Weiden in der Oberpfalz
27.11.2025 - 14:20 Uhr
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Nicht viel mehr als "Dobrý den"? Ein subjektiver Blick auf 35 Jahre offene Grenze

Grenze auf, Vorurteile weg? Nachbarschaft auf Augenhöhe? Oder doch eher: Viel Luft nach oben? Ein sehr subjektiver Blick hinter die Kulissen der deutsch-tschechischen Beziehungen.

So blicken Wolfgang Würth und Maria Oberleitner auf 35 Jahre offene Grenze. Grafik: Marco Meier
So blicken Wolfgang Würth und Maria Oberleitner auf 35 Jahre offene Grenze.
Tschechien Wolfgang Würth:

„Du hast ja voll die Tschechen-Hose an!“ – peinlich, aber wahr: Als ich Anfang der 1990er-Jahre zur Schule ging, war „Tscheche“ oder „tschechisch“ hier im Nordosten der Oberpfalz oft eine Art abwertendes Schimpfwort – nicht nur auf meinem Schulhof in Neustadt/WN. Aus heutiger Sicht hatte die Region damals selbst keine gute Zeit hinter sich. Nach den 1980er-Jahren lagen Porzellan- und Glasindustrie – und überhaupt die ganze Wirtschaft – in Scherben. Ohne Internet war die Gegend am und im Oberpfälzer Wald noch viel abgehängter, als man es sich heute vorstellen kann.

Da kamen die Leute aus dem Osten ganz recht: in ihren grauen Autos, mit ihren braunen Klamotten. Als sie nach der Grenzöffnung zum ersten Mal zu uns herüberkamen, wirkten sie, als hätten sie noch weniger Geld und noch weniger Anschluss an die Welt. Echten Kontakt gab es schon wegen der Sprachbarriere nicht. Und im Grunde wollte auch niemand wirklichen Kontakt. Es war genug, sich wie ein „reicher Westler“ zu fühlen – und sich auch so aufzuspielen: „Du Tscheche!“

Tschechien Maria Oberleitner:

Als Tschechien für mich ein Begriff wurde – im Kindersitz unseres alten Opels –, war die Grenze seit gut einem halben Jahrzehnt offen: Ich erinnere mich an das ewige Warten im Auto vor den Grenzkontrollen, das kritische Beäugt-werden meines Kinderausweises von den Grenzbeamten, die Serviettenknödel in diesem einen Lokal, an dem wir nur sehr selten ohne Halt vorbeigefahren sind. Ich erinnere mich an Gartenzwerge, massig Gartenzwerge – und meine komplett politisch unkorrekten Fragen danach, ob tschechische Vietnamesen im Allgemeinen wohl große Gartenzwerg-Fans seien. Ich erinnere mich an die Weidenröschen am Wegrand, die ich schon aus Wanderungen im Bayerischen Wald kannte. Und an mein Verdutzt-Sein darüber, dass ich mit 100 tschechischen Kronen gar nicht 100 Kugeln Eis kaufen konnte.

Den Eisernen Vorhang habe ich nie gesehen. Gespürt habe ich ihn trotzdem manchmal. Tschechien war nie fremd, aber auch nie ganz nah. Die Grenze war in meiner Kindheit und Jugend immer mindestens eine Autostunde von mir entfernt – und trotzdem: Ich habe unser Nachbarland nie als etwas besonders Exotisches wahrgenommen.

Meine Beziehung zu Tschechien, sie war immer da – ganz ohne, dass ich dazu etwas tun musste: Ob im Sommerurlaub als Kind, später als Ministrantin beim jährlichen Fronleichnamsfest der tschechischen Partnergemeinde – oder erst kürzlich bei einem zweisprachigen und grenzüberschreitenden Theaterprojekt. Doch obwohl es immer eine Verbindung, immer Kontakte gab, führten die nie zu Freundschaften oder ständigem Austausch.

Vermutlich habe ich mich schlicht nicht bemüht, weil ich mich nie bemühen musste: Ich habe nie die Sprache gelernt und trotzdem jedes Mal höflich ‘Dobrý den’ genuschelt, als würde das reichen, um als “gute Nachbarin” wahrgenommen zu werden.

