"Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!" Für einen, der am Samstagabend im neuen Pfarrheim von Herz Jesu den Ausführungen von Gerd Bosbach gelauscht hat, bekommt dieser Satz von Winston Churchill eine völlig neue Dimension. Der Vatikan als kriminellster Ort der Welt? Wenn man bedenkt, dass der Kirchenstaat nur 500 registrierte Einwohner hat und man hochrechnet, was auf dem Petersplatz an Geldbeuteln gestohlen wird, kann man dem ohne weiteres zustimmen. Zwei Verbrechen auf einen Bürger. Da kann nicht mal Mexiko-City mithalten.
Der Zahlenexperte aus Köln referierte am Kettelertag zum Abschluss der 5. Weidener Sozialtage auf Einladung des KAB-Kreisverbandes. Sein Thema: „Die Zahlentrickser – von Statistiklügen und ihren Profiteuren“. Kreisvorsitzender Hermann Stadler schickte voraus, dass man mit unzulässigen Kombinationen Meinungen beeinflussen könne.
Tricksen bei Zuschauerzahlen
Der Mathematiker Bosbach, der auf eine mehrjährige Tätigkeit im Statistischen Bundesamt zurückblicken kann, gab einen tiefen Einblick in Rechenschiebereien, vor allem bei politischen Entscheidungen. Er verfasste in der Vergangenheit zahlreiche Aufsätze über Bevölkerungsentwicklung, Gesundheitsfinanzierung und Statistikmissbrauch.
Auch Zuschauerzahlen sollte man mit Vorsicht genießen. Rund eine Million Menschen verfolgten jährlich am Straßenrand den Kölner Karnevalszug, so offizielle Angaben. Nun müsse man aber wissen, dass die Strecke sieben Kilometer lang sei. Nehme man an, zwei Personen benötigten einen Meter, ergebe die Hochrechnung, dass die Faschingsfreunde jeweils 40 Reihen zu beiden Seiten des Zuges bilden müssten. „Ich war oft da. Zehn Reihen ja, meist aber viel weniger.“ Seine Schätzung: Höchstens 250.000 Menschen.
Politiker zur Rede gestellt
Dies ließe sich fortfahren. Wie habe der Nordrhein-Westfälische Politiker Armin Laschek doch getönt, als er 1000 zusätzliche Lehrer angekündigt habe. Bosbach: "7000 Schulen gibt es in NRW. Da kommt ja auf sieben Schulen nur ein einziger neuer Lehrer." "Mager", fand Bosbach, der den heutigen Ministerpräsidenten damals zur Rede gestellt hatte: „Ausgerutscht ist er auf seinem Eigenlob.“
Die Lehre daraus: „Eine Zahl alleine ist selten was, ohne eine Bezugsgröße dazu.“ 18 Milliarden zusätzliche Euro habe die Bundesregierung für die Bildung versprochen. „Eine Wahnsinnszahl.“ Allerdings auf neun Jahre verteilt. Also zwei Milliarden pro Jahr. „Und da ist die Preisentwicklung gar nicht berücksichtigt.“ Wenn man bedenke, dass 150 Milliarden ohnehin für die Bildung ausgegeben werde, lägen die Zusatzausgaben bei gerade mal 1,4 Prozent. „Da wurde von der Politik ein reales Minus gefeiert.“
"Prüfen Sie lieber"
Bosbach erläuterte den Gästen Grafiktricks bei angeblichen Produktverteuerungen und erzählte, wie er Andreas Scheuer zur Weißglut brachte, als er dem vorgeschlagen hatte, mit seinen eigenen Tricks doch mal die Diätenerhöhungen von Bundestagsabgeordneten in eine Grafik zu gießen. "Haben Sie keine Erfurcht. Prüfen Sie lieber." Auch Thilo Sarrazin habe er bereits bei einem Streitgespräch in Leipzig als Trickser entlarvt.
Der Erfahrungswissenschaftler wiederlegte Horrormeldungen aus der Politik zur demographischen Entwicklung mit Zahlenmaterial aus dem vergangenen Jahrhundert. „Der Bevölkerungsrückgang war damals noch dramatischer.“ Man solle nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Denn Politiker würden gerne immer das wachsende Bruttoinlandsprodukt bei ihren Berechnungen vergessen. „Niemand kann sagen, wie die nächsten zehn Jahre aussehen.“
Genauso wie niemand sagen könne, dass ein Drittel der Deutschen übergewichtig sei. Woher die Werte nehmen? „Mein Gewicht kennt keiner, außer mir. Ihres vielleicht auch nicht.“ Hier gehe es nur um Schätzungen. „Da wurden Fragen verschickt mit 60-prozentigem Rücklauf." Und was sei mit den anderen 40 Prozent? „Das waren vielleicht diejenigen, die sich schämten, wahre Gewichtsangaben zu machen.“ Bosbach über die Eitelkeit des Menschen: „Und sind wir uns doch mal ehrlich: Hier schummeln wir doch alle.“







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