21.11.2021 - 14:47 Uhr
WeiherhammerOberpfalz

Kaum Engpässe in Weiherhammer: Oberpfälzer Einkaufspool GKS operiert weltweit

Materialknappheit aller Orten, Lieferengpässe, Rekordpreise für Energie: Die Lage erinnert fast an die Nachkriegsjahre. Aber es gibt Ausnahmen. Hunderte Firmen aus der Region kaufen gemeinsam ein – und profitieren so.

Auch Strom kauf die GKS für ihre Kunden.
von Clemens FüttererProfil

Geradezu idyllisch liegt das moderne Gebäude am Ufer eines kleinen Sees in einer Gemeinde der Nordoberpfalz. Von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, etablierte sich in Weiherhammer (Kreis Neustadt/WN) ein in Deutschland einzigartiger Einkaufs-Pool: Professionell gemanagt, voll digitalisiert und gestützt auf ein globales Netzwerk, das den Oberpfälzern einen Informationsvorsprung in der komplexen Welt der Warenflüsse ermöglicht. „Wir wissen, wo wir was zu welchen Preisen rund um die Erde bekommen oder wenn Engpässe zu erwarten sind – bevor die schlechten Nachrichten am Markt sind“, sagt Dr. Rainer Gallersdörfer. Er ist Geschäftsführer der Gesellschaft für Kooperation und Service (GKS).

Bereits mit Unternehmensgründung 1997 durch die Eigentümer-Familien Engel und dem damaligen Initiator Dieter Moller sollte eine unternehmensübergreifende Einkaufsplattform geschaffen werden. Inzwischen bedient die GKS als internationaler Pool für die Vermittlung von Zulieferteilen und Energie nicht nur viele Handwerksbetriebe und Mittelständler aus Nordbayern (auch Conrad Electronic ist dabei), sondern sogar DAX-Konzerne wie den Triebwerksbauer MTU in Friedrichshafen. Dem Vernehmen nach vermittelt die GKS für mehrere Hundert Millionen Euro im Jahr neben Strom und Gas vorwiegend Maschinenbau-Komponenten wie Antriebs- und Steuerungstechnik, Sensorik oder Hydraulik und Pneumatik.

"Sensationelle Erdgas-Preise"

Die rund 50 GKS-Mitarbeiter gelten rund um den Erdball als bestens vernetzt und stützen sich dabei auf langjährige Partner. Weil diese mit dem Oberpfälzer Einkaufs-Pool weiterhin Geschäfte machen wollen, liefern sie schon mal aus alten Lagerbeständen zu „gewohnt guten Konditionen“: Selbst wenn die Preise an den Spot-Märkten explodieren. „Sogar beim Erdgas konnten wir rechtzeitig Kontingente reservieren und für bestimmte Pool-Mitglieder einen sensationellen Preis erzielen“, verrät Geschäftsführer Gallersdörfer. Er nennt den persönlichen Draht der GKS-Spezialisten zu den Lieferanten sowie antizyklisches, schnelles und kreatives Handeln und nicht zuletzt das Vertrauen der Pool-Kunden als Gründe für das stetige Wachstum seit Ende der 90-er Jahre.

Legendäre Rolle im Jahr 2020

Im Corona-Jahr 2020, als fast alle Unternehmen ihre Investitionen drastisch reduzierten und abrupt auf die Bremse traten, machte die GKS das Gegenteil: Und deckte sich reichlich mit bestimmten Materialien ein. Weil die GKS bereits im Januar 2020 aufgrund ihrer Verbindungen nach Asien einen Engpass für Masken, Alkohol oder Gummihandschuhe in Deutschland erwartete, kaufte sie, was der damalige Markt hergab. Legendär mutet vor diesem Hintergrund die Rolle der GKS als „Notnagel“ für regionale Krankenhäuser und öffentliche Einrichtungen an. Die Oberpfälzer Einkäufer bewerkstelligen es in der Krise, dass selbst bei Strom und Gas ein „Großteil unserer Kunden nun heute durch mehrjährige Verträge zu hervorragenden Konditionen versorgt werden kann“ (Gallersdörfer). Und lange, bevor die Preise für Stahlbleche Rekordniveau erreichten und Versorgungsprobleme auftraten, bestellten die Oberpfälzer „größere Mengen“ in Asien.