Tschechien Wolfgang Würth:

‘Dobrý den’ nuscheln, das kann ich inzwischen auch. Denn natürlich hat sich im Miteinander mit Tschechien und den Tschechen in den vergangenen 35 Jahren eine Menge getan. Das Wichtigste: Kein Mensch bei Verstand würde heute noch „Tscheche“ als Schimpfwort verwenden. Oder zumindest sagt es niemand mehr öffentlich. Im Laufe der Jahre entstand jede Menge "Kontakt”: Irgendwann begannen Schul- und Gemeindepartnerschaften, tschechische Delegationen besuchten Bürgerfeste, Feuerwehren an der Grenze übten gemeinsam. Doch gesprochen haben dabei meist nur Schulleiter, Bürgermeister oder Kreisbrandräte miteinander – selten die „normalen“ Leute.

Echten Austausch habe ich selbst erst später erlebt: in verschiedenen Jobs, bei denen ich mit tschechischen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeitete. Oder auf dem Fußballplatz. Schon lange vor der Jahrtausendwende verstärkten einige Vereine ihre Mannschaften mit Spielern aus Tschechien. Meist waren die allerdings viel zu gut für mich und meine Liga – beim Austausch auf Augenhöhe hat das nicht weitergeholfen.

So kann ich nach 35 Jahren festhalten: Einen größeren Wortschatz als „Dobrý den“ brauche ich gar nicht – Gelegenheiten, mit Tschechen zu sprechen, habe ich ohnehin nicht. Viel näher als damals, als sie mich auf den Fußballplätzen in Moosbach, Pfrentsch oder Waidhaus regelmäßig getunnelt haben, bin ich den Tschechen nie gekommen. Denn statt von oben auf sie herabzusehen, schauen wir – und auch ich – heute meist einfach an den Nachbarn im Osten vorbei. Daran ändern Schul-, Städte- und Sonst-was-Partnerschaften nichts. Auf menschlicher Ebene sind mir die Tschechen nicht näher als Polen, Slowaken, Esten oder Bürger irgendeines anderen EU-Staates.

Tschechien Maria Oberleitner:

Und trotzdem: Formell betrachtet sind sich “die Deutschen” und “die Tschechen” so nah wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr, die Beziehungen so lebendig, wie man es noch vor 30 Jahren kaum für möglich gehalten hätte: Da sind zum Beispiel gemeinsame Übungen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Laut der IHK für Oberpfalz/Kelheim arbeiten über 13.000 tschechische Pendlerinnen und Pendler im IHK-Bezirk, rund 30.000 Beschäftigte in der Region Pilsen stehen bei deutschen Investoren unter Vertrag. Die IHK spricht von einem „gemeinsamen Wirtschaftsraum“, der 2023 eine Leistung von 67,3 Milliarden Euro erbracht hat.

Dennoch sieht man hinter all den Verbindungen und Partnerschaften hier und da immer wieder Vorbehalte aufblitzen: Ja, es gibt sie noch, die Deutschen, die mit dieser gewissen ökonomischen Überlegenheit auf das “Billigland Tschechien” und seine Bewohner blicken. Das wurde mir erst vor ein paar Jahren schmerzlich bewusst: Nach einer Theaterprobe habe ich auf einem Oberpfälzer Dorffest – keine drei Kilometer entfernt von der Grenze – ungläubig dabei zugesehen, wie einer tschechischen Schauspielerin fast keine Bratwurstsemmel verkauft worden wäre. Wegen ihrer Herkunft wurde sie stattdessen wüst beschimpft. Dass ihr so etwas in Deutschland nicht zum ersten Mal passierte, spürte man schon an ihrer Reaktion.

Seit dem Bratwurst-Skandal auf dem Dorffest trage ich Fragen mit mir umher. Fragen wie: Ist Deutschland für viele Tschechinnen und Tschechen noch immer vor allem das „reiche, überhebliche Nachbarland“? Wie nehmen die Tschechen die deutsch-tschechische Nachbarschaft wahr? Wie alltäglich ist der “Austausch auf Augenhöhe”, von dem man immer hört? Was braucht es, damit jener Austausch im Alltag wirklich funktioniert? Dass aus Nachbarn Bekannte oder Freunde werden?

