12.09.2018 - 11:48 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener neuer Stadtkämmerer in München

Kämmerin Cornelia Taubmann dürfte feuchte Augen kriegen, wenn sie einen Blick in den Haushalt ihres Münchner Kollegen wirft.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (rechts) gratuliert Christoph Frey nach dessen Wahl zum neuen Stadtkämmerer mit Blumen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Taubmann muss mit knapp über 155 Millionen Euro jonglieren, der Finanzchef der Landeshauptstadt verwaltet einen 7-Milliarden-Etat. Damit darf sich die reichste Großstadt Deutschlands schon mal was leisten. Dafür, dass dabei die Kasse stimmt, ist ab 1. November ein Weidener verantwortlich.

Ende August wählte der Münchner Stadtrat mit der Mehrheit von SPD und CSU Christoph Frey zum neuen Kämmerer. Sein Vorgänger geht in den Ruhestand. Frey ist 41 Jahre alt, in Schirmitz aufgewachsen und hat am Augustinus-Gymnasium Abitur gemacht. Er ist verheiratet mit Birgit Vierling aus Theisseil, mit der er eine neunjährige Tochter hat. Nach dem Studium der Politik- und Erziehungswissenschaft in Regensburg und Washington legte der ehemalige Mitarbeiter des SPD-Landtagsabgeordneten Franz Schindler eine stattliche Karriere hin.

Karriere bei der AWO

Der frühere Weidener Schülergruppensprecher und Vorsitzende der Oberpfälzer Jusos stieg nach dem Studium beim Deutschen Gewerkschaftsbund München vom Regionssekretär zum Geschäftsführer auf, 2012 wechselte er als Geschäftsführer zur Arbeiterwohlfahrt der Landeshauptstadt. Dieser Job dürfte ihn am besten auf die Stadtkämmerei vorbereitet haben. Die Münchner AWO beschäftigt 2300 Mitarbeiter in Pflegeheimen, Kitas und Beratungsstellen. Von Dezember 2013 bis April 2014 gehörte Frey zudem dem Stadtrat an. Als Finanzchef der Stadt unterstehen ihm 700 Mitarbeiter. "Es ist eines der kleinsten Referate", sagt Frey. Ohne Tochtergesellschaften arbeiten in der Verwaltung rund 33 000 Beschäftigte, Tendenz steigend. Auch das dürfte Taubmann wehmütig stimmen.

Doch auch Frey darf trotz 400 Millionen Euro Überschuss aus den laufenden Einnahmen für Investitionen nicht aus dem Vollen schöpfen. "Die Prämisse lautet, ohne Neuverschuldung auszukommen und kein Personalzuwachs, der über das jährliche Bevölkerungswachstum hinausgeht." Darauf achtet schon Freys Chef, Oberbürgermeister Dieter Reiter. Immerhin ist es Freys Vorgänger gelungen, die Schulden der Stadt von 3 Milliarden auf 720 Millionen Euro zurückzufahren.

Teure Schulen

Dennoch stehen einige Investitionen an, unter anderem neun Milliarden für Schulen bis 2030. "Viele Schulhäuser stammen noch aus der Zeit der Jahrhundertwende", erklärt Frey. Zudem entstehen in München jährlich neue Bildungsstätten. Für Weidener klingt das nicht nach 220 Kilometer Entfernung, sondern wie eine andere Welt. OB Kurt Seggewiß und Kämmerin Taubmann müssen Diskussionen um Schulschließungen aushalten.

Daneben muss Frey aber auch die Verwaltung so ausstatten, dass sie zügig arbeiten kann. "In letzter Zeit haben sich an einigen Stellen lange Warteschlangen gebildet", räumt er Schwächen im Service ein. Das kennt er laut Süddeutscher Zeitung aus eigener Erfahrung. Für drei Jahre Blockflötenunterricht seiner Tochter habe er bis heute keine Zahlungsaufforderung erhalten. Dann werden auf einen Schlag 1000 Euro fällig.

So etwas kann sich nicht jeder in München leisten. Dass solche Verhältnisse in Weiden bislang unbekannt sind, dürfte Cornelia Taubmanns Miene an dieser Stelle etwas aufhellen.

Haushaltsposten im Vergleich:

Die größten Einnahmeposten des Münchner und des Weidener Haushalts sind die Gewerbesteuer- und Einkommensteueranteile. Bei den Zahlen für 2018 hören die Gemeinsamkeiten aber schnell auf. Gewerbesteuer: München 2,6 Milliarden, Weiden 22,5 Millionen. Einkommensteuer: München 1,2 Milliarden, Weiden 25,5 Millionen. Die meisten Ausgaben in München entfallen auf den Bildungsbereich: 1,5 Milliarden. Weiden gibt 17,5 Millionen für Schulen aus. Ebenfalls 1,5 Milliarden wendet die Landeshauptstadt für Soziales auf, Weiden muss dafür knapp 45 Millionen berappen. (phs)

Kommentar:

Krösus und Kuschelecke

München und Weiden: Das heißt nicht Äpfel mit Birnen, sondern Melonen mit Preiselbeeren vergleichen. Da aber bald ein Weidener Münchens Finanzen unter sich hat, sei eine Ausnahme gestattet. 2018 sind in Weiden die Einkommensteuer-Einkünfte höher kalkuliert als die der Gewerbesteuer. In München ist es umgekehrt. Kunststück für die Heimat von Siemens und BMW. Galaktisch wird die Kluft im Bildungsbereich. Während sich Weidener Stadträte die Köpfe zermartern, welche Schule zuerst saniert werden muss, baut München bis 2030 unter anderem 24 Grundschulen, 7 Gymnasien und 4 Berufsschulen. Diese Woche sperrten vier neue Grundschulen auf. Zuzug setzt eben unter Zugzwang. Die Schattenseiten wie Horrormieten oder Kitaplätze für 421 Euro pro Woche lassen Weiden wie die Kuschelecke Bayerns aussehen. Aus der kann aber auch eine Schmuddelecke werden, wenn die Nordoberpfalz Abwanderungsregion bleibt. Sie bräuchte den Zuzug, über den München stöhnt. Doch wer weiß: Wenn in Regensburg die Start-up-Szene boomt, sollte das 90 Kilometer weiter auch nicht ausgeschlossen sein.

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