18.11.2020 - 15:49 Uhr
WeiherhammerOberpfalz

Vom Traum bleiben nur Scherben: Flachglas Wernberg investiert nicht in Weiherhammer

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Es sollte in ein bis zwei Jahren die größte Betriebsansiedlung im Landkreis Neustadt/WN werden. 250 neue Arbeitsplätze hätte sie Weiherhammer beschert. Doch daraus wird jetzt wohl nichts.

Auf diesem Areal sollte das neue Flachglaswerk auf dem bereits gerodeten zehn Hektar großen Gelände direkt neben dem Pilkington-Floatwerk entstehen. Der Spatenstich ist mehrmals verschoben worden und kommt nun vermutlich gar nicht.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Bürgermeister Ludwig Biller kam am Dienstag mit schlechten Nachrichten in die Gemeinderatssitzung: "Die Flachglas Wernberg hat mit Schreiben vom 26. Oktober und in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt, ihr Bauvorhaben im Industriegebiet Weberschlag aus wirtschaftlichen Gründen abzubrechen." Der Fokus des Unternehmens liege auf der Bewältigung der Herausforderungen durch die Corona-Pandemie.

Biller ist deswegen geknickt, aber nicht sauer: "Das ist nun mal die wirtschaftliche Situation." Laut Bundesanzeiger, einem Amtsblatt mit Jahresabschlüssen deutscher Unternehmen, kletterten die Umsatzzahlen der Flachglas 2018 zuletzt auf rund 66 Millionen Euro. Die Zeichen standen auf Expansion. Dann kam das Virus.

Der Spatenstich war bereits im Juli geplant. Die Flachglas Wernberg wollte bis 2022 einen Großteil ihrer Produktion auf ein 100 000 Quadratmeter großes Gelände in Weiherhammer in unmittelbarer Nähe des Lieferanten Pilkington verlagern. Im September hieß es, dass der Baubeginn wahrscheinlich ins Frühjahr 2021 verschoben wird. Der Grund: Die Verhandlungen mit den Banken zur Finanzierung des Projekts in stattlicher zweistelliger Millionenhöhe - die Rede war von 40 Millionen Euro - ziehen sich hin. Dem Vernehmen nach geht es um Sicherheiten wie Bürgschaften.

"Die Banken sind vorsichtig, und das müssen wir auch sein", bedauert Flachglas-Sprecher Walter Schoepf den Schritt. An der Gemeinde Weiherhammer habe es nicht gelegen, die sei immer fair gewesen, auch beim Preis. Biller sagt, er hätte etwa 30 Euro für den erschlossenen Quadratmeter verlangt. Die Flachglas hätte neun Hektar kaufen wollen. Die warten nun auf neue Interessenten. "Wir wollen das schnell vermarkten und dazu einschlägige Immobilienportale nutzen," kündigt der Bürgermeister an.

Chance für Standort Luhe

Sollte er das Areal nicht loswerden, lässt ihm Schoepf sogar noch ein bisschen Hoffnung. Bessere sich die wirtschaftliche Situation, und der Grund sei in einem Jahr noch nicht verkauft, wäre er eventuell für die Wernberger wieder interessant.

Doch all das klingt sehr hypothetisch. Vorerst plant die Flachglas mit "zwei bis drei Alternativen". In deren Mittelpunkt stehen die beiden Standorte Wernberg (600 Mitarbeiter) und Luhe-Wildenau (knapp 150 Mitarbeiter). In Luhe ist die Tochterfirma "Glas-Profi" beheimatet. Die Strategie: Produktionsprozesse entzerren. Das könnte so aussehen, dass noch mehr Tagesgeschäft nach Luhe verlagert wird, wo vor allem Duschkabinen gefertigt und schnell ausgeliefert werden.

In Wernberg könnten die Sparten Railway und Architektur weitere Schwerpunkte setzen, sprich Bauglas sowie Fenster für U-Bahnen und Züge. So ist in den ICE-Zügen der neueren Generation Glas aus Wernberg verbaut. Dessen Plus: hohe Mobilfunkdurchlässigkeit. Diese Arbeitsteilung könnte auch dem Standort Luhe-Wildenau ein paar neue Arbeitsplätze bescheren.

Logistiker soll trotzdem kommen

Der Nachteil: Weder in Wernberg noch in Luhe ist viel Platz, daher sieht sich die Flachglas weiter um. "Es wird in jedem Fall eine regionale Lösung", unterstreicht Schoepf. Er spricht viel von Optimierung und Umorganisation. Das liege daran, dass die Auftragseingänge Planungen nicht länger als drei bis sechs Monate im Voraus zuließen. In diesem Zeitraum werde der Aufsichtsrat auch über die Alternativstrategie zu Weiherhammer entscheiden. Unabhängig davon will Weiherhammer am Bau einer Logistikhalle im hinteren Bereich des Industriegebiets in Richtung Etzenricht festhalten und dort die Erschließung voranbringen, kündigte Biller an. Der Spatenstich soll im Frühjahr erfolgen. In diesem Zusammenhang fällt als Neuansiedlung immer wieder der Name Honold aus Neu-Ulm. Der Bürgermeister will dies weder bestätigen noch dementieren.

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Kommentar:

Weiden blickt nach Weiherhammer

Wo die Schaffung von 250 Arbeitsplätzen nicht klappt, beginnt schnell die Suche nach Schuldigen. Doch so einfach ist die Sache in Weiherhammer nicht. Weder hat die Flachglas Wernberg die Gemeinde hingehalten oder getäuscht noch hat Weiherhammer Fehler gemacht bei der Ausweisung der Gewerbeflächen. Dass Banken bei der Finanzierung auf Sicht fahren, ist aus deren Sicht ebenfalls nachvollziehbar. Bleibt ein Erreger namens Sars-CoV-2 als Sündenbock.
Nun sind zehn Hektar Wald gerodet, ohne dass man weiß, was an dessen Stelle kommt. So etwas sollte nicht allzu oft passieren, sagen nicht nur eingefleischte Naturschützer. Wie sich der Plan B der Flächenvermarktung entwickelt, bleibt in den nächsten Monaten die spannende Frage. Noch leben wir in einer Coronakrise mit empfindlichen Verlusten in vielen Wirtschaftsbereichen. Kein gutes Umfeld für Investitionen. Zugleich macht sich erste Euphorie breit, dass die Auftragsdateien 2021 überquellen, wenn erst ein Impfstoff die Welt vom Not- auf Normalbetrieb hochfährt. Die Absage der Wernberger wird auch im Weidener Rathaus Sorgenfalten aufwerfen. Gegner des Projekts West IV bekommen neue Munition: Jetzt wäre doch sofort Platz für neue Betriebe vor der Haustür, ohne dass die Axt gegenüber dem Brandweiher geschwungen werden muss.
Sollte der "Weberschlag" indes bald die Oberkante beim Füllstand erreichen, darf man das Argument umdrehen: Seht her, die Gewerbeflächen-Nachfrage hält an, wir brauchen neue. Welches Szenario zutrifft, wird viel davon abhängen wie lange wir noch mit dem Virus in lebensbedrohlicher Form leben müssen.

Von Friedrich Peterhans

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