Tschechien Wolfgang Würth:

Mein persönlicher “Bratwurstvorfall” auf dem Schulhof liegt schon viel länger zurück – und es hat auch noch ein paar Jahre gedauert, bis ich mir darüber Gedanken gemacht habe. In den vergangenen Jahren hat mich aber zunehmend beschäftigt, wie die Tschechen diese Zeit und ihre überheblichen Nachbarn erlebt haben. Und vor allem: Was denken sie über das heutige Zusammenleben mit denen westlich der Grenze? Aus diesen Fragen entstand dieses Projekt: Was denken die Tschechen drüben in den Regionen Pilsen und Karlsbad über uns Oberpfälzer?

Nach 35 Jahren offener Grenze war es Zeit für Antworten.

Diese Antworten sollten von Tschechinnen und Tschechen kommen, die Deutschland aus eigener Erfahrung kennen – weil sie hier arbeiten, mit deutschen Kolleginnen und Kollegen zu tun haben, im Tourismus ihr Geld verdienen oder mit einem oder einer Deutschen verheiratet sind. Beim Finden dieser Menschen hat uns Magdalena Becher unterstützt. Sie selbst hat einen sudetendeutschen Hintergrund: Ihre Familie stammt aus Karlsbad, musste die Stadt nach dem Krieg aber verlassen. Der Name Becher spielt dort bis heute eine Rolle (Stichwort: Becherovka). Magdalena arbeitet heute für die Euregio Egrensis und vor allem für bessere deutsch-tschechische Kontakte. Sie spricht fließend Tschechisch, ist im Nachbarland bestens vernetzt. Und sie hat direkt zugesagt, als wir sie baten, unser böhmisch-bayerisches Projekt zu begleiten. Mit Becher und unserem Film-, Ton- und Bildmann Marco Meier waren wir über ein halbes Jahr hinweg immer wieder in Tschechien, haben Interviews geführt: mit Polizisten, Ärzten, Grenzpendlern, Kommunalpolitikern, Unternehmern, Reiseführern und Sprachlehrern.

Tschechien Wolfgang Würth und Maria Oberleitner:

Dass wir bei unseren Gesprächen, unseren Fahrten über die Grenze irgendeine Resonanz auf überheblich-abwertende Aussagen (#bratwurstskandal) hören, das hatten wir auf jeden Fall erwartet. Und vielleicht haben wir gehofft, irgendwo zwischen den Zeilen eine Art Anleitung herauszuhören: So verbessern Sie die deutsch-tschechischen Beziehungen mit nur drei kleinen Kniffen. Doch so einfach ist es nicht. Natürlich nicht.

Immerhin: Die Wut auf überhebliche Deutsche, sie blieb aus. Was uns zunächst überrascht hat, leuchtet uns inzwischen ein: Viele Tschechen sehen diese überheblichen Deutschen so, wie auch wir sie sehen: nicht als “die Deutschen”, sondern als Individuen, die eben aus der Zeit gefallen sind. Dazu kommt: Wir gehören zu einer Generation, die nicht mehr vorbelastet ist. Das macht es uns – aber auch unserem Gegenüber – viel einfacher, unvoreingenommen aufeinander zuzugehen.

Statt Wut haben wir oft leise, aber konstruktive Kritik gehört. Hindernisse sind zum Beispiel anders gewachsene politische Strukturen: Während man auf bayerischer Seite gerne in zehn Gremien gleichzeitig tagt, genügt in Tschechien oft ein Telefonat mit Prag. Oder die deutsche Bürokratie: Wer jemals versucht hat, ein grenzüberschreitendes Projekt auf den Weg zu bringen, weiß: Man braucht dafür fast ein Diplom.

