Er hat vor kurzem einen Gedichtband mit Werken der gebürtigen Weiherhammerin veröffentlicht. „Ich möchte nicht, dass sie in Vergessenheit gerät“, beschreibt Marc Rothballer seine Intentsion, Gedichte Therese Tesdorpf-Sickenbergers zu sammeln und zu veröffentlichen. Rothballer, selbst gebürtiger Weiherhammerer, ist durch Zufall auf die Lyrikerin aufmerksam geworden. In der Ortschronik hat er nach berühmten Weiherhammerern gesucht und ist dabei auf ihren Namen gestoßen. „Ich habe dann nach ihr gegoogelt, habe aber nichts über sie gefunden.“ Über die Brüder – der eine Politiker, der andere Pfarrer – hingegen seien mehr Informationen zu finden.
20 Kartons
Der Nachlass von Therese Tesdorpf-Sickenberger ist in der Bayerischen Staatsbibliothek in München archiviert. Insgesamt vier Jahre hat Rothballer recherchiert. Herausgekommen ist ein kleiner Gedichtband mit ausgewählten Werken, die die Lebensphasen der Dichterin wiederspiegeln. In 20 Kartons hat der 33-Jährige aus dem Nachlass, bestehend aus Tagebucheinträgen, Fotos, Notizen und Manuskripten, sowie Gedichten, viel aus dem Leben der Lyrikerin erfahren. In den Schachteln befindet sich „der Rest ihres Lebens“, beschreibt Rothballer den Inhalt der Kartons. „Ich fand, dass sie unberechtigterweise in Vergessenheit geraten ist.“ Bereits zu Lebzeiten habe sie vor allem im süddeutschen Raum schon einen Namen gehabt. Nur ein kleiner Teil der Gedichte sei bisher veröffentlicht worden. „Ab 1880 bis 1925 war die Hauptveröffentlichungszeit“, weiß er.
Rothballer hat bei seinen Recherchen herausgefunden, dass Therese Tesdorpf-Sickenberger eine unsichere Frau war, die auch an Depressionen – verursacht durch schweren Rheumatismus – erkrankt war. Teilweise war sie deswegen auch ans Bett gefesselt, übers Schreiben habe sie dann zu ihrer Heilung gefunden. „Zeit ihres Lebens litt sie aber an einer gewissen Grundangst und an einer Grundunsicherheit“, weiß Rothballer. Als Herausgeber ausgewählter Gedichte der Lyrikerin hat er den Gedichtband mit dem Titel „Ahnungsbang vor nahem Sturm“ versehen. Er ist ein Zitat aus einem ihrer Werke und spiegle diese Unsicherheit und Angst, die die Autorin nie losließen, wieder.
Kaum Politisches
Als Erzieherin lebte Therese Tesdorpf-Sickenberger auch für einige Zeit in Frankreich, zunächst in einer ländlichen Gegend, dann in Paris. In der Großstadt hat es ihr nicht gefallen, der Kontrast zum ruhigen Landleben war ihr zu groß. Obwohl sie eine gebildete Frau war, die sich auch für die Rechte ihrer Geschlechtsgenossinnen und Bildung für Mädchen einsetzte, hat sie wenig Ppolitisches Sachen veröffentlicht. Zunächst habe sie in die Kriegsbegeisterung von 1914 mit eingestimmt, „das hat sich aber schnell gewandelt und sie wurde kritischer“, weiß Rothballer. Deutlich wird das zum Beispiel in dem Gedicht „Ach, alles hat der Krieg und weggenommen …“, in dem es unter anderem heißt: „Wo ist der Strahl der Freude, der belebte? Wo ist die Blume, die der Freund mir pflückt? Wo leuchtet noch das Ziel, das ich erstrebte? Gleichgültig lässt mich, was mich einst entzückt.“
Rothballer beschreibt die Lyrikerin als intelligent und gebildet. „Sie stammte aus einem wohlhabenden gutbürgerlichen Elternhaus, die Familie legte Wert auf Bildung“, weiß er. Demnach habe Therese Tesdorpf-Sickenberger Klavier gelernt und eine Ausbildung zur Erzieherin genossen. In München habe sie sich in gehobenen Kreisen bewegt. Ihr Doppelname lässt vermuten, dass sie emanzipiert und ihr Mann, Dr. med. Paul Hermann Tesdorpf, ein toleranter Zeitgenosse war.
