Wiesau
24.06.2019 - 12:09 Uhr

Ein Eis bei der „Sechferdl-Mare“

Besonders toll war es für die Kinder, wenn sie sich bei der „Sechferdl-Mare“ ein Eis holen durften. "Was war ich stolz, als ich das erste Mal alleine losziehen durfte. Heute gibt es das leider nicht mehr.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg beherbergte die „Restauration Ferdinand Härtl“ auch ein Ladengeschäft, das unter dem Namen Schaumberger bekannt wurde. Nach alten Erzählungen sollen dort (links im Anbau) auch Hüte verkauft worden sein. Repro: wro
Nach dem Zweiten Weltkrieg beherbergte die „Restauration Ferdinand Härtl“ auch ein Ladengeschäft, das unter dem Namen Schaumberger bekannt wurde. Nach alten Erzählungen sollen dort (links im Anbau) auch Hüte verkauft worden sein.

Mit diesen rückblickenden Sätzen ruft eine Wiesauerin Erinnerungen wach - daran, wie es damals an der Bahnlinie, wo eines der Häuser zur Legende wurde, zuging.

Noch bis hinein in die 1980er Jahre wurde das Anwesen am heutigen Südweg mit der Hausnummer 1 nur mit „Sechferdl-Mare“ bezeichnet. Geheißen hat sie übrigens Maria Härtl. Den richtigen Namen aber benutzten nur wenige. Die überall in Wiesau bekannte Frau war wohl eine Vorreiterin in Sachen Eisdiele, auch wenn das tägliche Angebot überschaubar war. Speiseeis aus eigener Produktion gab es nur in den Sommermonaten und auch nur, wenn das „Eis-Fähnchen“ davon kündete.

Waldmeister und Vanille, Zitrone und Schokolade, manchmal auch Erdbeere, gepaart mit Sahne, wechselten sich ab. Die Kugel, die Maria Härtl in eine Form drückte, kostete nur ein paar Pfennige. Für eine gezuckerte Waffel musste man einen kleinen Aufschlag bezahlen. Draußen vor dem Eingang, wo meist Räder lehnten, stand eine lange Bank, auf der man es sich gemütlich machen konnte. Schatten spendeten die dort gepflanzten Kastanienbäume.

Bei Regenwetter konnte man sich in einem Nebenraum die Zeit an Spielautomaten vertreiben. Das Haus der „Sechferdl-Mare“ wurde zu einem jahrzehntelangen, beliebten Treff in Wiesau nahe dem Tonwerk. Seinerzeit stand - auf einem Grundstück gegenüber - auch noch das alte Dampfsägewerk.

In Schüsseln holte man sich die kalte Köstlichkeit, damit sie auch zu Hause verspeist werden konnte. Während des Sommers war werktags und sonntags geöffnet, einen Ruhetag gab es nicht. Bereits damals schon nutzte man die Möglichkeit verlängerter Ladenöffnungszeiten. Im Winter war geschlossen.

Erbauen ließ das Anwesen ein gewisser Johann Fröhlich im Jahr 1900. Den Namen "Sechferdl" erhielt es aber erst später. Namensgeber war Ferdinand Härtl, der wohl in einem der nahen Sägewerke seinen Lebensunterhalt verdiente und von allen nur „Ferdl“ gerufen wurde. Viele Jahre betrieb Ferdinand Härtl, dem das Haus ab 1903 gehörte, dort eine eigene "Bierwirtschaft" genannte Gaststätte und war ein beliebter Treff der Wiesauer Fußballer. Er war es auch, der lange Zeit ein rechteckiges Feld an die Spielvereinigung Wiesau verpachtete, das im Ort später dann der „alte Fußballplatz“ genannt wurde. Auf dem Grundstück nahe der Bahnlinie, nur wenige Schritte vom Anwesen entfernt, wurde bis 1958 Sport betrieben.

Das Haus steht heute noch. Anders als damals aber werden in den Räumen des ehemaligen Wirtshauses beziehungsweise Eisladens jetzt Modellbahnsachen verkauft.

Das Foto entstand wenige Jahre nach der Erbauung des Anwesens. 1903 Jahre wurde das Haus Ferdinand Härtl übereignet, der von allen „Sech-Ferdl“ genannt wurde. Repro: wro
Das Foto entstand wenige Jahre nach der Erbauung des Anwesens. 1903 Jahre wurde das Haus Ferdinand Härtl übereignet, der von allen „Sech-Ferdl“ genannt wurde.
Der alte und heute nicht mehr existierende Fußballplatz am Südweg war Eigentum Ferdinand Härtls. Bis 1958 wurde dort trainiert. Auch gab es spannende Begegnungen. Repro: wro
Der alte und heute nicht mehr existierende Fußballplatz am Südweg war Eigentum Ferdinand Härtls. Bis 1958 wurde dort trainiert. Auch gab es spannende Begegnungen.
 
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