11.11.2019 - 10:24 Uhr
WiesauOberpfalz

Blick in bröckelnde Scheinwelten

Keine leichte Kost serviert diesmal die Theatergruppe Shalom Amitié auf der Pfarrzentrumbühne. Mit Erfolg: Die Tragik-Komödie „Holzers Peepshow“ ist umjubelt.

von Ulla Britta BaumerProfil

Starkes Stück, starker Auftritt auf der Bühne des Pfarrzentrums: Die Theatergruppe Shalom Amitié lässt es bei der Premiere von "Holzers Peepshow“ seicht angehen, um das Tempo später zu steigern. Bis die "Bombe" platzt, was das Publikum sprachlos macht. Auch wenn alles als idyllisches Bauernstück beginnt, hält das Drehbuch von Autor Markus Köbeli nicht, was es scheinbar verspricht. Das achtköpfige Ensemble um Regisseur Bernhard Neumann geht kreativ darauf ein und setzt "Holzers Peepshow" grandios um.

Die Zuschauer bekommen nicht nur an Kulissen und Kostümen ein wahres Festival geboten. Zu Blasmusik wird eine Groteske über verkitschte Landidylle serviert, die ehrlicher nicht sein kann. Regisseur Neumann schafft den Spagat zwischen Bauernschwank, Tragik-Komödie und Kammerspiel souverän. Die anfängliche Bühnen-Langeweile entpuppt sich als überzogene Darstellung, wie öde sich ein Familienleben in Gewohnheiten festfahren kann. Hut ab vor dem senilen Großvater, gespielt von Markus Weig. Zwei Stunden spricht er kein Wort und wird dennoch (oder gerade deshalb) in seinem Rollstuhl ein viel umlachter Bühnenstar.

Allen voran spielt sich Silke Schicker als Rita Holzer in den Vordergrund. Die Ehefrau von Hans Holzer (Herbert Schicker) liefert ein Wechselbad der Gefühle bis zum Zusammenbruch. Nicht nach stehen ihr Sophie Maurer als Tochter Elke und Luisa Mayer als Tochter Anke. Während Luisa Mayer glaubhaft die verträumte Anke mimt, setzt Sophie Maurer als Punkerin Akzente. Einen großen Part hat Herbert Schicker als Familienvater in der Ausweglosigkeit, die ihn zum Alkohol treibt. Keine leichte Rolle: Holzer schikaniert seine Frau, schlägt sie vor den Töchtern. Dies ist der Moment der betretenen Stille im Publikum.

Die unerwartet tragische Wende wird zur Groteske, zeigt eine gescheiterte Bilderbuchfamilie. Die Holzers haben sich ans Internet verkauft. Nur eitel Sonnenschein in Facebook, Whatsapp, Instagram und Co.? Immer wenn das Rotlicht blinkt, müssen sich die Holzers von ihrer besten (ländlichen) Seite im Netz präsentieren. Weil Bauernidylle nicht ausreicht, spielen sie ihren Usern „Heidi und Alpöhi“ vor. Bravo! Dreimal in Folge, sogar in italienischer Sprache und als live gesungene Oper wird diese Szene zum endgültigen Beweis dafür, dass die menschliche Psyche „dank“ digitaler Medien die irrigsten und verwirrendsten Formen annehmen kann.

Ende gut, alles gut? Geld ist da, aber die Zerrissenheit lässt sich nicht mehr kitten. Die Töchter gehen weg, die Eltern lassen sich scheiden. Dann die Wende: Seit sich die verstreute Familie nur noch per Whatsapp verständigen kann, verstehen sich alle wieder bestens. Der Applaus brandet erst nach ehrfurchtsvollen Schweigesekunden auf. Ein Stück, das nachwirkt. Weitere Aufführungen von „Holzers Peepshow“ finden im Pfarrzentrum Wiesau am 16., 22. und 23. November jeweils um 20 Uhr (Einlass 19.45 Uhr, Getränkeverkauf ab 19 Uhr) statt. Karten gibt es bei Optik Schmitt und über die Tickethotline 0172/4228902.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.