18.12.2018 - 11:09 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weihnachten im Gefängnis nach Norm

An Weihnachten bekommt jeder Insasse der JVA Weiden 12.977 Kilojoule an Essen zugeteilt. So sieht es der Speiseplan vor. Die Gefangenen freuen sich über eine Extraportion Kaffee. Aber große Gefühle sind unerwünscht.

Die Vorbereitungen für Weihnachten hinter Gittern laufen. Die Kapelle der JVA Weiden ist am 24. Dezember voll. Die Insassen freuen sich über ein wenig Abwechslung von der Routine und die Extraportion Kaffee.
von Beate-Josefine Luber Kontakt Profil

An Heiligabend gibt es zwei Paar sauere Bratwürste und Glühweinersatz. "Alkohol ist natürlich verboten. Aber es darf in die Richtung schmecken", erklärt Harald Bäumler. Er ist Abteilungsleiter der Justizvollzugsanstalt Weiden, in der gerade 91 Männer inhaftiert sind.

Nicht nur die Kalorien, die sie zu sich nehmen, auch ihr Tagesablauf ist genau geregelt. Der 24. Dezember beginnt wie jeden Morgen mit dem Aufschließen der Zellen um 7.15 Uhr. Bis 8 Uhr ist Frühstück, 160 Gramm Schwarzbrot mit Belag. Danach geht's wieder in die Zelle, dann eine Stunde Aufenthalt im Freien und Mittagessen: Omelette aus 120 Gramm Mehl, 140 Gramm Apfelmus.

Essen, Kaffee, Zigaretten

Zwischen 14 und 14.45 Uhr passiert etwas ganz Besonderes, eine Abwechslung von der täglichen Routine: ein Gottesdienst. "Da ist die Kapelle voll. Da kommt fast jeder. Wohl auch wegen der Geschenke", erzählt Thomas Hartmann. Er ist der Sozialarbeiter der JVA. Auch der Inhalt der Päckchen ist kontrolliert und standardisiert. Bäumler sucht eine Liste heraus und liest vor: "Lebkuchen, Nüsse, Marzipan, Kaffee und ein Wandkalender."

Besonders für mittellose Gefangene sei das etwas besonderes. "Der Extrakaffee ist beliebt." Auch sehr begehrt: Tabak. "Die Nichtraucher sind hier in der Minderheit." Essen, Kaffeetrinken, Rauchen. Das sind anscheinend die Freuden des Alltags im Leben eines Gefangenen.

Wer nun Bilder im Kopf hat aus US-Gefängnisserien, in denen sich harte Kerle mit Gesichtstätowierungen in Massenzellen prügeln, der wird enttäuscht sein. "Ich sage immer, eine Fernsehserie über deutsche Gefängnisse lohnt sich einfach nicht", erklärt Bäumler. "Es gibt einfach zu wenig Action." Mit einem großen Schlüssel schließt er eine der vielen grünen vergitterten Türen auf. Er führt in eine Abteilung, von der wiederum viele Türen abgehen, die Einzelzellen. Alles getüncht in undefinierbarem Grau-Weiß-Gelb. In einem Aufenthaltsraum steht ein Fernseher, eine Spielesammlung liegt herum. Doch die Personen, für die das Gebäude und die aufwendige Logistik eingerichtet wurden, sind nicht zu sehen. Von den Gefangenen zeugen nur die Namensschilder neben den Eisentüren.

Der Großteil der Insassen sitzt in Einzelzellen, wie allgemein üblich in Deutschland. Aber diejenigen, die ganz neu sind, noch niemals einsaßen, kommen erst einmal in einen sogenannten Gemeinschaftshaftraum mit anderen Gefangenen. "Um den Haftschock zu mildern", wie Sozialarbeiter Hartmann erklärt. Viele seien labil, wenn sie das erste Mal in Haft kommen. Die Mitgefangenen erklären ihnen dann, wie es läuft. Wie sie ihre dreckige Kleidung in die Wäschenetze sortieren etwa. Und die anderen Regeln in einer fremden Welt. "Der Ottonormalverbraucher weiß ja nicht, wie es in einem Gefängnis so läuft", sagt Bäumler und fügt an: "Das ist ja gut so."

Von Weihnachtsstimmung ist im Gefängnis nicht viel zu spüren. In jedem Aufenthaltsraum werde ein Christbaum aus Kunststoff aufgestellt, brandsicher. Es gibt die katholischen und evangelischen Gottesdienste, die Geschenke, aber kein besonderes Zusatzprogramm. Das ist Absicht. "Wir müssen auch darauf achten, Weihnachten nicht emotional zu überhöhen", sagt Bäumler. Also keine "Stille Nacht"-Gesänge bei Kerzenschein? Der Abteilungsleiter schüttelt den Kopf. "Wir achten darauf, keine Weihnachtsmelancholie aufkommen zu lassen. Man muss die Normalität aufrecht erhalten."

Andere Probleme

Normalität. Regelmäßige Mahlzeiten, früh aufstehen, zeitig ins Bett gehen, feste Routinen. Ob an Weihnachten oder am Rest des Jahres. Das ist das, was den Gefangenen nach Meinung der Justizvollzugsbeamten am meisten hilft. Vor allem Drogensüchtige kämen in sehr schlechter körperlicher Verfassung. Das geregelte Essen, die medizinische Versorgung, die Routine helfen vielen. "Ein Gefangener hat zu mir mal gesagt: ,Es ist irre, wieder klar denken zu können'", erzählt Bäumler. "Die Leute haben hier die Möglichkeit, den Reset-Knopf zu drücken."

"Ich sehe das alles ganz pragmatisch", pflichtet Sozialarbeiter Hartmann bei. Auch bei den Gefangenen beobachtet er nicht, dass sie zu Weihnachten besonders sorgenvoll sind - oder weniger sorgenvoll als sonst. Bäumler erklärt es so: "Das gesamte Problembündel aus der Lebenssituation der Insassen ist größer als die Weihnachtsproblematik." Oder anders gesagt: Wenn jemand im Knast sitzt, hat er andere Probleme als Weihnachten. ___"Macht auf die Tür": So heißt der Adventskalender unserer Zeitung. Bis zum 24. Dezember öffnen wir in dieser Serie täglich jemands Tür und sehen, wie er oder sie sich auf das Weihnachtsfest einstimmt.

Auf den Gängen der JVA sieht es sommers wie winters gleich aus. Harald Bäumler und Thomas Hartmann (von rechts) sind überzeugt: Zu viel Emotionen an Weihnachten tun den Gefangenen auch nicht gut.
Die Kapelle der JVA Weiden.
Der Besuchsraum der JVA Weiden.
Der Besuchsraum der JVA Weiden
Ein Aufenthaltsraum der JVA Weiden
Ein Blick auf den Innenhof der JVA Weiden
Die Bibliothek der JVA Weiden
In der JVA Weiden.
In der JVA Weiden.
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