24.01.2020 - 15:44 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener Filmausrüster ganz nah dran am Oscar

Willkommen in der Traumfabrik. Nicht nur bei den Oscar-Verleihungen 2020 spielt die Weidener Firma Vantage wieder eine Rolle in Hollywood. Ihre neue Filiale im Zentrum von Los Angeles macht sich bereits bezahlt. Und wie.

In sechs Kategorien ist die Tragikomödie „Jojo Rabbit“ für den Oscar nominiert. Regisseur und Hitler-Darsteller Taika Waititi setzte bei den Dreharbeiten Hawk-Linsen aus dem Hause Vantage ein.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

„We have landed“, verkündete der Filmausrüster im April 2019 – „wir sind gelandet“. Seit der Firmengründung 1993 blickten Hollywood-Regisseure wie Steven Spielberg, George Lucas und James Cameron durch „Hawk“-Linsen aus Weiden. Doch nun war nach Meinung der Chefs, Peter Märtin und Wolfgang Bäumler, endlich die Zeit reif für die sechste Vantage-Niederlassung nach dem Hauptsitz in der Max-Reger-Stadt sowie den Filialen in Berlin, Prag, Paris und Brüssel.

Nach knapp zweijähriger Vorbereitung eröffnete "Hawk Anamorphic" (das US-Label von Vantage) die Außenstelle "genau in der Mitte von Los Angeles", wie Märtin berichtet. Auf 800 Quadratmetern kann das sechsköpfige Team um Schauspieler-Sohn David Goldsmith und Brian LeGrady sämtliche Vantage-Linsen präsentieren. In einem eigenen Studio ist es Kameraleuten sogar möglich, die Objektive nach Herzenslust zu testen. "Die Filiale erspart uns einen Großteil der Transportkosten", nennt Märtin einen praktischen Vorteil: Die Ausrüstung kann vor Ort verliehen werden, das Ausliefern ab Weiden entfällt. Und: "Jetzt können wir auch Werbe- und Kurzfilme ausstatten. Vorher war das unrentabel für den Kunden." Das Gebäude in L.A. hat Vantage von einem Architekten gekauft, denn "die Mieten dort sind unbezahlbar". In der Nachbarschaft befinden sich die neuen Studios von Apple und Sony.

Ausgezahlt hat sich die "Außenstelle Hollywood" aber auch aus ganz aktuellem Grund: dem größten Kaufauftrag der Firmengeschichte. Goldsmiths Team fädelte einen Drei-Millionen-Dollar-Deal mit dem kanadischen Filmausrüster William F. White ein. 50 Objektive aus den neuesten Produktlinien ("Hawk65 anamorphics", "MiniHawk hybrids" und "Hawk class-X 2x anamorphics") werden nun gefertigt und Zug um Zug nach Toronto geliefert. Der Optik-Verkauf macht in der Regel etwa 20 Prozent des jährlichen Vantage-Umsatzes von 25 Millionen Euro aus. Kundschaft gibt es in Japan, China und Korea ebenso wie in Indien, Australien, Neuseeland, Russland und der Ukraine. Märtin: "Die Filmwelt ist eine Familie. Wir sprechen nicht über Politik, sondern über Projekte."

Zurück zu Los Angeles. Wegen der ASC-Awards hält sich Wolfgang Bäumler derzeit in der US-Filmmetropole auf. Zu dieser Gala des amerikanischen Kamera-Verbandes, die diesen Samstag stattfinden und stets den Oscar-Verleihungen vorgeschaltet sind, fungiert er als Gastgeber an einem eigenen Vantage-Tisch. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit zu einem Plausch mit einem Ehrengast: Regisseur Werner Herzog erhält vor 1600 Gästen eine Auszeichnung für sein Lebenswerk.

Und dann ist da ja noch die Oscar-Gala. Auch da könnte sich eine Vantage-Erfolgsgeschichte fortsetzen: Gleich in sechs Kategorien ist die Satire "Jojo Rabbit" (mit Sam Rockwell und Scarlett Johansson) nominiert, den "Vantage" ausgestattet hat, darunter "Bester Film" und "Bestes Szenenbild". Zuletzt räumte 2017 mit dem Drama "Moonlight" ein Werk ab, das mit Technik aus Weiden entstand.

Als wichtigstes Festival für Vantage beschreibt Peter Märtin allerdings die "Camerimage" in Polen, weil sie herausragende Kameraarbeit ins Rampenlicht rückt. Der tschechische Schwarz-Weiß-Spielfilm "The Painted Bird", mit Hawk-Linsen fotografiert, heimste dort im November 2019 den "Bronze-Frosch" ein. Legendär ist alljährlich die "Anamorphic Club Party", die Vantage zum Abschluss der Festivalwoche schmeißt. Die illustre Gästeschar verewigt sich dabei mit Autogrammen auf Vantage-Plakaten, die nun nebeneinander im Aufenthaltsraum in der Weidener Zentrale hängen.

Nicht nur wegen des Kanada-Coups lässt sich das Jahr 2020 für Vantage und seine rund 100 Mitarbeiter gut an. Edle 65-mm-Hawk-Objektive kommen bei "Eiffel" zum Einsatz, der größten französischen Produktion der vergangenen Jahre. Zudem statten die Weidener unter anderem die zweiten Staffeln der erfolgreichsten indischen Serie, "Sacred Games" (Netflix), und von "Das Boot" (Sky/ARD) aus. Verhandlungen zur dritten "Boot"-Staffel laufen. Hier schließt sich ein Kreis: "Boot"-Regisseur David Luther ist der Sohn von Igor Luther, des ersten Filmemachers, der Hawk-Linsen in einem Spielfilm einsetzte ("Das Bett").

Vom "Bett" bis zum "Boot" ist viel passiert, doch Märtin betont immer wieder die Werte der Firma, die sich seit den Anfängen nicht verändert hätten. Zum Beispiel: die Verbindung von vollendeter Technik und künstlerischer Aura in den Produkten. Oder Nachhaltigkeit ("Auch für unsere ersten Objektive gibt es noch Ersatzteile"). Oder die Verlässlichkeit gegenüber allen Kunden. "Wenn ein Student unsere Zusage für Ausrüstung hat, und Spielberg will sie, kriegt der sie nicht", betont Peter Märtin. "Lieber etwas weniger Umsatz als Werte nicht einhalten."

Die Vantage-Niederlassung in Los Angeles. Im vergangenen April im Herzen der Metropole eröffnet, bietet sie das gesamte Repertoire an Leistungen für die begehrten Hawk-Linsen.
Die neuesten Produkte aus dem Hause Vantage: Der Dreierpack "Hawk65 anamorphics", "MiniHawk hybrids" und "Hawk class-X 2x anamorphics" soll Filmemachern Lösungen für alle Ansprüche bieten. Für drei Millionen Euro deckt sich gegenwärtig eine kanadische Filmausrüster-Firma mit diesen Linsen ein.
Peter Märtin und Wolfgang Bäumler sind Mitglieder der "American Society of Cinematographers". Deren Award-Gala geht diesen Samstag in Los Angeles über die Bühne. Für Bäumler und die Firma Vantage ist ein Tisch reserviert.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.