Als sich die beiden 1896 kennengelernt haben – Therese war bei dem Mediziner wegen ihres geistig behinderten Bruders –, haben sie festgestellt, dass sie Seelenverwandte sind. Rothballer beschreibt das ZwischenZusammenleben der beiden als außergewöhnliche Beziehung, die sehr spät in eine Heirat mündete: Therese war zu diesem Zeitpunkt schon fast 60 Jahre alt. Die beiden haben viele Sachen zusammen gemacht, unter anderem Literatur aus dem Französischen, Spanischen und Englischen übersetzt.
44 Gedichte
Aus „unglaublich vielen Manuskripten“ hat der 33-Jährige 44 Gedichte für das Büchlein ausgesucht. Wie viele es insgesamt waren? „1000 werden nicht reichen“, ist sich Rothballer sicher. Therese Tesdorpf-Sickenberger hat „täglich geschrieben“. Ihre Werke hat sie in einfacher Sprache gehalten, die leicht zu verstehen ist. Den Titel des Gedichtbandes hat Rothballer bewusst gewählt. „Ich finde, der Satz fasst ihr Leben zusammen. Sie hat für sich erkannt, was ihr Wesen war.“ Rothballer hat in Nürnberg und Passau Soziale Arbeit und Europäische Kulturwissenschaft studiert und arbeitet derzeit in München. Er ist geschichtlich interessiert und hat schon mehrere Beiträge – aktuell für die Reihe „Oberpfälzer Heimat“ – verfasst.
Den Gedichtband „Ahnungsbang vor nahem Sturm“ gibt es für 12,90 Euro bei Amazon sowie beim Herausgeber selbst unter der E-Mail-Adresse rothballer.marc[at]gmail[dot]com.
Über Therese Tesdorpf-Sickenberger
Therese Sickenberger wurde am 24. Januar 1853 in Weiherhammer geboren. Ihr Vater war im Bergwerkswesen berufstätig und viel auf Reisen, ihre Mutter gebildet und fromm. Bereits wenige Monate nach der Geburt Thereses zog die Familie nach Berchtesgaden, 1856 dann nach München. An einem Mädcheninstitut erfuhr sie eine profunde Ausbildung und wurde Erzieherin. Studienreisen führten sie nach Frankreich und Italien. Dort und im bayerischen Königshaus war sie in Adelshäusern als Erzieherin beschäftigt. Diese Anstellung musste sie 1882 wegen ihres Rheumatismus aufgeben. Nach einem Kuraufenthalt in Göggingen fand sie Linderung, dort hat sie nach eigener Darstellung mit dem Schreiben begonnen. 1886 gründete sie mit ihrer Schwester Sophie in München die Höheren Unterrichtskurse für junge Mädchen, 1898 das Institut María de la Paz. Die Schwestern engagierten sich mit ihrer Mutter für die Frauenbildung. 1896 lernte sie den Psychiater Paul Hermann Tesdorpf kennen, denn sie später im Alter von 57 Jahren heiratete. Am 6. April 1926 starb Therese Tesdorpf-Sickenberger nach längerer Krankheit an den Folgen eines Schlaganfalls. Nach dem Wegzug der Familie aus Weiherhammer war die Lyrikerin nie wieder in ihrem Geburtsort, schildert aber dennoch in einer autobiografischen Lebensbetrachtung das Dorf. Vermutlich hat sie aus Erzählungen ihrer Eltern das Wissen um die Ortschaft zusammengetragen.













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