29.04.2019 - 10:15 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Schulversuch am Augustinus-Gymnasium in Weiden: Handy oder Klettergerüst?

Sollen Schüler ihre Handys in der Schule privat nutzen dürfen? Und wenn ja, wie? Antworten versucht unter anderem das Augustinus-Gymnasium zu finden. Dort läuft der Schulversuch „Private Handynutzung“.

Das Augustinus-Gymnasium in Weiden fragt sich: Was wollen wir: Schüler, die auf Handys starren, oder Schüler, die an Gerüsten hangeln? Derzeit läuft ein Kompromiss: Handys sind erlaubt, aber die private Nutzung ist räumlich und zeitlich beschränkt. Beide Schülergruppen auf den Bildern machen demnach nichts verkehrt.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

„Die Kinder und Jugendlichen sollen einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit dem Smartphone lernen – und das geht nur, wenn man es in einem bedachten Rahmen freigibt“, fasst Projektleiterin Birgit Zimmermann zusammen. Und fügt an: „Wir lassen sie in der virtuellen Welt nicht allein.“ Dafür sorgt unter anderem die neue Nutzungsordnung für den privaten Einsatz des Smartphones in der Schule, die nun teil der Hausordnung des Augustinus-Gymnasiums (AGW) ist und seit dem 25. März erprobt wird. Diskutiert und erarbeitet wurde sie von einer 18-köpfigen Arbeitsgruppe aus Schülern der Unter-, Mittel- und Oberstufe, Mitgliedern des Elternbeirats und Lehrern.

Laut Elternbeirat Stephan Wanninger waren unter den Erziehungsberechtigten alle Ansichten zur Handynutzung vertreten, „von ganz über mittel bis zu gar nicht“. Sandra Löw, ebenfalls Mitglied im Elternbeirat, gibt zu: „Ich war erst komplett gegen die private Handynutzung.“ Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema sei sie jedoch umgeschwenkt und heute Befürworterin der aktuellen Regeln:

  • Schüler dürfen ihre Smartphones in der Schule privat nutzen.
  • Erlaubt ist dies allerdings nur vor Schulbeginn sowie während der Mittagspause und nur in der Aula des Gymnasiums. Diese räumliche Beschränkung haben die Schüler selbst gefordert, um auf dem Schulhof ungestört spielen und in der Mensa ohne Ablenkung essen zu können.
  • Schüler der elften und zwölften Klassen dürfen ihre Smartphones zudem im Oberstufenzimmer, einem Aufenthaltsraum, benutzen. Sie dürfen zum Beispiel chatten oder mit Kopfhörern Musik hören, aber das Musikhören über Lautsprecher ist ebenso verboten wie das Filmen, Fotografieren oder Anfertigen von Tonaufnahmen.

Die Regeln fallen relativ streng aus. Ein Grund dafür ist laut stellvertretendem Schulleiter Thomas Kreuzer: „Die Schüler sind am kritischsten.“

"Zweifel bekommen"

Erste Rückmeldungen von Schülern zeigen: Die Meinungen sind geteilt. „Einige finden es toll, ihre Mittagspause so zu gestalten, wie sie wollen – also mit dem Handy in der Aula zu sitzen und damit zu spielen. Andere lassen das Handy links liegen und nutzen viel lieber die Spiel- und Aufenthaltsmöglichkeiten wie das Klettergerüst, die Slackline oder die Boulderwand im Pausenhof“, so die Projektleiterin. Sie gibt zu, anfangs beim Anblick der daddelnden Schüler, darunter befinden sich viele aus der Unterstufe, in der Aula etwas erschrocken zu sein: „Da habe ich Zweifel bekommen, ob die Freigabe – wenn auch in beschränktem Maße – so eine gute Idee war.“

Das Ziel sei jedoch die Förderung der Eigenverantwortlichkeit im Bereich Neue Medien. „Medienerziehung sollte dringend ein Fach an allen Schulen werden“, fordert sie. Die Schule hat einen Bildungsauftrag, und dazu gehört auch der Umgang mit den Neuen Medien.“ Ein Fach Medienerziehung gibt es am AGW nicht, aber am Gymnasium werden Medienscouts ausgebildet: Schüler, die ihr Wissen zu Chancen und Gefahren im Internet an jüngere Schüler weitergeben.

