10.05.2019 - 15:26 Uhr
WiesauOberpfalz

Mahnmal erinnert an Zugunglück

Noch vor einigen Jahren erinnerten 56 Holzkreuze an ein Zugunglück, das am 23. November 1944 Wiesau erschüttert hatte. Ein steinernes Denkmal soll nun die damaligen Vorkommnisse nicht vergessen lassen.

von Werner RoblProfil

Wer die Holzkreuze 2011 in einer Nacht- und Nebelaktion an der Unglücksstelle aufgestellt hat, ist nicht bekannt. Sie sollten offenbar ein Zeichen und zugleich auch eine Mahnung sein. "Wer sind wir?", war auf zwei Tafeln zu lesen.

Lange Zeit standen bzw. lagen die Kreuze dort und verwitterten. Dann wurden sie weggeräumt. Wer aber wissen möchte, was dort 1944 passierte, muss in der Schriftenreihe "Oberpfälzer Heimat" (Band 61) nachblättern. Dort hat Heimatforscher Harald Fähnrich die Ereignisse, die sich an der Bahnlinie nach Reuth abspielten, aufgearbeitet.

400 Häftlinge eingepfercht

Darin ist zu lesen, dass sich in der Nacht zum 23. November 1944 ein Güterzug dem Bahnhof Wiesau näherte. Der Bahnbeamte Müller hatte Dienst im Stellwerk. Die herannahenden Waggons seien von außen verriegelt gewesen. Darin waren 400 Häftlinge eingepfercht. Sie sollten vom Konzentrationslager Flossenbürg ins nordböhmische Konzentrations-Außenlager Leitmeritz gebracht werden. Kurz bevor der Zug eintraf, habe Müller erkannt, dass die Weichen auf der zweigleisigen Strecke falsch gestellt waren.

Ein Rangierzug, der in Richtung Reuth unterwegs war, fuhr auf demselben Gleis. Die herannahende Gefahr habe der Rangierlokführer erkannt und seine Maschine zum Stehen gebracht. Sofort sei er vorausgeeilt, um den aus Reuth herannahenden Zug zu stoppen. Doch es sei längst zu spät gewesen. Der Güterzug, in dem die Häftlinge waren, sei um 0.03 Uhr - rund 1,5 Kilometer südlich des Wiesauer Bahnhofs - auf die wartende Rangierlok geprallt.

Die Folgen der Tragödie waren verheerend. Die mit Kanonenöfen beheizten und von außen verriegelten Waggons seien zu einer Todesfalle geworden. Das sich rasch ausbreitende Feuer, verursacht durch die umgekippten Öfen, und die leicht brennbare Strohschüttung kosteten mehr als 50 Menschen das Leben. Einige der Häftlinge hätten damals die Flucht ergriffen. Über ihr Schicksal ist aber wenig bekannt.

Tote eingeäschert

Was auf dem Bahngleis passierte, hatte der damalige Bahnhofsvorstand Sax in sieben Berichten, die 1995 im nicht mehr genutzten Bahnhofsgebäude Wiesau gefunden wurden, aufgezeichnet: "Zusammenstoß am 23. November 1944. Mehrere Wagen entgleist. Ausgebrannt 4 Wagen, davon zwei sogenannte Packwagen der 33-köpfigen SS-Wachmannschaft. Verletzte: 14 Wachmannschaft (10 mittel, 4 leicht). 66 Häftlinge schwer verletzt. Tote: 51 Häftlinge, 4 Wachmannschaft, 1 Reichsbahn-Lokführer. 15 Unverletzte der SS-Wachmannschaft." Die Toten wurden wenige Tage danach im Krematorium in Selb eingeäschert.

Während die Namen der SS-Männer bekannt waren, blieb die Kommandantur in Flossenbürg die Personalien der getöteten Häftlinge ("Angeblich lauter Ausländer, Russen, Franzosen, Italiener usw.") trotz wiederholtem Ersuchen der Wiesauer Gemeindeverwaltung schuldig. Aus den Akten erfuhr man aber, dass mindestens ein Deutscher - Paul Louis Etzold aus Hohenstein-Ernstthal - unter den Getöteten war. Denn seiner Witwe sprach der Lagerkommandant schriftlich sein Beileid aus. Bis heute beschäftigt die Wiesauer das Unglück am Ortsrand. Inzwischen sind auch die weiteren Namen der Insassen bekannt. Eine von 1 bis 400 durchnummerierte, sogenannte "Frachtliste" tauchte 2012 auf. Mittlerweile ist zudem bekannt, dass die Gefangenen - unter dem tarnenden Transportnamen "Elsabe" - als Zwangsarbeiter für eine geheime Rüstungsfabrik ausgewählt waren.

Mit einer Gedenkfeier und einer anschließenden Enthüllung des Denkmals am Freitag, 17. Mai, erinnert die Gemeinde Wiesau ab 10.30 Uhr an die schrecklichen Geschehnisse vor 75 Jahre. Dabei gibt es auch Erläuterungen des damaligen Unfallhergangs durch Heimatforscher Fähnrich und Anmerkungen von Zeitzeugen.

Hintergrund:

Zeitzeugen erinnern sich

An die Nacht im November 1944 erinnert sich die 86-jährige Wiesauerin Martha Göths noch sehr genau. „Wir wohnten seinerzeit in der Hauptstraße. Ich war 11 Jahre alt, als sich das Unglück ereignete", sagt sie im Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Aufgeschreckt von dem Knall sei ihr damals 42-jähriger Vater Andreas Scharnagl hinunter zur Bahnlinie geeilt. "Er war schwerkrank und daher vom Kriegsdienst freigestellt." An der Bahnlinie angekommen, habe er die Schreie der Verletzten gehört. "Vater wurde von den SS-Leuten gezwungen, beim Aufräumen zu helfen. Man forderte ihn auch auf, die Toten zu bergen.“

Und weiter: „Neugierig, wie ich als kleines Mädchen war, schaute ich während der Nacht durch einen Spalt im Vorhang aus dem Fenster hinaus. Ich konnte nicht schlafen, dann hörte ich etwas auf der Hauptstraße schleifen. Kurz darauf sah ich die kahlgeschorenen Häftlinge, die sich in Reih und Glied dem Haus näherten.“ Was Martha Göths hörte, waren die Bleikugeln, die den Gefangenen an die Füße gebunden waren. „Begleitet wurde der Zug von bewaffneten SS-Leuten.“

Angeblich, so wurde später erzählt, habe ein Bäcker heimlich Brot an die Gefangenen verteilt, fügte die 86-jährige hinzu. Im Kreis der Familie Scharnagl habe man über das Ereignis und was der Vater an der Unglücksstelle machen musste, nie gesprochen. An eines erinnert sich Göths noch sehr genau: „Später wurden an einigen Orten Wiesaus Leichen aufgefunden, die man in einem Grab am Friedhof beerdigte.“ Von verkohlten Knochenfunden, die er in den 1950er Jahren an der Bahnlinie fand, berichtete auch der gebürtige Wiesauer Gerhardt Schmidt-Grillmeier, der heute in Berlin lebt.

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