18.07.2018 - 16:57 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Schlussakkord mit Tusch für Peter Pollinger

"Das machen doch andere auch", sagt Peter Pollinger, angesprochen auf seine Verdienste für die Konzertstadt Weiden. Den Musiklehrer am "Augustinus" umwölkt Bescheidenheit. Zum Abschied von der Schule bleibt ihm ein Lobgesang nicht erspart.

Jubel für den Dirigenten. Peter Pollinger hat Tausenden von Kindern Bach und Beatles, Haydn und Hubert von Goisern nähergebracht. Die Konzerte sind längst nicht mehr nur von Mitschülern und Eltern besucht, sondern von Musikfreunden jeden Alters. Dementsprechend gefragt sind Tickets.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

An diesem Donnerstag und Freitag, 19. und 20. Juli, gibt Peter Pollinger mit seinen Schülern in der Max-Reger-Halle seine beiden letzten Konzerte, bevor er in Pension geht. Sie sind seit Wochen ausverkauft. Die Halle ist so etwas wie Pollingers Wohnzimmer geworden, wo er viele Nachmittage probt, choreografiert, dirigiert und manchmal sogar laut wird, obwohl man sich letzteres bei diesem sanften Gemüt kaum vorstellen kann. "Es tut mir hinterher gleich leid", fügt er hinzu.

Ein Perfektionist kann halt nicht anders. Seit 1981 ist Peter Pollinger Lehrer am Augustinus-Gymnasium und Förderer von Talenten, die ebenfalls gewagt haben, die Musik zu ihrem Beruf zu machen: Sabine Lahm, Birgit Weiß, Gertrud Werner, Stefan Gasch, Elisabeth Grimm, Alexander Hüttner oder Julia Wagner.

Namen, die an Hochschulen, der Wiener Staatsoper, im Landestheater Salzburg oder im Vorabendfernsehen (Kathrin Stahl in "Um Himmels willen") auftauchen. Nicht zu vergessen, die Jazzer des "Strompost-Kollektivs". Die Mitschuld an diesen Karrieren würde sich Pollinger nie plakativ um den Hals hängen, doch der 64-Jährige gesteht, dass er etwas geschafft hat, das er sich als Jugendlicher erträumte. Damals, als Steppke am Gymnasium im heimischen Schwandorf, fiel er dem Vater des bekannten Wagner-Interpreten Stefan Mickisch in die Hände. Dieser Heinrich Mickisch erkannte schnell, dass er da keine Durchschnittsbegabung im Unterricht sitzen hatte, obwohl der kleine Peter erst mit elf Jahren erste Klavierstunden hatte.

Früh erkanntes Talent

Mickisch senior war so beeindruckt, dass er Pollinger anbot, als 14-Jähriger die älteren Schüler im Orchester zu dirigieren und ihm zwei Jahre später das Ensemble übergab. "Das war nicht leicht, aber ich bin da reingewachsen. Es klingt seltsam, aber ich habe dabei mehr übers Dirigieren gelernt als später an der Hochschule."

Einen anderen Mickisch-Schüler hat Pollinger später als Kollegen in Weiden wiedergetroffen: Alfons Rebel, Musiklehrer am Elly-Heuss-Gymnasium. Was den Jungspund beeindruckt hat, war, dass Mickisch Leute vom Bayerischen Staatsorchester geholt hat, die zusammen mit seinen Pennälern musizierten. "Ich darf als Schüler bei den Profis mitmachen", schwärmt Pollinger im Rückblick mit glänzenden Augen. "So etwas wollte ich anderen auch vermitteln", beschreibt er den frühen Entschluss, Musiklehrer zu werden.

Den Vorsatz hat er umgesetzt. Seine Schützlinge durften mit Entertainer Ron Williams ebenso arbeiten wie mit dem Australier Graham Pushee, einem der besten Countertenöre der Welt für alte Musik. Doch wie bringt man Teenager dazu, sich für Bach und Haydn in Zeiten von Justin Bieber und X-Box zu begeistern?

Das hat mit den Anfängen am "Augustinus" zu tun. Nach dem Studium in Würzburg (Klavier, Geige, Gesang) und dem Referendariat landete Pollinger schließlich in Weiden. "Dort habe ich den Chor gekriegt, das Orchester hatte schon mein Kollege Gerd Seidl. Ich wusste am Anfang gar nicht, wie das geht, ein Chor." Ein Mentor aus Nürnberg gab den entscheidenden Tipp: Sieh zu, dass du die Kinder schon in der fünften Klasse kriegst und mach am Anfang jeder Stunde fünf bis zehn Minuten Stimmbildung. "Es ist für mich unergründlich, aber die Schüler springen darauf an. Im Prinzip mache ich das immer noch so." Das Resultat ist eine Reihe von Ensembles am Augustinus-Gymnasium, die in dieser Fülle selten zu finden ist.

Hilfreiche Kollegen

Oft werde er gefragt, ob er nicht enttäuscht sei, dass Neustadt und nicht seine Schule den Schwerpunkt "Musisches Gymnasium" vom Kultusministerium aufgeklebt bekam. "Ich war wirklich nie beleidigt", schwört Pollinger. Und überhaupt: Nur durch das gute Umfeld und die Kollegen habe er seine Projekte umsetzen können. Dankbar fallen da die Namen Christoph "Doc" Schmidt, Manfred Dirscherl, Thomas Kreuzer, Markus Fellner oder Erwin Spitz. Außerhalb der Schule haben ihn Thomas Käs oder Susanne Hoffmann unterstützt. "Hoffentlich vergesse ich jetzt keinen." Also gut: Hier sind Josef Neubauer, Gerhard Huber, Marianne Rüb, Astrid Karl oder Hans Schröpf - Wegbegleiter bei Pollingers Gründung des "Jungen Oberpfälzer Vokalensembles" oder im Weidener Kammerchor, den er 1984 übernahm.

Tango in der Oper

Aus diesen Zusammenarbeiten entsprangen Sternstunden am Weidener Konzerthimmel, unter anderem dreimal die Carmina Burana und zweimal Haydns Schöpfung im Josefshaus, in der Omnibus-Wies-Halle und später in der Reger-Halle.

Immer blieb Pollinger dabei seinem Vorsatz treu: Profis und Schüler sollen miteinander auf die Bühne. Das gelang selbst bei schwierigsten Stücken, etwa dem Hebbel-Requiem mit 160 Leuten im ehemaligen PFA-Gebäude, bei einem Andrew-Lloyd-Webber-Abend oder der Purcell-Oper "Dido und Aeneas", die Pollinger tollkühn mit Tangoklängen von Astor Piazzola anreicherte.

Ob der mit einer Mittelschullehrerin verheiratete Vater eines Sohnes - der Junior leitet die Entwicklungsabteilung der Pharmafirma "Aenova" in Regensburg - im Ruhestand weiter so große Räder dreht, ist offen. Die ersten Monate ohne Schulgong sind jedenfalls gut mit Konzertterminen des Weidener Kammerchors möbliert. Unter anderem mit einer CD-Aufnahme beim Bayerischen Rundfunk in München, die Pollingers Truppe bei einem Wettbewerb gewonnen hat. Darauf werden Lieder von Robert Schumann genauso zu hören sein, wie Hubert von Goisern. Pollinger mag fast alle Stilrichtungen. Das dürfte auch seine einzige Angst vor dem Ruhestand etwas lindern: "Dass ich niemanden mehr habe, der mit mir Musik macht."

Ich bin immer dann glücklich, wenn jemand nach dem Konzert sagt, dass er Gänsehaut hatte.

Peter Pollinger

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