"Viel offener als früher"

Ein positiver Effekt des Schulversuchs wird laut Zimmermann und ihrer Kollegin Simone Lutz schon deutlich: „Die Schüler stellen uns mehr Fragen, zum Beispiel zu gefährlichen Kettenbriefen. Das ist viel offener als früher“, so Zimmermann. Außerdem hätten sich wenige Wochen nach Projektstart viele dazu entschieden, das Smartphone in der Schultasche zu lassen, um mit Freunden nach draußen zu gehen.

In zwei Monaten tauscht sich die Arbeitsgruppe des AGW zum Schulversuch über die ersten Erfahrungen aus. Falls gewünscht, werden die Regeln angepasst.

Sie haben schon die ersten Erfahrungen im Schulversuch „Private Handynutzung“ gesammelt: Schulleitung, Lehrer, Eltern und Schüler des Augustinus-Gymnasiums Weiden, darunter der stellvertretende Schulleiter Thomas Kreuzer (links), Studienrätin Simone Lutz (Dritte von links), Studienrätin Birgit Zimmermann (Fünfte von links), die das Projekt leitet, und die Mitglieder des Elternbeirats Sandra Löw und Stephan Wanninger (rechts).

Tipps: So können Eltern die Handynutzung zu Hause regeln

„Eltern kommt eine wichtige Rolle in der Medienerziehung zu“, so Birgit Zimmermann, Projektleiterin des Schulversuchs am AGW. Die Lehrerin gibt Eltern Tipps, wie sie die Handynutzung daheim regeln können:

  • Das Kind bei der Nutzung begleiten, vor allem anfangs.
  • Grundeinstellungen auf dem Handy sowie bei den installierten Apps altersgerecht gestalten. Am häufigsten werden Whatsapp, Snapchat, Instagram und Spiele genutzt. Die Geo-Daten sollten nicht übertragen, Profile auf privat gestellt und Anfragen von Followern geprüft werden.
  • Klare Regeln aufstellen und dabei handyfreie Zeiten berücksichtigen, zum Beispiel während der Hausaufgaben, beim Essen, nachts. Helfen kann eine „Handy-Garage“, in die das Gerät bei Nichtnutzung gelegt wird. Bei manchen Smartphone-Modellen kann man Bildschirmzeiten einrichten. Ebenfalls hilfreich: ein Mediennutzungsvertrag zwischen Eltern und Kind. Dafür gibt es Vorlagen im Internet (Link unten).
  • Eltern sollten wissen, mit wem ihre Kinder im Netz Kontakt haben, in welchen Whatsapp-Gruppen sie Mitglied sind, und was darin passiert. „Das Smartphone ist das Tor zur Welt. Eltern können sich oft gar nicht vorstellen, was überhaupt für Gefahren möglich sind.“ Es komme beispielsweise relativ häufig vor, dass die Kinder und Jugendlichen von Fremden angeschrieben werden, teils mit falschen Namens- und Altersangaben.
  • Spiele „bergen großes Suchtpotenzial und sind darauf ausgerichtet, den Spielern das Geld aus der Tasche zu ziehen“. Zimmermann rät Eltern, die Spiele selbst zu spielen, „auch, wenn das keinen Spaß macht. Früher oder später gibt es In-App-Käufe. Ich rate davon ab“.
  • Posten von Bildern hinterfragen: Viele Kinder, Jugendliche (und Eltern) posten Bilder von sich oder von Freunden leichtfertig im Internet. „Vor allem die Älteren mögen die Selbstdarstellung. Eine große Zahl an Followern wird damit gleichgesetzt, beliebt zu sein. Das setzt einen unter Druck, noch cooler oder freizügiger zu sein.“ Zimmermanns Rat an ihre Schüler: „Druckt die Fotos aus, und hängt sie in der Stadt auf. Wenn ihr bei dem Gedanken ein komisches Gefühl habt, postet sie nicht im Netz.“
  • „Das Kind muss einen Ansprechpartner haben, wenn es Probleme im Netz gibt.“ Am AGW sind dafür Lehrer und Medienscouts zuständig.

