09.10.2018 - 11:15 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Im Zweifel für den Angeklagten"

Wie schwer wiegt die Nazi-Vergangenheit von Franz Grothe? Einstimmiges Urteil im Stadtrat: Die städtische Musikschule darf den Namen des Komponisten behalten. Das Gremium will auf andere Art Zeichen setzen.

Premiere: Wegen Bauarbeiten im Rathaus tagt der Stadtrat im Schlör-Saal der Max-Reger-Halle. Im Mittelpunkt einer Debatte steht allerdings ein ganz anderer Namensgeber: Franz Grothe.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Es hatte etwas von einem Gerichtsprozess. Die zentrale Frage, die der Stadtrat am Montag verhandelte: Hat sich Franz Grothe (1908-1982) im Dritten Reich derart schuldig gemacht, dass die städtische Musikschule in Weiden nicht mehr seinen Namen tragen darf? Plädoyers gab es allerdings lediglich für den Beschuldigten. Zum Beispiel von Norbert Freundorfer (SPD), der befand: "Im Zweifel für den Angeklagten. Ich kann keine besondere Schwere der Schuld feststellen." Der Freispruch erfolgte später einstimmig.

NSDAP-Mitglied, Leiter des Deutschen Tanz- und Unterhaltungsorchesters, stellvertretender Fachschaftsleiter der Reichsmusikkammer: Die Nazi-Vergangenheit des Komponisten habe die Verantwortlichen der Stadt "einige Monate beschäftigt", nachdem der Großvater eines Musikschülers einen kritischen Brief ins Rathaus geschickt hatte, berichtete Kurt Seggewiß. Der OB schilderte sich als in solchen Angelegenheiten besonders sensibel: "Verwandtschaft mütterlicherseits" sei vom Nazi-Regime verfolgt gewesen, mitunter in das KZ Buchenwald deportiert oder, wie der Urgroßvater, ins "Strafbataillon 99" versetzt worden. "Und auch ich", so Seggewiß, "kann mit dem Beschlussvorschlag leben." Der sah vor, den Namen der Musikschule beizubehalten. "Da habe ich kein schlechtes Gewissen."

Der Oberbürgermeister zitierte dazu Jürgen Brandhorst, Vorstandsmitglied der Grothe-Stiftung. Nach dessen Einschätzung - und nicht zuletzt nach dem Ergebnis des Entnazifizierungsverfahrens 1949 - war Grothe lediglich ein Mitläufer. Seggewiß nannte auch Namen wie Herbert von Karajan, Carl Orff, Johannes Heesters oder Gustav Gründgens, der eine Ehe mit einer Lesbe eingegangen sei, um die eigene Homosexualität vor den Nazis zu verbergen. "Franz Grothe steht für seine Generation", stimmte Bürgermeister Lothar Höher zu. "Die meisten haben sich mit dem System arrangiert. Auch Grothe."

Den Franz-Grothe-Preis thematisierte Veit Wagner (Grüne): Man sollte die Preisträger unter den Schülern nicht mit einer Namensänderung "entehren". Wagner schlug vor, auf einer Biografie-Tafel in der Schule auch die Nazi-Vergangenheit des Namensgebers zu erwähnen. Dass man bei Straßen mit "belasteten" Namen (Dr.-Johann-Stark-Straße, Meiserstraße) ähnlich verfahren war, daran erinnerte Freundorfer. Mit seinem Vorschlag rannte er offene Türen ein: Bei der Vergabe von Straßennamen sollte die Stadt künftig verstärkt Widerstandskämpfer und Friedensstifter berücksichtigen. Auf der Liste, die er übergab, hatte er unter anderem Friedensnobelpreis-Träger Willy Brandt, Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Carl-Friedrich Augustin Rösch (Jesuitenpater, der die Nazis bekämpfte) und Lothar König (Bürgerrechtler in der DDR) vermerkt.

"Ein guter Vorschlag", befand Höher. Solche Zeichen brauche es wohl. "Vor fünf Jahren hätte ich noch gesagt, Geschichte wiederholt sich nicht. Das sage ich heute nicht mehr."

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