06.12.2020 - 11:40 Uhr
Wernberg-KöblitzOberpfalz

"Weihnachtsburger", denn Inklusion braucht auch Kreativität in der Krise

In den Dr.-Loew-Werkstätten geht es auch in der Coronakrise um mehr als Geld und Arbeitsplätze: Im Wernberg-Köblitzer Musikcafé "B14" kämpfen Menschen mit Behinderung um ihren Platz in der Gesellschaft. Burger sollen ihnen dabei helfen.

Mit Liebe selbst gemacht: Der Weihnachtsburger im B 14 ist eine aus der Krise heraus entstandene, saftige Eigenkreation der Beschäftigten der Dr.-Loew-Werkstätten.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Rund 180 Menschen mit Behinderung arbeiten in den Loew-Werkstätten, im zugehörigen Musikcafé B 14 kommen noch einmal 14 hinzu. Erst vergangenes Jahr feierten die Mitarbeiter der ausgelagerten Arbeitsgruppe dort stolz das 25-jährige Jubiläum des bekannten Gastro-Betriebs. Wie schwer die Coronakrise den Laden und die Werkstätten treffen würde, konnte damals noch keiner ahnen. Doch die Beschäftigten lassen sich nicht unterkriegen. Um die schwere Zeit zu überstehen, haben sie sich für den Advent ein ganz spezielles Angebot überlegt. Bis zum 18. Dezember bieten sie Deko-Artikel, Plätzchen und Glühwein "to go" an. "Zusätzlich gibt es noch unseren neuen Weihnachtsburger", sagt Werkstattleiter Florian Dotzler. Er soll sich besonders durch seine wechselnden Zutaten vom üblichen Fast-Food abheben. "Auf jeden Fall wird man bei jedem Burger Weihnachten herausschmecken", verrät Dotzler.

Teilhabe am Arbeitsleben

Zwar handelt es sich bei diesem Advents-Special "nur" um ein To-Go-Angebot, doch für das Team vom B 14 ist das Konzept mehr als ein wirtschaftlicher Faktor. "Für uns ist die Coronakrise eine doppelte Herausforderung. Wir haben zum einen mit den gleichen Problemen zu kämpfen, wie normale Gaststätten auch. Doch neben dem reinen Verkauf von Lebensmitteln geht es bei uns ja auch darum, für Menschen mit Behinderung die Teilhabe am Arbeitsleben aufrechtzuerhalten", schildert der 39-Jährige.

Die Werkstätten-Mitarbeiter bräuchten dringend einen strukturierten Tagesablauf, eine erfüllende Tätigkeit. Umso einschneidender seien deshalb die Pandemie und der Lockdown für die Beschäftigten - und zwar nicht nur im B 14. "Das Musikcafé mit den 14 Mitarbeitern ist natürlich unser Aushängeschild, die stehen immer im öffentlichen Fokus. Aber die Masse unserer Beschäftigten arbeitet in den Werkstätten, die dürfen wir nicht vergessen", sagt Dotzler.

Ängste und Verunsicherung

Die vergangenen Monate seien eine besondere Belastung gewesen. "Wir waren vom Vertretungsverbot betroffen, unsere Leute konnten nicht mehr an ihren Arbeitsplatz. Auch das Musikcafé war geschlossen." Bei Menschen mit Behinderung habe dies besonders Ängste und Verunsicherung ausgelöst. "Im Frühjahr, als die Werkstätten schließen mussten, waren alle noch happy. Es gab Applaus, weil sie das als bezahlten Urlaub empfanden", erzählt der Oberköblitzer über die anfängliche Freude der Beschäftigten. "Doch das ist schnell in Unsicherheit übergegangen. Ist unser Arbeitsplatz sicher? Sperren wir überhaupt jemals wieder auf? Da gab es viele Ängste und unsere Sozialarbeiter hatten alle Hände voll zu tun, die Leute zu beruhigen." Dotzler zollt deshalb seinem Fachpersonal "allerhöchste Anerkennung".