Smartphone & Social Media: AGW-Checkliste für Eltern

Vorlage für einen Mediennutzungsvertrag

EU-Initiative für Sicherheit im Netz: Infos auch für Eltern

Info:

Meinungen von Lehrern, Eltern und Schülern am Augustinus-Gymnasium

Birgit Zimmermann, Projektleiterin: „Wir haben auch Eltern, die strikt gegen die Handynutzung in der Schule sind.“

Thomas Kreuzer, stellvertretender Schulleiter AGW: „Es war eine Abbildung des bayerischen pädagogischen Versagens, dass die Schüler früher vor der Schule und zwischen den Autos standen, um ihre Handys nutzen zu können.“

Stephan Wanninger, Elternbeirat: „Ich bin beruflich komplett digital unterwegs. Ich kann eine Steinzeit-Meinung zur Handynutzung nicht nachvollziehen. Es geht um den Schritt vom Daddeln hin zu vernünftiger Nutzung.“

Marlene Neuhaus, Medienscout, Oberstufe: „Für die Oberstufen hat sich nicht viel verändert. Viele haben ihre Handys auch vorher schon privat genutzt, zum Beispiel auf den Toiletten.“

Leni, Klasse 5a: „Als es neulich kalt war, haben alle drinnen auf ihr Handy gestarrt. Da habe ich meine Freundin Anna mit raus genommen auf den Schulhof.“

Hannah, Klasse 5c: „In jeder Pause das Handy zu nutzen, wäre zu viel. Wir spielen immer ein bestimmtes Spiel auf dem Schulhof. Es wäre schade, wenn alle nur in der Aula sitzen würden.“

Tim, Klasse 5a: „Ich nehme mein Handy nicht mit in die Schule, weil es kaputt gehen könnte.“

Max, Klasse 9c: „Es ist gut, dass wir mit der Zeit gehen.“

Info:

Schulversuch zur Handynutzung

135 weiterführende Schulen nehmen in Bayern an dem zweijährigen Schulversuch zur Nutzung von Handys teil. Sie erstellen jeweils eigenständig in Abstimmung mit dem Schulforum beziehungsweise dem Berufsschulbeirat Nutzungskonzepte. Darin kann neben der Nutzung im Unterricht der private Gebrauch in der Schule zeitlich, räumlich oder altersspezifisch geregelt sein. Schulleitung, Lehrer, Eltern und Schüler sind in den Schulversuch eingebunden.

Im dritten Jahr nach Start des Projekts soll mit Hilfe der gesammelten Erfahrungen und wissenschaftlicher Auswertungen die bayerische Gesetzgebung (private Handynutzung in der Schule ist verboten) geändert werden.

Aus Weiden und dem Landkreis Neustadt sind neben dem Augustinus-Gymnasium diese weiteren Schulen dabei:

Gustav-von-Schlör-Schule (Staatliche Berufsoberschule sowie Staatliche Fachoberschule), Weiden

Staatliche Wirtschaftsschule, Eschenbach

Gustl-Lang-Schule (Staatliche Wirtschaftsschule), Weiden

Gymnasium Eschenbach

Pfalzgraf-Friedrich-Mittelschule, Vohenstrauß

Kultusministerium Bayern: 135 Schulen in Bayern erproben Regelungen zur Nutzung von Handys

Runder Tisch zu Handys an Schulen: „Handy-Gebot statt Handy-Verbot“

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