Bei der GKS gilt übrigens nicht der Begriff Homeoffice, „sondern mobiles Arbeiten, gleich wo auf der Welt“, betont Geschäftsführer Gallersdörfer. So schlug einst an einem Wochenende in Weiherhammer die Nachricht auf, dass China als 90-prozentiger Weltmarktversorger nicht mehr ausreichend Magnesium produzieren wird. „Wir wussten sofort, dass das ein Problem für die europäische Aluminium-Herstellung werden kann. Unmittelbar nach dieser Info haben wir im großen Stil Aluminiumprodukte bestellt.“ Gallersdörfer bezeichnet deshalb „unseren Informationsvorsprung und unsere schnelle Reaktion“ als „Schlüssel für eine bessere Versorgung“. Aufgrund ihrer Größe und Bedeutung weiß die GKS dann ihre „A-Kunden-Position“ bei den Lieferanten zu nutzen. „Wenn jemand versucht, die Preise zu erhöhen, sind wir sehr konsequent.“

Rainer Gallersdörfer empfiehlt den Handwerksbetrieben und Mittelständlern, sich durch kurzfristige Volatilität nicht verrückt machen zu lassen. Der GKS-Geschäftsführer erwartet – sofern weltweit keine weiteren Lockdowns kommen – ab Mitte nächsten Jahres eine Entspannung: „Das deuten zumindest die bereits nachgebenden Future-Märkte an.“ Wegen des politischen Drucks auf China, die CO2-Ziele zu erfüllen, prognostiziert Gallersdörfer allerdings negative Folgen für die gesamtwirtschaftliche Produktionsleistung. Auch die Rohstoffe Zink und Nickel könnten in naher Zukunft ein Thema werden.

Lage an der Grenze zum Hochrisikogebiet Tschechien bleibt ruhig

Weiden in der Oberpfalz
Die GKS bündelt die Einkäufe von Hunderten Firmen. “Wir sind immer am Puls der Weltmärkte”, sagt Geschäftsführer Dr. Rainer Gallersdörfer.
Hintergrund:

Darum schwanken Lieferketten in der Weltwirtschaft

Warum kommt es bei Stahl, Chips oder Energie zu solchen Preiskapriolen oder Verknappungen? Nach Ansicht von Dr. Rainer Gallersdörfer, Geschäftsführer des Einkaufspools GKS, basieren die Lieferketten in der Weltwirtschaft auf einer ausgeglichenen Nachfrage- und Angebotssituation. „Wenn die Nachfrage ausbleibt und deshalb die Anbieter ihre Kapazitäten herunterfahren, dann fangen die Systeme beim Wiederanfahren der Produktion zum Schwingen an.“ Man spreche vom „Peitscheneffekt“ in der Supply-Chain, landläufig auch als „Klopapier-Effekt“ bekannt.

Gallersdörfer schildert gegenüber den Oberpfalz-Medien plastisch das Problem bei den Stoffkreisläufen. Corona bedingt, blieben 2020 die meisten Flugzeuge am Boden und es wurde kaum noch Kerosin (Flugbenzin) benötigt, also auch nicht produziert. Bei der Herstellung von Kerosin fällt jedoch ein bestimmter „Abfallstoff“ an, der für gewisse Kunststoffgranulate benötigt wird, etwa Kabel mit einer speziellen USA-Zulassung. Gallersdörfer: „Und am Ende hat der Maler um die Ecke keine Farbe, weil die Plastikeimer fehlen, für deren Produktion der Kerosin-Abfall verwendet wird.“

 

 

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