11.01.2019 - 15:19 Uhr
WiesauOberpfalz

Pfarrkirche St. Michael wächst in einem Kraftakt

Bereits in seinen ersten Amtstagen stellt Joseph Wänninger fest: In der Michaelskirche wird es eng. Er ist seit 1913 Geistlicher in Wiesau und fasst den Entschluss: Eine neue Kirche muss her, wenigstens aber ein Erweiterungsbau.

Die Kirche St. Michael vor der Erweiterung in den 1930er Jahren. Deutlich ist hier die alte Kirchenmauer mit dem Beinhaus zu sehen.
von Werner RoblProfil

In welchem Jahr die katholische Pfarrkirche St. Michael gebaut wurde, lässt sich heute nicht genau sagen. Über das Kirchengebäude ist nur sehr wenig bekannt. Auf einer alten Karte, die aus dem 16. Jahrhundert stammen soll, ist ein wehrhaftes, kurzes Kirchenschiff mit wenigen Fenstern eingezeichnet. Prägend ist der massive Turm, den man auf der Karte deutlich erkennen kann. Ob der Ursprungsbau so aussah, wisse man nicht, berichtet die Ortschronik. „Erbaut 1663“, steht über der Eingangspfote am westlichen Glockenturm. Die Inschrift ist bis heute zu lesen. Zuverlässig aber ist die Angabe nicht, glauben die Macher der Chronik.

Pfarrer Joseph Wänningers Sorge um die Platznot war keineswegs unbegründet. Allein die Schulkinder füllten sämtliche Kirchenstühle. Für die älteren Kirchenbesucher war kaum Platz vorhanden. Um der Enge Herr zu werden, entschloss man sich bereits am 27. April 1913 - rund sieben Wochen nach Wänningers Amtsantritt - zur Gründung eines Kirchenbauvereins. Ziel war es, in der Pfarrkirche Raum für weitere Kirchenstühle zu schaffen. Einig aber war man sich im neu gegründeten Verein aber nicht. Wie so oft gab es zwei Lager. Während die einen für die Erweiterung plädierten, forderten andere wiederum, die vorhandene Kirche abzureißen, um eine neue bauen zu können. Den Diskussionen aber setzte der Weltkrieg ein jähes Ende. Die Sache wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Es folgte 1925 bis 1926 sogar eine Renovierung der marode gewordenen Pfarrkirche. Die Angelegenheit „Kirchenerweiterung“ drohte in Vergessenheit zu geraten. Pfarrer Wänninger verließ danach die Pfarrgemeinde.

Am 10. April 1929 folgte mit Franz Perlinger ein neuer Geistlicher, der sich ideenreich an die brachliegende Sache heranwagte. Perlinger stammte aus der niederbayerischen Pfarrei Runding. Von einem Kirchenneubau war keine Rede mehr. Stattdessen wagte man sich Anfang der 1930er Jahre an die Planung eines Anbaus. Vieles davon wurde wieder verworfen. Zweifellos wurde auch viel diskutiert und gespart. Schließlich einigte man sich auf die jetzige Form eines markanten Querschiffs an der Ostseite. Die Arbeit wurde rasch aufgenommen. Erhalten blieb ein Zitat aus dem Tirschenreuther-Wiesauer Tagblatt: „Im Juni 1934 wurde begonnen.“ Zudem habe man auch den Friedhof hinauf auf den Kreuzberg verlegt. „Ein hartes Stück Arbeit.“

Die Erd-, Beton- und Maurerarbeiten hatte man dem Waldsassener Baumeister Born übertragen. Besonders schwierig gestalteten sich die Fundamente, in die rund 1500 Zentner Zement eingearbeitet wurden. Den Dachstuhl fertigte Baumeister Josef Fröhlich, der auch die Zimmermannsarbeiten in der Kirche übernommen hatte. Er lieferte eine tadellose Arbeit ab, erinnern alte Aufzeichnungen. Die Eindeckung des neuen Kirchendaches hatte man der Wiesauer Fachfirma Spörl übertragen. Die Spenglerarbeiten teilten sich die ortsansässigen Handwerksmeister Daubner und Schreiber. Der Anbau in Richtung Osten wuchs zusehends. In der Pfarrkirche aber wurden zunächst weiter die Gottesdienste gefeiert. Als Ausweichort wurde die Kreuzbergkirche ins Auge gefasst. Das Pfarrgebäude, das zuvor noch mit einem Rundbau endete, nahm seine neue Gestalt an und bildete – von oben betrachtet – nun ein großes Kreuz. Schließlich folgte der Elektroanschluss durch die Oberpfalzwerke. Man war zufrieden; fast in Rekordzeit wurden die Mauern hochgezogen und winterdicht gemacht.

