22.01.2021 - 18:28 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Wikipedia entsteht auch in der Oberpfalz

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Die freie Enzyklopädie feiert in diesem Januar ihr 20-jähriges Bestehen. Wir haben mit regionalen Autoren über die Faszination Wikipedia, aber auch die Nachteile des Portals, gesprochen.

Auch Autoren aus der Oberpfalz schreiben an Artikeln in der Wikipedia mit, bessern Belege aus oder übersetzen die Texte für andere Ausgaben der Wissensplattform.
von Sebastian Böhm Kontakt Profil

Am 19. und 20. Januar 2021 wurde der Wikipedia-Artikel „Joe Biden“ 310.687 Mal aufgerufen – wenn wir ausschließlich den deutschsprachigen Raum betrachten. Am Vortag und Tag der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten informierten sich also viele tausende deutschsprachige Menschen über den mächtigsten Mann der Welt. Und das auf der freien Enzyklopädie. Dieses Beispiel zeigt: Wikipedia ist 20 Jahre nach seiner Gründung eine ernst zu nehmende Informationsplattform geworden. Ein Portal für alle, aktualisiert auf Computern in der ganzen Welt, auch von Menschen aus der Oberpfalz.

Einer von ihnen ist Manfred Engel. Für ihn ist Wikipedia ein Hobby. Angefangen hat bei ihm alles mit einem Link. „Es könnte ungefähr 2006 gewesen sein“, sagt er. Der Inhaber einer Agentur für Online-Werbung wohnt in Wernberg-Köblitz. Er schrieb etwas zum Thema Marketing und verpasste dem Artikel einen zur eigenen Firmenhomepage führenden Link. „Ich habe gehört, dass das zum Beispiel gut für Google sein soll“, erklärt er. Engel hat sich also erhofft im Ranking der Suchmaschine aufzusteigen, seine Leidenschaft für Wikipedia hat er erst Jahre später wieder entdeckt.

Für den Wernberger Werbe-Experten Manfred Engel ist Wikipedia ein Hobby.

Als Nutzer war er in dieser Zeit zwar weiterhin aktiv, sein Comeback als Autor begann er aber, als er einen Wikipedia-Artikel durchstöberte, der „bestimmt irgendetwas mit dem Finanzbereich zu tun hatte“. Wann genau das war, könne er nicht mehr sagen. Börse, Anlagequalität, Marketing - das sind die Themen, die Manfred Engel interessieren. „Ich habe etwas gelesen, das einfach nicht stimmte“, sagt er. Der 56-Jährige besserte es aus, andere Wikipedianer forderten daraufhin Belege für seine Veränderungen im Artikel, es entstand eine Diskussion. „Das fand ich interessant“, erklärt er.

Das war der Moment als Wikipedia für Manfred Engel zum Hobby wurde. Er besserte „immer wieder mal, wenn mir etwas aufgefallen ist“ Belege aus und schrieb eigene Artikel zu Themen aus dem Finanzbereich. "Diese Artikel sehen heute ganz aus anders, viele Menschen haben ihren Senf dazugegeben", sagt er. Manchmal könne Engel die Änderungen an seinen Artikeln nachvollziehen, manchmal nicht. "Aber das ist das Prinzip von Wikipedia, je mehr Leute mitmachen, desto besser ist es am Ende", erklärt er.

Dr. Richard Heigl betreibt eine eigene Wiki-Firma in Regensburg.

So sieht das auch Dr. Richard Heigl. Der Regensburger begleitet seit rund 15 Jahren die Wikipedia-Welt, schrieb sogar an zwei Büchern zu diesem Thema mit. "Das Faszinierende ist die Organisation dahinter", sagt er. Und genau da ist Heigl auch aktiv. Er bastelt unter anderem an der Software von Wikipedia, übersetzt als Autor Texte aus dem Englischen ins Deutsche und bessert Belege aus. Mit zwei Kollegen betreibt er eine Wiki-Firma, in der sie mit den Technologien und Konzepten der Wikipedia arbeiten. Heigl kennt sich also aus und findet: "Von dem Konzept kann man viel lernen." Das Prinzip, das viele Menschen Wissen zusammentragen und sich selbst kontrollieren, bedeute am Ende nichts anderes als gemeinsames Lernen, findet Heigl.

