11.10.2019 - 12:47 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Simultaneum in Weiden "mit Axt" eingeführt

„Krieg im Frieden“: Der Titel des Vortrags beim Heimatkundlichen Arbeitskreis Weiden wirkt in sich widersprüchlich. Was es damit auf sich hat, entfaltet der Historiker Volker Wappmann auf interessante und kurzweilige Art.

Der Historiker Volker Wappmann berichtet anschaulich vom Leben und Wirken des Weidener Predigers Tobias Clausnitzer.
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Anlass war der 400. Geburtstag von Tobias Clausnitzer, des 1619 in Thum bei Annaberg geborenen evangelischen Pfarrers und Predigers. Sebastian Schott begrüßte dazu rund 40 interessierte Gäste in der Almhütte. Volker Wappmann skizzierte die konfessionelle Situation im Gemeinschaftsamt Weiden-Parkstein nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und Clausnitzers Rolle als „Inspektor“ in diesem Gebiet.

Vor allem seine Friedenspredigt am Neujahrstag 1649 machte den Prediger und Liederdichter Tobias Clausnitzer bekannt. Er, der bisher nur Krieg gekannt hatte, hatte es kaum fassen können, dass nun Friede sein sollte: „O du längst gewünschter lang verhoffter Friede! Ich bin so voll Freude, dass ich nicht weiß, wo ich mich fassen soll.“

Der Lutheraner war mit dem schwedischen Heer als Feldprediger nach Weiden gekommen und wirkte dort als engagierter Streiter für den evangelischen Glauben. Seine Predigten dauerten zwei Stunden und waren beim Kirchenvolk äußerst beliebt.

Wappmann: „Sein katholischer Gegenspieler Rummel hingegen maß Clausnitzers Predigten weniger Bedeutung zu, sie seien zu polemisch; gefährlicher für den katholischen Glauben seien die Besuche Clausnitzers bei Hochzeiten und Kindstaufen, denn der Inspektor sei kein Vollsäufer und unsauberer Fresser, sondern er befleißigte sich einer ziemlichen Ehrbarkeit.“

Das Simultaneum sei 1653 in Weiden quasi mit der Axt eingeführt worden, berichtete der Historiker. Denn Clausnitzer habe mit aller Macht die gleichberechtigte Religionsausübung, wie sie der Landesherr Christian August verfügt hatte, bekämpft. Er rückte den Schlüssel für die Michaelskirche nicht heraus.

Wappmann: „Mit den Worten ‚Das ist der Schlüssel des Kaisers!‘ verschafften sich die Katholiken schließlich mithilfe einer Axt Zugang in das Gotteshaus, um dort das Heilige Messopfer zu feiern.“ Der gemeinsame Gebrauch der Michaelskirche war fortan von unchristlichem Streit geprägt – Krieg im Frieden eben. „Das Taufbecken wurde zugeschweißt, der Ölberg der Katholiken von den Protestanten zerlegt, der katholische Gottesdienst durch lauten Gesang auf dem Kirchhof gestört.“

Trotzdem sei es falsch, in Clausnitzer nur einen unruhigen Geist zu sehen, schloss der Referent. „Clausnitzer war eigentlich ein frommer Mann, dem es um den Glauben ging.“

Die meisten Simultaneen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgelöst. Heute gebe es zwischen den Konfessionen zum Glück ein gutes Miteinander – auch dort, wo das Simultaneum bis heute Bestand habe.

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