Tausende ungeklärte Mordfälle – sogenannte "Cold Cases" – könnte es in Deutschland geben. Davon gingen grobe Schätzungen aus, denn eine genaue Statistik gibt es nicht – soweit die Erklärungen von Strafverteidiger Alexander Stevens. Einer der sich auskennt, mit Mord, Totschlag und Co., weil sie ihm in seinem Beruf ständig begegnen.
Und er weiß: „In Deutschland stehen in 70 Prozent der Fälle Opfer und Täter in einer Beziehung zueinander. In den meisten ist es der eigene Partner." Deshalb sei die Mordkommission in erster Linie auch damit beschäftigt, Zeugen zu befragen und sich zunächst den Bekannten und Verwandten der Mordopfer zuzuwenden.
Vier echte Mordfälle
In die Rolle der Ermittler durften bei der "True Crime"-Live-Show mit Bayern 3-Moderatorin Jacqueline Belle in der Max-Reger-Halle zur Abwechslung mal die Besucher schlüpfen. War es Suizid? Oder war es Mord? Wer aber war der Mörder? Der Sohn? Der Ehemann? Der Bruder? Stevens und seine „Assistentin“ lassen das Publikum abstimmen. Und nicht jeder liegt mit seiner Vermutung am Schluss richtig.
Stevens und Belle kennen viele bereits von deren Freitagssendungen auf Bayern 3. Dort werden regelmäßig spektakuläre Fälle besprochen. Am Dienstagabend kommen in der Max-Reger-Halle vier Morde auf den Tisch. Vier heftige Fälle – Doppelmord, Ehrenmord, Mord an der eigenen Familie – in die der Anwalt persönlich als Rechtsbeistand involviert war. Einer davon steht kurz vor dem Wiederaufnahmeverfahren. Und 350 Besucher zerbrechen sich jeweils den Kopf. Denn der Jurist wählt einen klugen Fokus. Er erklärt den Fall sowohl aus der Täter- wie aus der Opferperspektive und gibt die Ermittlungsergebnisse seinem Publikum nur bruchstückweise preis. So baut er den Spannungsbogen auf.
"Follow the money"
Der Abend ist außergewöhnlich. Es geht um den "Perfekten Mord" und um die Frage, ob es den überhaupt gibt. Bei allen besprochenen Fällen handelt es sich um Tötungsdelikte, die sich wirklich so zugetragen haben. Trotz ihres Schreckens geht es im Saal kurzweilig und launig zu. Immer wieder ringt der Anwalt den Weidenern Lacher ab, ohne dabei seine Seriosität einzubüßen.
Doch was kann Stevens dem ermittelnden Publikum als Hilfestellung an die Hand geben? Er gibt Einblicke in die wahre Ermittlungsarbeit. So sei eine Vorgehensweise der Ermittler, dem Weg des Geldes nachzugehen. Anders gesagt: "Follow the money." Oder: Wer hat finanziell den größten Nutzen vom Hinscheiden des Mordopfers? "Gibt es Feinde, gibt es Kontakte ins kriminelle Milieu?" Außerdem weiß der erfahrene Strafverteidiger: "85 Prozent der Täter bei Tötungsdelikten sind Männer."
Realität kein Krimi-Film
Mit dem typischen Kriminalfilm habe die Realität außerdem nicht wirklich viel gemein: "Vergessen sie, was sie im 'Tatort', was sie in den amerikanischen Krimis sehen." Die echte Ermittlungsarbeit der Polizei sehe anders aus. Den Vernehmungsraum mit Tisch, Stuhl, Neonleuchte und Spiegelfenster, gebe es so nur im Fernsehen. Auch, dass der Gerichtsmediziner mit einem Thermometer zwecks späterer Alibiüberprüfungen den genauen Todeszeitpunkt feststellen könne. "In der Praxis läuft es so nicht." In der Realität sei das Ergebnis weit weniger exakt.
Interessant sei auch die Arbeitsmethode der ermittelnden Beamten. Denn fast immer werde bei Tötungsdelikten das SEK auf den Plan gerufen. "Das geht nicht zimperlich mit einem um." Später bei der Polizei erfolge dann das Gespräch mit den Beamten. "Mit freundlichen Herren und wo man sich erst einmal richtig freut, bei denen zu sein." Aber Vorsicht! Die vermeintliche Sicherheit trügt. Ebenso wie die vertrauensvolle Atmosphäre, die hier geschaffen werde. Das sei nur Part der Vernehmungstricks, auf die vor allem Ersttäter hereinfielen, wie Stevens sagt.
















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