Dieses System birgt bei allen Vorteilen aber auch Gefahren. Alle Behauptungen auf der Wikipedia müssen belegt werden, die Artikel sollten eigentlich neutral geschrieben sein, also das reine Wissen vermitteln. Das klappt aber nicht immer. "Es gibt einige Müllartikel, die sind falsch oder absichtlich tendenziös geschrieben", ärgert sich Manfred Engel. Vor allem Nischenthemen, mit wenigen Aufrufen, seien da gefährdet. "Da steht unter Umständen jahrelang etwas Falsches und wird nicht entdeckt", sagt Engel.

Die Größe der Community fördert den Austausch, viele Meinungen machen das Portal reicher an Wissen, aber auch langsamer in der Entwicklung. "Ich erwarte keine große, sondern eine kontinuierliche solide Weiterentwicklung", schätzt Dr. Richard Heigl die nächsten Jahre ein. Die Herausforderungen seien aber auch für die Wikipedia groß. Künstliche Intelligenz und mehr Schnittstellen für Apps seien beispielsweiße zwei wichtige Themen der nahen Zukunft, sagt er.

An der Weiterentwicklung der Wikipedia will auch Autor Manfred Engel mitarbeiten. Der 56-Jährige könne sich vorstellen, deutlich mehr Freizeit in das Wissensportal zu investieren, wenn er beruflich etwas kürzer trete. Engel überlege sogar, im Ruhestand nochmals zu studieren. "Ich habe bereits einen Magister in Philosophie, eventuell setze ich da noch einen Doktor drauf", sagt er. Vielleicht durchstöbert Engel ja dann vermehrt die Artikel über bekannte Philosophen wie Immanuel Kant oder Friedrich Nietzsche, um Fehler in den Belegen auszubessern. Somit würde er sein Spektrum als Autor erweitern. Als Nutzer bleibt er der Wikipedia sowieso treu. "Wissen zu erwerben, bleibt immer wichtig", sagt er.

Das verbirgt sich hinter dem Begriff "Darknet"

Amberg
Kommentar:

Mehr Wikipedia, weniger Bananenbrote

Wikipedia ist aktuell das Flaggschiff des Wissens in einem riesengroßen Shitstorm. Und deswegen braucht es künftig noch viel mehr Besatzungsmitglieder. Denn: Die freie Enzyklopädie macht das Internet zu einer besseren digitalen Welt.
Diese digitale Welt versinkt immer tiefer in Verschwörungstheorien, Beleidigungen und Oberflächlichkeit. Twitter sperrte einen zum Glück nun ehemaligen US-Präsidenten. Auf Instagram dominieren Influencer und Bananenbrote den Alltag und Facebook - gibt es das überhaupt noch so richtig? Individuen werden im Digitalen immer wichtiger, nehmen sich viel zu wichtig und sind doch oft für die Gesellschaft so unwichtig. Die Wikipedianerinnen und Wikipedianer sehen lieber das große Ganze. Sie wollen Wissen sammeln und es der Welt weitergeben. Klar: Dieses "Jeder-darf-mitmachen-Prinzip" kann von einzelnen schwarzen Schafen missbraucht werden. Doch im Großen und Ganzen zeigt die Erfahrung der letzten 20 Jahre: Die Herde kann sich selbst kontrollieren. Die Pflicht, Aussagen auch belegen zu müssen und die größtenteils ehrenwerte Einstellung der Mitglieder, etwas Gutes für andere tun zu wollen, haben Wikipedia zum Brockhaus meiner Generation gemacht.
Die Wikipedia braucht aber noch viel mehr von diesen freiwilligen Wissensteilern, die in erster Linie an andere denken. Auch aus technischer Sicht muss die Plattform zwingend Fortschritte machen – künstliche Intelligenz ist hier das Stichwort. Denn nur so kann die Wikipedia eine ernstzunehmende freie Enzyklopädie bleiben und den Untiefen des Internets trotzen, das aktuell mehr missbraucht, als genutzt wird. Denn wenn der Wind sich weiter dreht, sei es gesellschaftlich oder technisch, muss das Flaggschiff Wikipedia vorbereitet sein, sonst droht es im Shitstorm zu versinken.