Es war Oktober 1935 geworden: Am Michaelitag wurde die Kirche vorläufig benediziert und wieder freigegeben. Die Schreinermeister Hildner, Lindner, Fichtner und Höcht fertigten derweil neue Kirchenbänke an. Schreinermeister Hildner bekam den Auftrag für die Kirchentüren. Der Winter aber machte den Arbeiten ein Ende. Sehnlichst wurde das Frühjahr erwartet. Der Außenputz stand an. Der Hochaltar wurde aufgestellt, die Heiligenfiguren an ihren neuen Platz gebracht. Den Abschluss und die Krönung aber bildeten die neuen Seitenaltäre, die der Regensburger Bildhauer Jakob Helmer geschnitzt hatte. Zu erwähnen sind noch die Beichtstühle, die aus der Werkstatt des Wiesauer Schreinermeisters Hildner stammten. Aus der alten Pfarrkirche war jetzt eine fast neue geworden. „Der weite lichtvolle Raum und die leuchtenden Altäre wirken herrlich und geben ein stimmungsvolles Bild“, schrieb seinerzeit das Tirschenreuther-Wiesauer Tagblatt. Bischof Dr. Michael Buchberger, der zur Einweihung nach Wiesau gekommen war, zeigte sich erstaunt. Zwei Jahre später aber machte man sich erneut daran, für die Kirche Geld in die Hand zu nehmen. Die Kirchturmuhr musste dringend repariert werden.

Hintergrund:

Bekennender Kreuzberger

Die Fotos zum Bericht stammen aus dem Archiv, das Werner Robl seit rund sechs Jahren zusammenstellt. Der Wiesauer, der seit 1992 in Fuchsmühl lebt, hat rund 12.000 Aufnahmen digitalisiert und auf einer Festplatte gespeichert. In regelmäßigen Ausstellungen zeigt er eine Auswahl seiner Exponate auch der breiten Öffentlichkeit. Seit drei Jahren erscheint der von ihm und gemeinsam mit Sohn Michael gestaltete Jahreskalender, der zugleich auch ein Rückblick in eine längst vergangene „gute alte Zeit“ ist und in dem Wiesau stets die „Hauptrolle“ spielt.

Werner Robl kam 1957 am Wiesauer Kreuzberg zur Welt. Als zweitjüngster von drei Geschwistern wuchs der Oberpfälzer dort auch auf. Als aktives Mitglied der Fuchsmühler Laienspielgruppe ist der bekennende Kreuzberger und Stiftländer regelmäßig auch auf der Bühne zu sehen. Der 61-jährige wurde vor wenigen Monaten in den Kreis der „Grenzlandschreiber“ berufen. Sein jüngstes Werk nennt sich „Die Krippe am Schützweiher – Jesu Geburt im Steinwald“. Die Weihnachtsgeschichte, die in einigen Monaten auch als illustriertes Buch erscheint, spielt im Steinwald und wurde 2018 erfolgreich bei der Caritas-Seniorenfeier in Fuchsmühl uraufgeführt.

Der Rundbau an der Ostseite musste weichen. An dessen Stelle sollte das neue Querschiff für mehr Platz in der Kirche sorgen.
Auf der Baustelle wird fleißig gearbeitet. An der Stelle, an der das Foto entstand, befand sich der alte Friedhof.
Die Baustelle wächst. Rechts auf dem Foto das Rotheignerhaus. Heute befindet sich dort ein Parkplatz.
Gerüste und Arbeiter prägen das Bild.
Die Ziegel wurden an Ort und Stelle für den Neubau verwendet. Schließlich war das Geld knapp.
Arbeiter hoch oben auf der Kirchenbaustelle.
Es fehlte nur noch der Außenputz, dann war der Anbau abgeschlossen.
Bei der Einweihung durch Bischof Buchberger waren zahlreiche Gläubige anwesend.
Blick vom Kreuzberg auf die „neue“ Pfarrkirche St. Michael.
Mit dem Neubau verschwand auch die alte Sakristei, die sich im Rundbau befunden hatte.
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