26.08.2018 - 18:32 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Willkommen in der Notunterkunft

Gerade zu Wahlkampfzeiten lassen sich Politiker gerne bei Erfolgsunternehmen blicken. "Die Initiative" will die Landtagskandidaten dagegen in die Obdachlosenunterkunft lotsen. Mit Erfolg.

Ursula Barrois, die Vorsitzende der "Initiative".
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Seit Mai lädt der Verein die Bewerber in die Obdachlosenunterkunft Schustermooslohe ein. „Seit 1979, also fast 40 Jahren, hat sich die Initiative e. V. die Verbesserung der Lebensumstände und die Verhinderung von Obdachlosigkeit zur Aufgabe gemacht. Dazu gehört, auf die Situation der betroffenen Menschen aufmerksam zu machen und Verbündete zu gewinnen“, heißt es in dem Anschreiben. Ein Interview mit Vorsitzender Ursula Barrois, die jüngst für den Deutschen Engagementpreis nominiert worden ist.

ONETZ: Haben Sie schon Antwort von den Kandidaten?

Ursula Barrois: Ja, die Resonanz ist sehr gut. Die Kandidaten von SPD, CSU, Grünen, FDP und Linken haben zugesagt, die Termine für die einzelnen Besuche stehen.

ONETZ: Das Vorgehen scheint untypisch: Normalerweise laden sich Politiker selbst ein – bei Betrieben und Einrichtungen ihrer Wahl. Warum haben Sie die Initiative ergriffen?

Ursula Barrois: Wir haben eigentlich das ganze Jahr über viel Kontakt zur Politik. Bei unserem Baumfest sind immer alle Parteien da, um sich mit Angeboten einzubringen. In eine Obdachlosenunterkunft laden sich die Politiker aber nicht selber ein, also mussten wir das übernehmen.

ONETZ: Was wollen Sie Ihren Besuchern näherbringen?

Ursula Barrois: Wir wollen die Themen Wohnungsnot und Obdachlosigkeit in die Politik hineintragen. Hier ist auch die Landespolitik. Ein Mensch, der zu einer gewissen Personengruppe gehört, hat keine Chance, eine Wohnung zu bekommen. In Deutschland fehlt zudem eine Regelförderung, damit die Kommunen nicht die ganze Last der Obdachlosenunterbringung tragen müssen. Hier werden wir sicher nochmals an die Bundestagsabgeordneten herantreten.

ONETZ: Wie kann ein Landespolitiker helfen?

Ursula Barrois: Das Land macht die Wohnungspolitik. Was noch für uns wichtig ist: der Kontakt der Politiker mit Menschen, die in einem ganz anderen Lebenskontext stehen, ihnen von ihrer schwierigen Lage berichten, Und: Die Obdachlosen in der Schustermooslohe fühlen sich aufgewertet, wenn jemand zu ihnen kommt.

ONETZ: Haben Sie konkrete Wünsche in Bezug zur Unterkunft?

Ursula Barrois: Da ist mit dem neuen Sozialbürgerhaus schon viel in Bewegung. Es gibt neue Strukturen. Früher waren für die Obdachlosenbetreuung drei bis vier Ämter zuständig, jetzt ist das in einer Hand. Im zweiten Schritt geht es um die räumlichen Gegebenheiten ...

ONETZ: Um Neubau oder Sanierung?

Ursula Barrois: Darüber sprechen wir zurzeit. Seit es die Initiative gibt, haben wir die Belegzahlen aber deutlich reduziert. Früher hatten wir vier Mal so viele Bewohner.

ONETZ: Wie ist Ihnen das gelungen?

Ursula Barrois: Wir machen ja seit 40 Jahren Präventionsarbeit. Je früher wir Kontakt zu den Betroffenen haben, desto eher sind Lösungen möglich – beispielsweise, um eine Zwangsräumung zu verhindern. Im Moment haben wir 44 Zimmer und 31 Bewohner. In Hochzeiten waren es schon mal 110 Bewohner.

ONETZ: Im Winter werden die Belegungszahlen auch sicher höher sein als jetzt im Sommer?

Ursula Barrois: Interessanterweise hatten wir gerade in diesem Sommer überdurchschnittlich viele Neue. Woran das liegt, wissen wir nicht. Da ist kein Muster erkennbar.

ONETZ: Sie sind für den Deutschen Engagementpreis vorgeschlagen. Freut Sie das?

Ursula Barrois: Preise und Auszeichnungen sind für mich persönlich nicht wirklich von Bedeutung. Aber ich weiß, wie wichtig sie für die Menschen sein können, für unsere Mitarbeiter, für unsere Unterstützer – und natürlich für die Betroffenen. Sie fühlen sich „mitgeehrt“.

ONETZ: Und möglicherweise öffnet Ihnen das auch bei der Politik leichter Türen.

Ursula Barrois: Als ich das erste Mal für einen Preis vorgeschlagen war, wollte ich ihn zunächst nicht annehmen. Ich habe mich lange damit auseinandergesetzt, bis es mir klar war, worum es wirklich geht. Unsere Gesellschaft braucht Leute, die vorne dranstehen, die für etwas stehen. So eine Person bin ich. Ich stehe für die Randgruppenarbeit.

Hintergrund:

Auch eher untypisch: ein Politikerbesuch ohne Presse. Die Bewohner der Notunterkunft in der Schustermooslohe sollen sich gegenüber den Landtagskandidaten unbefangen äußern können. Daher habe sie die Presse zu den einzelnen Terminen im August nicht eingeladen, erklärt Ursula Barrois. Eine Bilanz der Besuche ziehen die Bewerber der Parteien und die Initiative bei einem gemeinsamen Pressegespräch Mitte September.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.