Von Sebastian Böhm

Überblick:

Die regionalen Wikipedia-Zahlen

Ein Blick in die Oberpfälzer Wikipedia: Seitenaufrufe, täglicher Durchschnitt, Bearbeitungen, Autoren - wir vergleichen die Zahlen von sechs regionalen Seiten aus dem Jahr 2020

Oberpfalz - Seitenaufrufe: 158.177, täglicher Durchschnitt: 432, Bearbeitungen: 26, Autoren: 24

Weiden in der Oberpfalz - Seitenaufrufe: 90.549, täglicher Durchschnitt: 247, Bearbeitungen: 55, Autoren: 39

Amberg - Seitenaufrufe: 100.833, täglicher Durchschnitt: 276, Bearbeitungen: 66, Autoren: 30

Landkreis Schwandorf - Seitenaufrufe: 48.119, täglicher Durchschnitt: 131, Bearbeitungen: 7, Autoren: 5

Landkreis Amberg-Sulzbach - Seitenaufrufe: 29.844, täglicher Durchschnitt: 82, Bearbeitungen: 7, Autoren: 7

Landkreis Tirschenreuth - Seitenaufrufe: 47.840, täglicher Durchschnitt: 131, Bearbeitungen: 45, Autoren: 25

Bezugszeitraum: 01.01.2020 bis 31.12.2020, die Zahlen beziehen sich lediglich auf den deutschsprachigen Raum, Quelle: https://pageviews.toolforge.org/

Rückblick:

20 Jahre Wikipedia - Zahlen, Erfolge, Kritik

Das deutsche Wikipedia spielt eine große Rolle: 20 Jahre nach der Gründung gibt es mehr als 55 Millionen Beiträge in knapp 300 Sprachen auf Wikipedia, verfasst von unzähligen Freiwilligen. Die deutsche Wikipedia ist die viertgrößte aller Ausgaben der freien Enzyklopädie. Wenn nur die Artikel von menschlichen Autorinnen und Autoren gezählt würden, läge die deutsche Wikipedia sogar direkt hinter der englischen Ausgabe an der Spitze. Die Versionen auf Platz zwei (Cebuano, eine auf den Philippinen gesprochene Sprache) und drei (Schwedisch) wurden nämlich mit Texten von umstrittenen Software-Robotern des Schweden Lars Sverker Johansson aufgeblasen. Rund 90 Prozent der Autoren sind Männer, die meisten von ihnen aus westlichen Industrienationen.

Wikipedia stellt die Lexika in den Schatten: Die renommierten Lexika hat Wikipedia aber seit Jahren hinter sich gelassen. Nach 244 Jahren gab der Verlag der Encyclopaedia Britannica 2012 bekannt, dass diese nur noch digital erscheint. Zwei Jahre später zog der Brockhaus - der hierzulande das Maß aller Nachschlagewerke war - nach. Die Wikipedia kommt dagegen mit vergleichsweise kleinen Summen aus: Die Wikimedia Foundation, die die Infrastruktur des Online-Lexikon finanziert und mehr als 100 Programmierer bezahlt, nimmt jährlich über 120 Millionen Dollar an Spenden ein. Der deutsche Förderverein Wikimedia Deutschland verfügt mit über 80 000 Mitgliedern über einen Jahresetat von rund 18 Millionen Euro.

Das Prinzip der Selbstkontrolle birgt Gefahren: Wikipedia ist nicht fehlerlos und muss deshalb immer wieder Kritik einstecken. Vor allem bei Nischenthemen kann es dauern, bis ein Fehler durch einen anderen Wikipedianer entdeckt wird. Aber auch auf prominenteren Wikipedia-Artikeln haben sich Fehler eingeschlichen. So wurde erst nach Jahren entdeckt, dass der Rhein nicht 1320 Kilometer lang ist, sondern nur 1230 Kilometer. Der Zahlendreher stand zuvor aber auch in gedruckten Lexika. Gravierender sind Fehlleistungen wie die falsche Behauptung, dass in einem deutschen Konzentrationslager in Warschau 200 000 Polen vergast worden seien. Es gibt zwar keinen Zweifel, dass es das Konzentrationslager Warschau gegeben hat, dieses war aber kein Vernichtungslager, wie 15 Jahre lang in der englischen Wikipedia zu lesen war. (dpa/sbö)

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