18.11.2019 - 11:46 Uhr
WeiherhammerOberpfalz

Wolfgang Benz beleuchtet Bücherverbrennungen

Man muss nicht einmal die Hakenkreuzler bemühen, die beim Stichwort "Bücherverbrennung" an vorderster Front über Internet-Suchmaschinen marschieren. Die braunen Barbaren haben Vorbilder und Nachahmer, erklärt ein Fachmann.

Wolfgang Benz skizziert die Geschichte der Bücherverbrennungen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Beinahe 87 Jahre ist es her, dass akademische Nazis mit Papier-Scheiterhaufen demonstrieren wollten, wie deutsche Kultur keinesfalls auszusehen hat. Auf diesem Ungeist liegt keinesfalls so viel Asche der Geschichte, wie man meint, erläutert Professor Wolfgang Benz in der Gemeindebücherei Weiherhammer. Der bekannte Berliner Historiker war auf Einladung der Initiative "Neustadt lebt Demokratie" im Vorfeld des bundesweiten Vorlesetags zu Gast, um über Bücherverbrennungen zu referieren.

Am 10. Mai 1933 setzte die nationalsozialistische deutsche Studentenschaft - nicht das Goebbels-Ministerium - in 30 Universitätsstädten dieses "Fanal arroganten Banausentums", wie es Benz nennt. Bücher einiger Hundert Autoren, von Karl Marx bis Heinrich Mann, von Joseph Roth bis Irmgard Keun, landeten in den Flammen.

Nicht SA-Schläger oder Freicorps, sondern Rektoren und Professoren im Talar waren in erster Linie an der Inszenierung dieser "Prozession der Stumpfsinnigen" beteiligt. Dass sie genau 100 Tage nach Hitlers Machtergreifung unliebsame Werke, darunter anerkannte Weltliteratur, unter dem Motto "Wider den undeutschen Geist" verdammten, war ein Signal, dass ab sofort die abweichende Meinung an sich auf dem Index stand.

Es folgten bald ähnliche Aktionen in rund 100 Städten. Ostbayerische Hochschulorte wie Regensburg oder Passau waren nicht dabei. Ihr Personal war dennoch nicht weniger opportunistisch, versichert Benz. "Die theologische Hochschule in Regensburg erklärte, sie sei ohnehin schon immer frei von jüdischem Geist gewesen."

Eiferer, die Mördern den Boden bereiten, sind keine Einzelerscheinung in der Geschichte, spannt Benz einen weiten Bogen. Bereits beim eigentlich antireaktionären Wartburgfest 1817 forderte der als "Turnvater" bekannt gewordene Friedrich Ludwig Jahn die Verbrennung unpatriotischer Literatur, allerdings erfolglos. Er berief sich dabei auf Luther, der 1520 die päpstliche Bulle anzündete. 23 Jahre vorher hatten Anhänger des fanatischen Bußpredigers Savonarola in Florenz an Haustüren die Herausgabe aller unehrenhaften Schriften verlangt.

Alles lange her, aber nicht ausgestorben. Beispiel Terry Jones. Der fundamentalistische Pastor aus Florida ließ 2011 trotz Verbots öffentlich Koranausgaben lodern. Bei einer Racheaktion fanatischer Muslime in Afghanistan starben wenig später sieben UN-Mitarbeiter. Weit weg, doch Benz weiß, dass die rechte Initiative "Pro Deutschland" Jones eingeladen hatte. Ein Einreiseverbot verhinderte dessen Gastspiel in der Bundesrepublik.

Doch es muss nicht immer Feuer sein. Putins Reaktion auf Pussy Riot, Salman Rushdi, der Hildegard-Knef-Film "Die Sünderin", katholische Verfemungen des Hexers Harry Potter - Benz zitiert Beispiele aus der ganzen Welt.

Freilich: Ein religiöser Harry-Potter-Verächter ist nicht gleich ein Nazi. Doch sobald die Forderung nach Indizierung, Verbot oder Zerstörung in der Welt ist, geht es oft bald nicht mehr um Papier, sondern um Leib und Leben. "Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen." Heinrich Heines berühmtes Resümee hebt sich Benz zum Schluss auf - kurz vor dem verdienten Applaus für eine Dreiviertelstunde Vorlesung im Hörsaal des historischen Instituts der Gemeindebücherei zu Weiherhammer.

 

 

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