21.12.2018 - 16:29 Uhr
MünchenOberpfalz

„Weihnachten ist nicht nur für religiöse Profis“

Rainer Maria Schießler ist einer der bekanntesten Pfarrer Bayerns. Er holt auch mal einen DJ in die Kirche. Im Interview spricht er über "Ganzjahreschristen" sowie "Weihnachtschristen" und erzählt, was er sich zu Weihnachten wünscht.

Pfarrer Rainer Maria Schießler.
von ​Tina Sandmann Kontakt Profil

Rainer Maria Schießler ist Seelsorger der Münchener Pfarrei St. Maximilian scheut sich nicht, offen seine Meinung zu vertreten. Er ist Schauspieler, Buchautor und Moderator. Er zelebriert jedes Jahr einen „Viecherlgottesdienst“, hatte zu Weihnachten schon einen DJ in der Kirche und stößt mit Sekt an, um Jesus Geburtstag zu feiern.

Im Interview mit Tina Sandmann erzählt er, wie er die Menschen nicht nur zu Weihnachten in die Kirche holt – und warum ihm „Ganzjahreschristen“ und „Weihnachtschristen“ wichtig sind.

Weihnachten und Advent soll eigentlich eine besinnliche Zeit sein. Viele rasen allerdings durch die Gegend, um vor dem Fest alles zu erledigen.

ONETZ: Weihnachten und Advent soll eigentlich eine besinnliche Zeit sein. Viele rasen allerdings durch die Gegend, um vor dem Fest alles zu erledigen.

Rainer Maria Schießler: Sofort aufhören damit. Jeder, der sich so benimmt, schrammt brutalst am Weihnachtsfest vorbei. Genau das Gegenteil ist angesagt: Innehalten, still werden, Konzerte anhören, Adventsfeiern besuchen, Gottesdienste mitfeiern, sich mit anderen in Ruhe auf das Fest vorbereiten.

ONETZ: Aber für Sie als Pfarrer ist die Adventszeit doch bestimmt stressig?

Rainer Maria Schießler: Es ist so eine Sache mit dem berühmten Weihnachtsstress und mit Stress überhaupt. Man macht ihn sich immer selbst. Es ist und bleibt bei einem selbst, zu entscheiden: Wie viel Zeit nehme ich mir für was? Was ist wirklich wichtig? Wo kann ich am meisten bewirken? Vorbereitung ist gut und schön, aber das kann nicht bedeuten, selbst dabei verloren zu gehen. Ich habe nicht mehr oder weniger Termine im Advent als sonst. Ich wähle genau aus, an welchen Veranstaltungen ich teilnehme, welche Arbeiten vor Weihnachten erledigt werden müssen und nehme mir viel lieber Zeit für Besuche und Gespräche. Da wird die Arbeit zu inneren Vorbereitung auf das Fest.

ONETZ: Apropos Vorbereitung: Wissen Sie schon, wie Ihre Weihnachtspredigt ausschauen wird?

Rainer Maria Schießler: Aber klar. Das rumort bei mir spätestens nach dem Oktoberfest. In der Christmette geht‘s vor allem um den wahren Kern dieses Geschenks in Bethlehem, das mir keine noch so originell gestaltete Werbung so vermitteln kann wie das Evangelium selbst: Die Liebe nimmt Gestalt an in diesem Kind von Bethlehem. Sie kommt zwar in einem Stall zur Welt, lebt aber weder in einem Stall noch in Palästen oder Kirchen. Es braucht keine Sakramente und erst recht keine Taufscheine oder Kirchenmitgliedschaften. Das alles sind bestenfalls Hilfsmittel für uns. Was für uns alleine zählt, ist diese ungeheure Botschaft, dass unsere Suche nach Gott bereits beantwortet ist: Wir finden ihn im Menschen, weil er uns darin begegnen möchte. Gottesdienst heißt ab sofort Menschendienst.

ONETZ: Wie viele Kirchen halten Sie?

Rainer Maria Schießler: Ich feiere die Gottesdienste am Heiligabend in der Früh, nachmittags und in der Nacht, am ersten und zweiten Feiertag vormittags und abends die feierliche Weihnachtsvesper. Aber Vorsicht: Das ist kein Stress oder Arbeit. Das ist pure Erholung. Ich lasse mich da ganz einfach fallen und genieße die Atmosphäre, die gute Musik, die fröhlichen Menschen. Was gibt‘s Schöneres?

ONETZ: Viele sehen das nicht so und gehen nur einmal im Jahr – eben an Weihnachten - in die Kirche. Was halten Sie von dieser "Pflicht"?

Rainer Maria Schießler: Ich denke nicht, dass es eine Pflicht für diese Menschen ist. Wenn jemand sagt, ich feiere gerne Weihnachten, weil ich die Atmosphäre, das gute Essen, die Gemeinschaft, das Sich-Beschenken so gern habe, dann ist das okay. Weihnachten ist für alle da, nicht nur für religiöse Profis. Übrigens ist genau die Schnittmenge zwischen den "Ganzjahres-“ und den „Weihnachtschristen“ schön.

ONETZ: Unter all diesen „Ganzjahreschristen“ und „Weihnachtschristen“: Sind da viele junge Menschen?

Rainer Maria Schießler: Oh ja, Gott sei Dank. Das Durchschnittsalter bei uns beträgt 40 Jahre und darüber sind wir sehr glücklich. Das ist genau die Generation, die die Kirche in die nächste Generation bringen wird. Und wir haben den Beleg, dass wir mit unserer Art der direkten und ehrlichen Verkündigung alles richtig machen.

ONETZ: Dann ist das „In-die-Kirche-Gehen“ anerzogen?

Rainer Maria Schießler: Heute geht man nicht in die Kirche, weil man muss oder weil das jemand erwartet. Es sind alles überzeugte Menschen, die zu uns kommen, vom kleinen Ministranten mit acht Jahren bis zum Senioren. Dies sollten wir als die große Chance begreifen, dass wir es mit Menschen zu tun haben, die wirklich dabei sein wollen und nicht müssen. Man spürt die Dankbarkeit der Menschen.

ONETZ: Wer also nicht mag, soll's bleiben lassen?

Rainer Maria Schießler: Ich kann niemanden zwingen zu kommen, was soll das auch. Auch ob jung oder alt ist mir egal. Ich feiere Gottesdienst, weil es mir gut tut, und bin dabei so authentisch wie nur möglich. Dieser Funke springt über und die Menschen kommen aus freien Stücken und spüren, was die Gemeinschaft ihnen an Kraft und Zusammenhalt vermitteln kann - ohne dass sie viel dafür tun müssen.

ONETZ: Haben Sie einen Weihnachtswunsch?

Rainer Maria Schießler: Es soll ein Fest des Zueinanderfindens unter uns Menschen sein. Dass der Hunger in der Welt genauso aufhört wie das unselige Aufrüsten auf allen Kontinenten, dass wir gemeinsam endlich die Verantwortung für unseren Planeten und alles, was da lebt, übernehmen und dass es uns gelingt, etwas bescheidener leben zu lernen. So haben alle eine Chance auf eine gute Zukunft.

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