. Der Pflegedienstleiter im Altenheim Eleonore Sindersberger findet es einfach "großartig, wie die beiden jungen Männer reagiert haben". Das sei nicht selbstverständlich. "Es ist immer unsere Hoffnung, dass Passanten aufmerksam werden und reagieren", sagt Nickl, der die Situation abgängiger Heimbewohner nur zu gut kennt. Im vorliegenden Fall hätte er jedoch nicht damit gerechnet, dass die 78-Jährige nicht zurückfindet, da ihre Demenz noch nicht so ausgeprägt ist. Die Frau wohne jedoch noch nicht lange im "Sindersberger", und vermutlich wollte sie einfach nur nach Hause, ihr früheres Zuhause. Über den glücklichen Ausgang ist er froh, und die 78-Jährige habe die Aufregung gut überstanden.

Auch Luca und sein Freund Fabian freuen sich, dass sie helfen konnten. "Wir haben das gerne gemacht." Und der Schaden am Auto? "Ja, das wird teuer. Ich brauche eine neue Kofferraumaufhängung. Die Versicherung zahlt, aber mit Selbstbeteiligung. Wichtiger ist aber, dass es der Frau gut geht", sagt Luca. "Respekt", findet Ingrid Häupl. Sie möchte die beiden Helfer nun für die Auszeichnung als "Kavalier der Straße" vorschlagen.

Hintergrund:

Wenn demente Heimbewohner unbemerkt auf Wanderschaft gehen, dann ziehen sie selten eine Jacke oder Mantel an, weiß Pflegedienstleiter Konrad Nickl vom Eleonore-Sindersberger-Altenheim. "Manche laufen auch in Puschen los", sagt Nickl. Dann sei es umso wichtiger, dass sie schnell gefunden werden. Vor allem, wenn es draußen kälter und früh dunkel wird.

Passanten, die auf ältere orientierungslos wirkende Personen aufmerksam werden, sollten diese ansprechen und genau hinschauen. Demente Heimbewohner tragen entweder einen Sticker mit dem Namen des Heims und einer Telefonnummer oder haben in ihrer Kleidung (meist am Kragen) Informationen eingenäht. Auch eine auffällige Digitaluhr mit GPS könnte darauf hinweisen, dass der Senior in einem Pflegeheim wohnt. (shl)

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