Zwar sei inzwischen der Betrieb in den Werkstätten wieder angelaufen, und die Mitarbeiter sind heilfroh, wieder arbeiten zu dürfen - das aber geht nur mit großen Einschränkungen. "Wir haben eine wohnheimbezogene Betreuung. Das heißt, wer zusammen wohnt, arbeitet zusammen, um die Kontakte zu reduzieren." Was aus Gründen des Infektionsschutzes sinnvoll ist, ist jedoch betriebswirtschaftlich für die Werkstätten eine Herausforderung. "Die Leute arbeiten jetzt nicht mehr an ihrem gewohnten Arbeitsplatz. Wer zuvor beim Schreiner eingesetzt war, steht nun plötzlich in der Konfektionierung." So einen sinnvollen Produktionsablauf aufrechtzuerhalten ist dem WerkstattLeiter zufolge sehr schwierig - aber entscheidend: "Ich muss auch darauf achten, die Qualität unserer Produkte zu halten. Wenn die einbricht, dann ist das der letzte Auftrag gewesen, den wir bekommen."

"Im B14 geht es nicht nur um den Verkauf von Lebensmitteln, sondern darum, die Teilhabe am Arbeitsleben aufrechtzuerhalten."

Florian Dotzler, Sozialwirt und Leiter der Wernberger Werkstätten

Florian Dotzler, Sozialwirt und Leiter der Wernberger Werkstätten

Gerade die Auftragslage macht Dotzler Sorgen. Selbst auf langjährige Stammkunden sei in der Krise nicht mehr unbedingt Verlass. "Manche Firmen sind wegen Corona komplett weggebrochen, andere haben ihr Auftragsvolumen massiv reduziert. Wir sind deshalb für jeden Auftrag dankbar, den wir bekommen", sagt Dotzler. Jeder neue Auftrag bedeutet für die Mitarbeiter nicht nur Arbeit, Abwechslung in den Abläufen, eine sinnvolle Beschäftigung und damit Wertschätzung, sondern sie erwirtschaften so auch ihre Löhne. Wegen hoher Infektionszahlen zeichnet sich laut Dotzler jedoch ab, dass schon bald Risikopersonen, also Beschäftigte mit einer Vorerkrankung, für unbestimmte Zeit nicht mehr in der Werkstatt arbeiten dürfen. Solche strengeren Vorgaben würden in der Wernberg-Köblitzer Einrichtung rund ein Drittel der Mitarbeiter betreffen und weitere Schwierigkeiten bedeuten.

Trotz der vielfältigen Einschränkungen hätten die Beschäftigten aber großes Verständnis für strenge Hygieneregeln: "Masken- und Abstandsregeln werden bei uns vorbildlich eingehalten - und zwar unabhängig von der Behinderung."

Grundlohn steigt jährlich an

Neben Aufträgen hofft der Sozialwirt auch auf eine schnelle Verfügbarkeit des Impfstoffs. Aus gesundheitlichen Gründen, aber auch, weil die Menschen so zumindest wieder eine Perspektive erhalten, an ihren gewohnten Arbeitsplatz in den Werkstätten zurückkehren könnten. Bis dahin jedoch heißt es durchhalten: "Wir müssen kreativ sein und viel improvisieren", sagt Dotzler. Mit dem Weihnachtsburger-Verkauf im B 14 haben der Leiter und sein Team diese Fähigkeit unter Beweis gestellt. Und dabei wie immer nicht nur ans Geld, sondern vor allem an die Menschen gedacht. "Wir verkaufen nicht nur Essen. Uns geht es darum, den Mitarbeitern auch Rezepte und Kochtechniken beizubringen, damit sie das Zuhause selbst machen können."

Menschen wichtiger als Geld

Für Menschen mit Behinderung ist die Coronakrise eine besonders große Herausforderung

Wernberg-Köblitz
Ein Mitarbeiter am Backofen – auch Plätzchen gehören zum To-Go-Angebot im Musikcafé.
Die Krise erfasst alle Arbeitsbereiche der Loew-Werkstätten, nicht nur den Palettenbau.

 

 

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