Die Tschechen, mit denen wir gesprochen haben, fühlen sich von Deutschland weder ausgenutzt noch missachtet – und falls doch, brauchen sie sicher keine Lokaljournalisten aus der Nordoberpfalz, um ihrem Ärger Luft zu machen. Unsere Gesprächspartner kennen Deutschland: Sie wissen, wovon sie sprechen, und sie haben regelmäßig Kontakt zu Deutschen.

In den Gesprächen wurde uns aber auch klar: Es gibt in Tschechien ebenso Menschen, die nichts von Deutschland wissen – und nichts wissen wollen. Mit ihnen haben wir nicht gesprochen, aber über sie: Etwa, wenn es um Grenzlandbewohner ging, die noch immer fürchten, die Sudetendeutschen könnten zurückkehren und ihnen die Häuser wegnehmen. Oder um Menschen, die sich strikt weigern, in Deutschland zu arbeiten – obwohl Löhne und Arbeitsbedingungen besser sind.

Ähnlich wie in Deutschland spaltet sich auch die Gesellschaft in Tschechien immer mehr. Der Ausgang der Wahlen in Tschechien Anfang Oktober hat diese gesellschaftlichen Spannungen noch einmal deutlich gemacht. Starke Gewinne konservativer und nationalistisch geprägter Parteien zeigen, dass ein Teil der Bevölkerung auf Abgrenzung setzt. Warum wir mit keinem dieser “anderen Tschechen” gesprochen haben? Die einfache Antwort ist: Wir haben sie gar nicht erst gesucht. Von Anfang an wollten wir Tschechen befragen, die Deutschland und die Deutschen kennen – in der Erwartung, von ihnen differenzierte Antworten zu bekommen. Wer die Oberpfalz kennt, weiß schließlich auch, dass man die Oberpfälzer nicht in drei Schlagwörtern zusammenfassen kann – genauso wenig wie die Böhmen.

Unsere Gesprächspartner aber und die Menschen, für die sie sprechen können, begreifen das Grenzgebiet nicht mehr vorrangig als solches. Die Grenze macht den Lebensraum für sie inzwischen nicht mehr kleiner. Sie macht ihn größer. Während sie uns das immer und immer wieder erklärt haben, waren unsere tschechischen Interviewpartner überraschend nachsichtig mit uns. Und ab und zu ein wenig verwirrt darüber, wieso diese Deutschen, die sich da zum Interview eingeladen haben, unbedingt Kritik hören wollen. Dabei wurde uns klar: Möglicherweise übersehen wir manchmal, was für eine Errungenschaft es ist, dass zwei Länder, die sich noch vor 30 Jahren als politische Gegner gegenüberstanden, heute so enge Bande pflegen – selbst, wenn es in Sachen nachbarschaftlicher Beziehung noch Luft nach oben gibt.

Und da wären wir auch schon beim Stichwort, das bei unseren Gesprächen über allem schwebte: Luft nach oben. Vieles von dem, was wir über die deutsch-tschechischen Beziehungen gelernt haben, lässt sich nicht in Zahlen und Fakten darstellen. Es ist mehr ein Gefühl, ein “da geht noch was”.

Ein Zusammenwachsen über Grenzen hinweg braucht Raum: An Schulen, an denen Tschechisch in Zukunft vielleicht genauso selbstverständlich unterrichtet wird wie Französisch – damit der fehlende Wortschatz Nähe nicht schon verhindert, bevor sie entstehen kann. Oder bei Behörden und in Kommunen, die gemeinsame Lösungen nicht nur im Projektzeiträumen, sondern langfristig denken.

Es gibt sie, die echten freundschaftlich-nachbarschaftlichen Verbindungen. Und zwar dort, wo sich Menschen auf beiden Seiten der Grenze füreinander engagieren. Aber Verbindung ist etwas, wofür man arbeiten muss – zumindest dann, wenn es keinen gemeinsamen, selbstverständlichen Alltag gibt. Oder wie uns Matouš Horáček, Stadtrat in Tachov und Organisator des zweitägigen Festes „Paulusbrunn erwacht zum Leben“ sagte: “Wo es Wirtshäuser direkt an der Grenze gibt, wie zum Beispiel in Pleš und am Eulenberg bei Schönsee, da funktioniert die Nachbarschaft am besten.”

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