21.11.2021 - 10:25 Uhr
WiesauOberpfalz

Den Tassen und Tellern des Urgroßvaters Josef auf der Spur

Toni Dutz ersteigert übers Internet Porzellan zurück, das sein Urgroßvater vor 100 Jahren in der Nähe von Karlsbad hergestellt hat. Das sogenannte Fein- und Ätzkante-Porzellan wurde bis Nizza, Venedig, Paris und Australien verkauft.

Bürgermeister Toni Dutz hat auch in seinem Rathausbüro einige wertvolle Schätze aus Porzellan. Der 63-Jährige findet immer mehr des guten Geschirrs, das sein Großvater einst herstellte. Diese fein bemalte Obstschale spürte er in Australien auf.
von Ulla Britta BaumerProfil

Toni Dutz, Bürgermeister von Wiesau, hat ein neues Hobby: Er sammelt altes Porzellan. Vitrinen und Schränke sind voll damit. "Mein Frau sagt manchmal zu mir, ob es denn jetzt nicht endlich genug ist", erzählt Dutz und lacht. Er weiß um die Platznot, dennoch kann er mit dem Sammeln nicht aufhören. Im Vordergrund steht dabei weniger die Sammelleidenschaft. Bei dem 63-jährigen Wiesauer hat das Hobby familiäre Hintergründe. Vor genau 100 Jahren, ab 1921, stellten sein Urgroßvater und sein Großvater, Josef und Anton Dutz, in Alt-Rohlau bei Karlsbad feinstes Porzellan her.

Begehrte Luxusware

Das Zier-Porzellan, meist aufwendig bis in den Tassenboden vergoldet, ist also genau genommen ein Familien-Schatz. Sein Großvater lernte einst Porzellanmaler und wollte sich dann selbstständig machen, erzählt Toni Dutz. "In Karlsbad gab es besonders gute Porzellanerde", erklärt er weiter, warum seine Vorfahren dort ihre erste Manufaktur eröffnet haben. Geschickt und talentiert waren die Dutz-Porzellaner fraglos: Öffnet der Wiesauer seine Schränke, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein Schatz reiht sich an den nächsten. Aus dem hochwertigen Porzellan konnte 1 A-Ware hergestellt werden. Bunt verziert und vergoldet wird es deshalb bis heute im Internet auch teuer gehandelt. Da kostet ein Tässchen gut 100 Euro oder ein Geschirr bis zu 800 Euro.

So viel hat Toni Dutz unter anderem in München investiert. Im Netz bot eine alte Dame aus der Landeshauptstadt ein wertvolles Tafelgedeck an. "Sie hat es damals für 13 000 Mark in einem Luxusladen in München gekauft", recherchierte Dutz. Das Porzellan war damals schon sehr begehrt. Toni Dutz erzählt sehr stolz, dass die Ware seiner Vorfahren in ganz Europa verkauft wurde, besonders in Nizza und Venedig. "Vor allem in Belgien und Frankreich war sie sehr begehrt." Es habe sogar einen Stempel für die feinen Produkte in französischer Sprache gegeben, die sein Urgroßvater Josef handschriftlich unterschrieben habe.

Flucht und Neuanfang

Dutz' Urgroßvater Josef konnte vielen Arbeitern in Tschechien Lohn und Brot geben. Als der Zweite Weltkrieg und die Vertreibung aus Böhmen begannen, kam einer der Arbeiter heimlich zu Josef Dutz und riet ihm dringend, sofort das Land zu verlassen. Sonst werde er zur Zwangsarbeit im Bergwerk eingezogen. "Mein Vorfahr hat seine Arbeiter sicherlich sehr gut behandelt", sinniert Dutz heute. Sonst hätte der Tscheche seinem deutschstämmigen Arbeitgeber bestimmt nicht geholfen.

Um nicht mittellos auswandern zu müssen, habe seine Familie aus der damaligen Tschechoslowakei wichtiges Material - Druckplatten und Goldfarbe - nach Deutschland geschmuggelt. "Das war sehr gefährlich. Ich darf gar nicht dran denken, was passiert wäre, hätten die meinen Urgroßvater und Großvater erwischt." Bei dem mutigen Schmuggler handelte es sich um Norbert Dutz, Vater von Toni Dutz. Die Vertriebenen landeten zunächst in Waldershof, dort lernte Dutz' Vater später seine Frau an seinem neuen Arbeitsplatz kennen.

Wenig später zog Familie Dutz nach Wiesau, wo sie wieder eine Porzellan-Manufaktur eröffnete, zuerst provisorisch, dann ein festes Gebäude. Ein Wiesauer Inspektor, dem Großvater Anton Dutz im Krieg geholfen hat, löste damit ein Versprechen ein, dem Porzellanmaler auch zu helfen. Der Inspektor verschaffte der Familie 1948 ein Grundstück in Wiesau.

Der 63-Jährige greift zur Festschrift des Nordgautags, in der alte Fotos der ehemaligen Porzellanmanufaktur abgebildet sind. "Das ist meine Oma Anna", zeigt er auf eine junge Frau, die aus dem Fenster einer Halle schaut. Heute schaut Toni Dutz aus diesem Fenster. Die ehemalige Fabrik ist nun sein Wohnhaus. Als der Einbruch der Porzellanindustrie vor gut 30 Jahren kam, gaben Dutz' Eltern den Betrieb auf. Die Manufaktur wurde zum Wohnhaus umgebaut, berichtet Toni Dutz. Bis 1990 seien immerhin drei Brennöfen in Betrieb gewesen. Sein Vater beschäftigte knapp ein Dutzend Arbeiter, weiß der Wiesauer Bürgermeister.

Viele Stücke Familiengeschichte

Natürlich hob die Familie viele gute Stücke von der teuren Ware auf. Doch das ist dem Urenkel des Firmengründers nicht genug. Er ist weiter auf der Suche nach dem feinen Familien-Porzellan. Früher war es eher Zufall, wenn eine Tasse, Keksdose oder eine Bonboniere zurück zur Hersteller-Familie fand. Mit dem Internet ist die Suche einfacher geworden. Sind die wertvollen Exemplare farblich etwas angeschlagen, lässt sie Toni Dutz in der Porzellanmanufaktur Heinz Leitner in Wiesau neu brennen. Denn für den 63-Jährigen ist das Porzellan mehr als eine Erinnerung. Die Espressotässchen, die Schalen, die Dosen, das Tafelgedeck sind für ihn ein Stück Familiengeschichte. Beim Betrachten der wertvollen Teile sinniert der Bürgermeister darüber nach, bald eine Vitrine im Rathaus mit Porzellan aus seiner Sammlung zu bestücken - als kleine Ausstellung und historischen Hinweis darauf, dass auch Wiesau neben Mitterteich und Tirschenreuth in Sachen Porzellanherstellung gut dabei gewesen ist.

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"Vor allem in Belgien und Frankreich war sie sehr begehrt."

Toni Dutz über die Porzellan-Ware, die seine Vorfahren herstellen

 

 

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