21.06.2018 - 10:09 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Zwischen Tafeldienst und Knödelhimmel

Klischees sind nicht totzukriegen. Hier die Italiener - unorganisiert, verschwenderisch und überschwänglich, dort die Deutschen: humorlos, überkorrekt und arbeitswütig.

Valona Zenku genießt ihre vorerst letzten Tage in Weiden.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

(phs) Solche Stereotypen kann nur über den Haufen werfen, wer den anderen besser kennenlernt. Valona Zenku ließ sich im September 2017 auf dieses Experiment ein.

Die 17-Jährige aus der Provinz Macerata verbringt seit September ein Schuljahr in der 10. Klasse des Augustinus-Gymnasiums. Ende Juni kehrt sie mit dem Wunsch in die Heimat zurück, nach dem Abitur nächstes Jahr gleich wieder zum Studium nach Deutschland zu kommen. Etwas mit Sprachen oder Wirtschaft soll es sein.

Weiden hat sie auf den Geschmack gebracht. "Es ist so multikulturell, so frei." Verschiedene Hautfarben, Sprachen, Gesichter: Valona hat ein Faible für den internationalen Touch, den auch die Oberpfälzer Provinz ausstrahlt. Vielleicht liegt es daran, dass sie selbst nicht nur die mittelitalienische Kultur eingeatmet hat. Ihre Eltern stammen aus Albanien, haben lange in Mazedonien gelebt und sind nun in der Nähe von Macerata sesshaft geworden.

Ihre zweisprachigen Wurzeln hat sie in neun Monaten Weiden mit fast astreinem Deutsch weiter um sich greifen lassen. Auch weil Valona immer gern gelernt hat. "Die Schule hier ist für mich wie ein Zuhause. Die Lehrer haben mich genauso behandelt wie die anderen, aber immer geholfen." Am Anfang hätten dennoch die Klischees die Oberhand behalten. "In Italien verbringen Klassenkameraden fast ihre ganze Freizeit miteinander, das ist hier nicht ganz so intensiv." Die Mitschüler hätten sich zwar zunächst für die Neue interessiert, es habe aber gedauert, bis man einen Draht zueinander gefunden habe.

Ein bisschen war Weiden eben doch eine fremde Welt. "Ich konnte es nicht fassen: In jedem Klassenzimmer ein Waschbecken mit Spiegel und dann so Sachen wie Tafeldienst." Letzterer bestärkte Valona in einem Stereotyp, dass die Deutschen immer alles regeln müssen. "Bei uns putzt halt irgendwer spontan mal die Tafel, klappt auch." Das Geregelte schätzt die 17-Jährige mittlerweile sehr am deutschen Schulsystem. "In Englisch sind hier alle besser, Kunstunterricht ist nicht nur Theorie, und in Musik kann man Abitur machen." Richtig Heimweh hatte die junge Frau nicht. Höchstens Angst. "Als im Februar dieser Attentäter mit dem Auto bei Macerata herumfuhr und auf Leute schoss, hab ich die ganze Zeit meiner Schwester SMS geschrieben, wie es ihr geht", erinnert sie sich an einen Amoklauf, der weltweit Schlagzeilen machte.

Die Schwester durfte die Schule während dieser Stunden nicht verlassen. "Sie hat zum Glück immer geantwortet, obwohl die Benutzung von Handys bei uns in der Schule verboten ist."

Wenn Valona heute mit Freunden in der Beanery sitzt, sind solche Momente zum Glück weit weg. Sie sortiert bereits die Erinnerungen an das kurzweilige Leben in drei Gastfamilien: beim Ehepaar Röhlingerin Letzau, bei Jutta Häuslerin Rothenstadt und bei Gisela und Stefan Helgathin der Innenstadt. "Die kochen toll italienisch." Vermissen wird Valona aber vor allem Knödel in allen Variationen und Sauerkraut. "Superlecker."

Auch außerhalb von Schule und Gastelternhäusern hat die junge Italienerin Freundschaften geschlossen. Bei Praktika im Neuen Rathaus, im Kulturamt, in der Touristinformation war sie in den Ferien gut beschäftigt. Der Städtepartnerschaftsverein hat ein monatliches Taschengeld springen lassen.

Doch nach dem Bürgerfest ist alles vorbei. Ihre Eltern und die beiden Geschwister holen Valona persönlich ab. Was sie dann zu Hause erwartet, weiß sie nicht. "Wir mussten wegen der schweren Erdbeben zweimal die Wohnung wechseln. In der jetzigen bin ich noch nie gewesen."

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