Dieser Beitrag ist Teil einer Serie von Artikeln im Jubiläumsjahr von Oberpfalz-Medien. Viele davon sind in einer Beilage unserer Tageszeitungen am 30. Mai 2026 erschienen.
Der Eiserne Vorhang war ein System aus Sperranlagen, Grenzbefestigungen und Kontrollen, das Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 in der Zeit des Kalten Krieges zwischen dem demokratischen Westen und dem sowjetisch dominierten Osten teilte. Die innerdeutsche Grenze zur DDR war ein Teil davon. 1989 begann der Zerfall: Wichtige Etappen waren der Abbau ungarischer Grenzanlagen, die Öffnung eines Grenztors zwischen Österreich und Ungarn beim Paneuropäischen Picknick im August 1989, die ersten Massenfluchten von DDR-Bürgern und schließlich der symbolträchtige Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989.
In der Folge öffneten auch andere Ostblockstaaten ihre Grenzen. So führte in der Tschechoslowakei die Samtene Revolution im November 1989 zum Sturz der kommunistischen Regierung. Der symbolische Akt am 23. Dezember 1989 bei Nové Domky/Waidhaus, als die Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Jiří Dienstbier gemeinsam Absperrungen durchtrennten, schrieb Geschichte.
Reger Grenzverkehr
Zum ersten Mal ohne Grenzkontrollen und Visum konnte die Oberpfälzer Bevölkerung am 1. Juli 1990 nach Tschechien einreisen. Anfangs noch zögerlich, herrschte im Laufe des Tages an den Übergängen in der Region – Waldsassen, Mähring, Bärnau, Waidhaus und Eslarn/Tillyschanz – Hochbetrieb und Volksfeststimmung. Es war für viele kaum zu glauben. Jahrelang gab es in den Familien Ermahnungen, beim Pilze- oder Beerensammeln ja nicht „hinüber“ zu geraten, da die Tschechen sonst schießen würden. Auch bewegende Szenen spielten sich ab. So konnten sich Freundinnen und Freunde nach 40 Jahren der Trennung endlich wieder in die Arme schließen.
In Waldsassen gab an diesem Tag Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in einem symbolischen Festakt die Grenze frei. Noch am selben Tag besiegelten er und sein tschechischer Amtskollege Jan Langos den Bau des neuen Autobahnübergangs bei Waidhaus und den Lückenschluss der Autobahn Paris–Prag.
Nach 45 Jahren der Teilung bestand ab dem 9. November 1989 auch die innerdeutsche Grenze zur DDR nicht mehr. Bis zum 30. Juni 1990 gab es noch Grenzkontrollen, danach war der Weg frei. Zehntausende feierten auch hier in den Gemeinden das historische Ereignis. Die Ausreisewelle begann schon vorher. Als Standort des einzigen Erstaufnahmelagers in ganz Bayern spielte Weiden eine zentrale Rolle für Flüchtlinge aus der DDR und Übersiedler, die zum Beispiel über Ungarn geflüchtet waren. Der frühere US-Stützpunkt in der Ostmarkkaserne (heute Major-Radloff-Kaserne) diente ab Herbst 1989 als Regierungsaufnahmestelle.
Aufbruchstimmung
Der gebürtige Amberger Reinhold Balk war ab Oktober 1989 als Polizeioberkommissar Leiter der Weidener Erstaufnahmestelle. Er erinnerte sich an turbulente Monate, wie er in einem Interview zum 30. Jahrestag des Mauerfalls dem „Neuen Tag“ erzählte. Innerhalb von vier Wochen bearbeitete die Bundespolizei 6729 Erstaufnahmeverfahren. Balk beschrieb aber auch eine große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung und eine Aufbruchstimmung, die zu spüren war.
Der Fall des Eisernen Vorhangs bedeutete unmittelbare, aber auch nachhaltige Auswirkungen für die Städte und Gemeinden in Grenznähe. Straßen, Wege und ehemals gesperrte Gebiete wurden wieder zugänglich, und die physische Isolation der Grenzregion endete. Kontakte wurden intensiviert, es gab Familienzusammenführungen, Besuchsverkehr, kultureller Austausch und Tourismus nahmen zu. Auch Handel und Dienstleistungen profitierten.
Gleichzeitig war die Umstellung nicht ohne Herausforderungen. Die regionale Verwaltung und Infrastruktur mussten sich auf veränderte Verkehrsströme einstellen. Letztendlich wandelte sich die nördliche Oberpfalz vom Rand einer abgeschotteten Grenze zu einem aktiven Akteur in Mitteleuropa.
Neue Stadtviertel entstehen
Während die Stadt Weiden vor allem vom Fall des Eisernen Vorhangs profitiert hat, war die Stadt Amberg eher ein „Gewinner“ des Kalten Krieges. Zwar erhöhte sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Einwohnerzahl der Stadt wegen der Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten um rund 11.000 Menschen, doch gelang es hier in den folgenden Jahrzehnten, aus der Not durchaus eine Tugend zu machen. In Amberg wurde nach dem Krieg gebaut. Am Bergsteig entstand ein komplett neues Stadtviertel, das fast ausschließlich von Zuwanderern aus aller Herren Länder bewohnt war. Aber auch am Eisberg oder im Milchhofviertel schossen neue Wohnquartiere aus dem Boden, in denen die Neu-Amberger untergebracht werden konnten.
Arbeit fanden sie unter anderem in Unternehmen, die im Zuge des Kalten Kriegs neue Standorte in der Bundesrepublik suchten. Das Siemens-Werk in Amberg, mit heute fast 5000 Beschäftigten, würde es ohne die deutsche Teilung wohl nicht geben. Aber auch kleinere Betriebe wie der Schlauchkupplungs-Spezialist Lüdecke, 1930 in Leipzig gegründet, erlebten in Amberg ihren wirtschaftlichen Aufschwung. Amberg wurde zur Heimat der ehemaligen Flüchtlinge, auch wenn die Integration nicht ganz ohne Probleme vonstatten ging. Als dann 1989 die Mauer fiel, änderte sich für Amberg so gut wie nichts.




















Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.